[Rezension] Kass Morgan: Die 100

Details:
Autorin: Kass Morgan | Originaltitel: The 100 | übersetzt von: Michael Pfingstl | Genre: Jugendbuch, Dystopie | Reihe: Die 100 | Band innerhalb der Reihe: 1 | Gattung: Roman | Verlag: Heyne fliegt ( 2015 )

Die 100 von Kass MorganDie beinahe 18-jährige Clarke kennt die Erde nur aus Büchern und Geschichten. Denn seit über 300 Jahren hat kein Mensch mehr einen Fuß auf die Erde gesetzt. Stattdessen lebt die Menschheit auf drei Koloniestationen, der Phoenix, der Walden und der Arcadia, die miteinander verbunden sind. Auf den Stationen herrschen strenge Regeln und jeder kleinste Verstoß führt zur Inhaftierung und immer häufiger zum Tod der Verurteilten. Clarke wartet auf ihren Geburtstag; Sie wartet auf ihre Hinrichtung.

Ein unerwartetes Schicksal

Doch als der Arzt kommt, wartet nicht die Todesspritze auf Clarke, sondern er legt ihr ein Armband an, das ihre Vitalfunktionen festhalten soll. Denn Clarke wird mit weiteren 99 inhaftierten Jugendlichen auf die Erde geschickt. Ziel der Expedition ist es herauszufinden, ob die Erde inzwischen wieder bewohnbar und für eine Wiederbesiedlung bereit ist. Doch nach Stunde Null und der Strahlenkontamination des gesamten Erdballs hat sich die Natur und die Tierwelt verändert, wovon die Überlebenden nichts ahnen.

Vorbereitet auf dieses unerwartete Schicksal ist lediglich Bellamy, der seine kleine Schwester beschützen will, die ebenfalls zu den Inhaftierten gehört. Er geht auf’s Ganze, um an Bord des Transportschiffes zur Erde zu gelangen, bedroht den Präsidenten und löst Chaos aus. Diesen einen Moment nutzt die gefangene Glass aus und flieht vom Schiff zurück auf die Kolonie, um sich von ihrer großen Liebe Luke zu verabschieden. Sie will ihm nur noch einmal sagen, was sie all die Monate in der Arrestzelle nicht tun konnte. Doch Luke hat inzwischen eine neue Freundin und Glass ist am Boden zerstört. Doch die ganze Wahrheit kennt keiner.

An Bord des Transportschiffes ist auch Wells, der Sohn des Präsidenten. Er hat den Edenbaum angezündet, die letzte Pflanze, die vor Stunde Null gerettet wurde und als Wahrzeichen für die verbliebene Menschheit steht. Doch seine Liebe zu Clarke zwingt ihn dazu, er muss ebenfalls auf das Transportschiff zur Erde. Doch was die Jugendlichen auf dem blauen und einst verstrahlten Planeten erwartet, konnte niemand von ihnen vorausahnen. Die frische Luft, das Wechselspiel von Tag und Nacht, die leuchtend hellen Sterne und die Dämmerung beseelen ihre Sinne und doch entwickeln sich schnell Konkurrenzkämpfe, wodurch sie die eigentliche Gefahr vollkommen übersehen …

Spannend – vielfältig – viel zu kurz

Aus vier Perspektiven wird „Die 100“ erzählt: Clarke, deren Eltern hingerichtet wurden, Wells, der schuld daran ist und der es wiedergutzumachen versucht, Bellamy, der nur an seine Schwester denkt, und Glass, die ein bitteres Geheimnis hat. Diese vier Figuren sind miteinander verknüpft und stehen doch auch für sich allein. Kass Morgan gibt jeder eine eigene Stimme und eine eigene Geschichte, die früher oder später miteinander verknüpft werden. Alle vier haben eine Vergangenheit, sind sich in dieser vielleicht schon einmal begegnet, möglicherweise sogar ohne es zu wissen. Die Kolonien sind von Menschen bevölkert, die nach Freiheit streben, unterdrückt werden und denen die Luft zum Atmen fehlt; Ihnen wird die Wahrheit verschwiegen und wer nicht den Regeln folgt, wird hingerichtet.

Ich liebe es, wenn Geschichten aus einem Spinnennetz gestrickt sind, das sich nach und nach vergrößert, neue Verknüpfungspunkte aufzeigt und das Handeln jeder Figur einen neuen Strang preisgibt. Morgans Figuren sind nicht nur interessant, man will als Leser wissen, was sie ganz am Anfang an den Punkt gebracht hat, im Gefängnis zu landen. Welches Motiv treibt sie voran, welches Unglück hat sie befallen und sobald man dies erfährt, sieht man erschrocken in die Zukunft und erwartet gespannt jede einzelne Entscheidung einer jeden Figur, die nicht nur für sich selbst über Leben und Tod bestimmen kann, sondern auch über das Schicksal der anderen. Was geschieht in den Koloniestationen, was passiert auf der Erde?

Kass Morgans „Die 100“ ist nicht nur eine Jugendbuch-Dystopie, sondern auch eine Sozialstudie über Menschen, die ums Überleben kämpfen. Vielleicht hat man gerade deshalb eine gewisse Distanz zu den Figuren, die mir persönlich gut gefallen hat. Ich wurde nicht so sehr in die Ereignisse hineingezogen, sondern konnte die Zuspitzung mit einem Blick von außen erleben, der nüchterner war, als ich es erwartet habe. Band 1 macht definitiv Lust auf mehr, denn eigentlich beginnt die Geschichte jetzt erst richtig, nachdem die Figuren und ihr Umfeld sowie die vergangenen Ereignisse dem Leser näher gebracht worden und die Schrecken, die nahen, ins Licht getreten sind. „Die 100“ hat mir ein aufregendes, aber auch kurzweiliges Lesevergnügen bereitet – eine Lektüre für Zwischendurch – das mir Hoffnung darauf macht, in Band 2 so richtig in Fahrt zu kommen, nachdem es eher gemächlich mit vielen Rückblenden begonnen hat.

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