[Rezension] Katharina Winkler: Blauschmuck

Blauschmuck von Katharina WinklerFiliz Lale wächst in einem kurdischen Dorf auf mit vielen Geschwistern und als Mädchen hat sie großes Glück: ihr Vater erlaubt ihr, zur Schule zu gehen. Sie ist schlau, doch ein Studium in der Stadt darf sie nicht beginnen, denn schon bei ihrer älteren Schwester vergeudete der Vater sein wertvolles Geld, da jene inzwischen verheiratet, Hausfrau und Muttter mehrerer Kinder ist; die teure Ausbildung hat sich nicht ausgezahlt. Filiz bleibt diese Bildung verwehrt. Ehre und Gehorsam sind die obersten Werte, die der Vater von seiner Familie fordert und werden diese nicht eingehalten, so sind Schläge bis zur Bewusstlosigkeit die Folge.

Gewalttradition: Eine Welt aus Blautönen

Für Filiz besteht die Welt der Frauen aus ihrem Dorf aus Blautönen. Jede von ihnen schmückt sich mit einem Blau, das sich von Tag zu Tag verändern kann, von tiefstem Dunkelblau bis hin zu blassen Tönen, Schattierungen und Varianten eines verschwiegenen Habitus: der Gewalt. Die Himmellosen dagegen, Frauen, deren Körper kein Blau trägt, werden geächtet und als Aussätzige behandelt. Sie stehen am Rand der Gesellschaft, sind unverheiratet. Filiz fragt sich, welchen Blauschmuck sie eines Tages tragen wird und träumt das Leben einer Ehefrau. In klarer Sprache, aber mit Metaphern durchwebt schildert Katharina Winkler eine Gesellschaft, in welcher die Frau dem Mann als Familienoberhaupt untergeordnet und die ganze Familie den extremen Launen des Vaters ausgesetzt ist – und nimmt als Grundlage eine wahre Geschichte.

Beklemmend lesen sich die Worte von Katharina Winkler, die ihrer Hauptfigur Filiz eine gewisse Naivität und hoffnungsvolle Freude mitgibt. Sie hat als Tochter der Familie genau zwei Aufgaben: die Lämmer zu hüten und ihre Jungfrau zu bewahren, auch wenn sie bei letzterem nicht genau weiß, was das bedeutet. Und jeder schweigt. Ein gewaltdurchzogenes Leben breitet sich vor Filiz aus, nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule, und hat sie als Mädchen noch den Schutz ihrer Geschwister sowie ihrer Mutter, endet dies als Filiz sich verliebt und gegen den Willen ihres Vaters heiratet.

Gewalt und Liebe

Filiz hat keine Familie mehr. Ihr Vater verstößt sie, redet nicht mehr mit ihr, denn die Ehre der Familie ist beschmutzt. Filiz war ungehorsam, hat sich heimlich verheiraten lassen und ihre Jungfräulichkeit verloren. Von nun an lebt sie im Haus ihrer Schwiegermutter, der fetten Spinne, die sie unterdrückt und ausnutzt. Und als die erste Verliebtheit mit Yunus nachlässt, beginnt der Zirkel aus Gewalt. Filiz hat plötzlich ihren eigenen Blauschmuck, schmerzvoll erlangt. Sie schweigt und gibt sich demütig, wird zum blinden Fleck ihrer neuen Familie, die sie als Sklavin hält. Gefangen im Haus verrichtet sie alle Arbeiten, wird schwanger und frisst der fetten Spinne angeblich alle Haare vom Kopf, denn ihr Ehemann verdient kein Geld und lässt seinen Frust gepaart mit Alkohol an Filiz aus. Filiz ist schuldig in den Augen ihrer Schwiegermutter. Mit 15 Jahren bekommt sie ihr erstes Kind, das jene an sich reißt und ihr somit jegliches Mutterglück raubt. Falsche Ehrbegriffe und eine lang gelebte Gewalttradition machen Filiz zum Opfer, die keinerlei Möglichkeiten hat, aus dem Teufelskreis zu entfliehen. Sie hat keine Freunde und keinen Kontakt nach außen. Nur ihre drei Kinder Halil, Selin und Seda lassen sie durchhalten, für sie lebt Filiz.

Eine beklemmende, machtvolle Geschichte

Schon nach den ersten Seiten von Katharina Winklers Roman breitet sich eine beklemmende, tief berührende und zugleich machtvolle, ja, bedeutsame  Geschichte aus. Mit einer geradezu klaren und schneidenden Sprache erzählt die Autorin von einer wahren Begebenheit und nutzt dabei die Welt der Metaphern auf besondere Art und Weise. Immer wieder greift Winkler auf das Tierreich zurück, gibt ihren Figuren nicht nur menschliche Charaktereigenschaften, sondern auch tierische Pendants. Mit ihrer bildhaften Sprache greift sie damit das Schweigen der Gesellschaft und das Schweigen in den einzelnen Familien auf und verdeutlicht über die Welt der Imagination wie wortlos Filiz, aber auch ihr Mann Yunus eigentlich sind. Denn Sprache wird kaum genutzt, alles wird über Gesten und Handlungen ausgetragen, Nicht-Reden ist der Alltag aus Gewalt und dem Blauschmuck, der gesellschaftlich anerkannt ist.

Jener Blauschmuck, der durch einen Kreislauf aus Schweigen und Erdulden zu etwas ganz Persönlichem wird, den jede Frau hegt und hütet, der sie schmückt und durch diese Begrifflichkeit zu etwas Schönem wird, obwohl er eigentlich pure Grausamkeit widerspiegelt. Es ist dieses Widerspiel, das Katharina Winkler immer wieder anwendet, das Einsamkeit, Gewalt und Schmerz hervorholt, nicht zuletzt, wenn Filiz von ihrem Nicht-Körper spricht, der misshandelt und missbraucht wird; physisch, psychisch in ihrem innersten Kern getroffen wird. „Blauschmuck“ ist ein Roman, der auch seinen Leser im innersten Kern erschüttert. Unbedingt lesen!

Details zum Buch: Autorin: Katharina Winkler | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Suhrkamp ( 2016 )

Weitere Rezensionen: 54books | Buzzaldrins Bücher | Revolution, Baby, Revolution

13 Kommentare

  1. Hallo!
    Eine berührende Rezension hast du geschrieben. Ich habe Blauschmuck vergangene Woche auch gelesen, weiß aber noch nicht, ob ich es rezensieren werde. Ich habe Angst, dass ich meine Gedanken nicht so ausdrucksstark in Worte fassen kann, wie es das Buch verdient hat. Ich kann dir nur uneingeschränkt Recht geben und hoffe, dass das Buch noch viele Leser findet.
    LG
    Yvonne

    1. Hallo Yvonne,

      danke für deine lieben Worte! Ich kann verstehen, dass man nach diesem Buch auch gar nicht die richtigen Worte finden kann, die die Lektüre des Buches auch weitertragen. Bei „Blauschmuck“ war ich mir auch nicht sicher, ob es was werden wird, ich wollte es aber einfach versuchen und bin froh, dass es doch gelungen ist. (:

      Liebe Grüße, Ramona

  2. Pingback: Blauschmuck von Katharina Winkler oder wenn Gewalt zu Literatur wird
  3. Ja die Realität ist häufig beklemmend, das sollte man nicht verleugnen. Ich habe mal das Buch angefangen „Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen“ von Siba Shakib. Es war so beklemmend, dass ich es weglegen musste.

  4. Hallo Ramona,

    ich weiß immer noch nicht ob ich dieses Buch lesen möchte oder nicht. Thematisch interessiert es mich sehr, aber ich befürchte irgendwie, dass es zu beklemmend ist. Nach den letzten Rezensionen die ich dazu gelesen habe dachte ich, dass ich das Buch eher nicht lesen möchte. Jetzt nach deiner toll geschriebenen Rezension bin ich doch wieder neugierig auf das Buch.

    LG
    Julia

    1. Liebe Julia,

      dann wage dich ran! Es ist wirklich ein Buch, das nachdrücklich beeindruckt, das – ja durchaus – auch beklemmend ist, aber einen selbst auch irgendwie weiterbringt, zeigt, was in der Welt geschieht und einen mal aus der eigenen Blubber/Filterblase herauszerrt.

      Viele Grüße
      Ramona

  5. Vielen Dank für Deine tolle Rezension. Für ein solches Buch ist es sicher nicht einfach, die richtigen Worte zu finden. Mich hast Du überzeugt, dass es sich lohnt, das Buch zu lesen, obwohl oder gerade weil es kein lustiges Buch ist. Beim Lesen Deiner Rezension ist mir durch den Kopf gegangen, wie dankbar ich sein kann, dass ich im Deutschland der heutigen Zeit geboren und aufgewachsen bin und Möglichkeiten hatte und habe, die Filiz genauso verdient aber nie bekommen hat.

    #Litnetzwerk-Grüße von Gabi

    1. Liebe Gabi, ich freu mich, dass meine Rezension dich vom Lesen des Buches überzeugen konnte. Und ja, du hast vollkommen Recht. Man muss dankbar für die Gegebenheiten sein, die wir hier in Deutschland von Geburt an schon haben.

      Viele Grüße, Ramona

  6. Hallo,
    das Buch habe ich letzten Herbst im Zuge der Preisverleihung zum besten Debüt beim Blog Das Debüt gelesen. Es war zwar schockierend und aufwühlend, aber leider durch die Wahl, es ausschließlich aus Sicht von Filiz zu schreiben, auch zu eintönig. Trotzdem ein wichtiges Buch, welches lange nachhallt und literarisch anspruchsvoll geschrieben ist.

  7. Liebe Ramona,

    ich kann dir hier nur zustimmen und empfehle dieses Buch wirklich jedem. Ich habe es zwar nicht rezensiert, aber gelesen und war genauso „begeistert“ wie du.

    Liebe Grüße
    Petzi

  8. Hallo Ramona,
    Eine starke Rezension hast du hier geschrieben. Das Buch steht schon länger auf meiner Wunschliste, aber deine Worte haben mich noch einmal in meinem Entschluss bestärkt, dass Buch nun wirklich bald zu lesen. Es wird bestimmt keine einfache Lektüre, aber bestimmt berührend und bereichernd. Das bringst du mit deinem Text auf jeden Fall sehr gut rüber.
    Danke für deine schöne Rezension, denn dieses Buch spricht ein wichtiges Thema an und ich wünsche ihm viele Leser, damit mehr Menschen sich damit auseinandersetzen. Und als Blogger können wir durch solche Empfehlungen ja unseren kleinen Teil dazu beitragen.
    Ganz liebe Grüße, Julia

  9. Liebe Ramona,

    danke dir für diese so ansprechende Rezension. Das Buch steht auf meiner Liste, aber ich hatte bisher doch noch gezögert. ich glaube ich muss das dringend ändern.

    Liebe Grüße und noch ein schönes Pfingstwochenende wünsche ich dir!
    Alexandra

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