[Rezension] Kracht, Christian: Imperium

Details:

Originaltitel: Imperium
Autor: Christian Kracht
Genre: Gegenwartsliteratur
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: Kiepenheuer & Witsch ( 2012 )
Seiten: 242

Inhalt:

August Engelhardt, Nudist, Vegetarier und Bartträger aus Nürnberg entscheidet sich, seine gesellschaftlichen Zelte in Franken abzubrechen, um in Neupommern, einem deutschen Schutzgebiet in der Südsee, Pflanzer auf einer Kokosplantage zu werden. Der Ortswechsel stellt für ihn nicht nur einen radikalen Lebensschnitt dar, sondern auch auf spiritueller Ebene versucht er sich Gott zu nähern und zwar durch die Kokosnuss, die für Engelhardt der Inbegriff der Reinheit und Göttlichkeit darstellt. Er will am anderen Ende der Welt ein Paradies erschaffen, in welchem keiner an gesellschaftliche Zwänge gebunden ist, sondern jeder in seiner natürlichen Nacktheit göttlich werden kann.

Meinung:

Wir schreiben den Beginn des 20. Jahrhunderts. Der erste Weltkrieg steht bevor, doch darum geht es in Imperium nicht, denn der Protagonist, von dem dieser Bericht handelt ist August Engelhardt. Ein junger Mann, der sich gegen die Normen der Gesellschaft richtet und beschließt in die deutsche Kolonie Neupommern zu reisen, um dort seinen Lebensstil komplett zu ändern. Er kauft die kleine Insel Kabakon, auf dem nur einige Eingeborene leben, und versucht dort die Gemeinschaft der Sonnenanbeter zu erschaffen.

Ziel ist die Vergöttlichung, ein Paradies, eine Utopie, die gegen das Bild der europäischen Gesellschaft gerichtet ist, die sich geradewegs auf dem Weg in die Moderne befindet und damit auf zwei Weltkriege zubewegt. Er folgt einem Spleen, der sich zum Wahnsinn entwickelt: Das Göttliche durch die Kokosnuss, die Gottesfrucht schlechthin, zu erreichen. Er will ein God-eater werden.

Doch seine grandiose Idee scheint unter seinen Mitmenschen keinen großen Anklang zu finden. Schon in Deutschland gab es nur wenig Sympathie für den langhaarigen, barttragenden und in langen Gewändern herumlaufenden jungen Mann. Auch in der Kolonie stößt er auf wenig Sympathisanten, lediglich der Eingeborenenjunge Makeli ist fasziniert von dem Deutschen, der ihm die Klassiker der Weltliteratur auf Deutsch näher bringt.

Auch auf Seiten des Lesers gibt es wohl wenig Sympathie für Engelhardt. Er ist ein Träumer, der nicht nur eine Idee zur Rettung der Menschheit hat, sondern dessen Spleen einer Religion der Sonnenanbeter sich zu einem regelrechten Wahnsinn entwickelt, der ihn und seine Insel in den Abgrund zu treiben scheint.

Christian Kracht mag mit den Elementen eines Abenteuerromans á la Joseph Conrad, R.L. Stevenson oder sogar Herman Melvilles spielen, doch eigentlich handelt es sich bei diesem Roman eher um die Achterbahnfahrt eines völlig abgedrehten Irren, der seinem Glauben an die Gottwerdung durch die Kokosnuss vollständig verfallen ist und durch deren Durchführung und Folgen nur noch wahnsinniger wird, dabei das Band zur Realität vollständig verliert und als passiver Nudist auf einer Insel mitten in der Südsee dahinvegetiert.

Mehr als einmal habe ich mich als Leser des Buches gefragt, ob der Autor versucht, seine Leser wortwörtlich „zu verarschen“ oder ob dieses kunterbunte und völlig surreale Abenteuer sein Ernst sei. Desto mehr überraschte mich in meiner nach Beendigung des Buches durchgeführten Recherche, dass es tatsächlich einen August Engelhardt gegeben haben soll, der auf der Insel Kabakon 1902 seinen Sonnenorden gegründet hat. Ob dieser auch ein Kokovare werden wollte?

Imperium ist eine ziemlich verrückte Geschichte, mit einem Protagonisten, der nicht unbedingt viel Sympathie beim Leser weckt, eher für Mitleid sorgt und dessen verträumter Blick auf die Welt ein ziemlich großes Durcheinander anrichtet. Die exotische Sprache und der auktoriale Erzähler, der auf der Zeitschiene gerne einmal vorausgreift und die schicksalhaften Verknüpfungen aufklärt, geben dem Buch zwar eine eigene Note, trösten aber auch nicht darüber hinweg, dass es insgesamt ein – wenn auch wahnsinniger – Kurztrip in die Südsee bleibt.

Fazit:

Christian Krachts Roman Imperium soll ein Abenteuerroman sein, für mich war die Leseerfahrung allerdings weniger abenteuerlich als vielmehr absolut kurios. Engelhardt ist nicht nur ein Romantiker, wie er im Buch beschrieben wird, sondern auch ein Wahnsinniger, der einer Idee verfallen ist, die mich als Leser mehr als einmal vor den Kopf stößt und ich mich immer wieder gefragt habe, ob ich wirklich wissen möchte, welche abstrusen Ereignisse der Kokovare in der Südsee noch so zu verschulden hat. Die Kokosnuss, die Sekte des Sonnenordens, jede Menge Strand und eine Kolonie, die irgendwie der Mikrokosmos der modernen Gesellschaft widerspiegelt.

Bewertung: [3 ½/5]

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