[Rezension] Lappert, Simone: Wurfschatten

Details zum Buch:
Autorin: Simone Lappert | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Metrolit Verlag ( 2014 ) | Seiten: 207

Wurfschatten von Simone LappertAda lebt in ständiger Angst. Regelrechte Panik steigt in ihr hoch, schnürt ihr die Kehle zu, raubt ihr die Luft. Eine unbenannte, schleichende Panik vor Umweltkatastrophen, Krankheiten, Menschen. Ihr eigener Körper ist ihr Feind und trennt sie von der Welt draußen in einem immer werdenden Raum aus Furcht und Dunkelheit.

Ein (de)maskiertes Leben

Ada träumt davon eine große Schauspielerin auf einer Theaterbühne zu sein. Doch ihr Traum hat sich bisher nicht erfüllt. Stattdessen schlägt sie sich mit einem Job als Leiche auf einem Unterhaltungsschiff durch, von dem sie nicht einmal ihre Miete zahlen kann. Ihr Vermieter setzt ihr zu und fordert sie auf, ihre Wohnung zu räumen. Ada lebt in Angst. Aber nicht nur in der Angst bald obdachlos zu sein, sondern in einer beklemmenden Angst, die sich jederzeit an sie heranschleichen kann, sie um ihr Herz legt, sie zum Zittern bringt und ihr den Atem raubt. Ada lebt in ständiger Panik. Mal ist es ihr pochendes Knie, mal das nächste Erdbeben oder der zwielichtig dreinschauende Nachbar.

Das Leben der jungen Frau besteht aus einer Angst vor der Angst, die sie von hinten packt und nicht mehr loslässt. Adas Leben stagniert. Vor ihren Freunden gibt sie sich als glückliche Frau, die auf ihren Durchbruch beim nächsten großen Casting hofft. Eine wirkliche Vertraute gibt es nicht in ihrem Leben, nur die Ärztin im Krankenhaus weiß über Adas Leiden Bescheid, doch Hilfe findet sie für ihre plötzlichen Panikattacken nirgends. Sie lebt von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, immer wartend auf die nächste Angstwelle, die sie überkommen wird.

Dies ändert sich als eines Tages plötzlich ein Mann in ihrer Wohnung auftaucht: Juri, der Enkel ihres Vermieters hat sich in einem der Zimmer eingenistet. Adas ehemaliges Therapiezimmer – in welchem sie an einer Wand ihr Angstalphabet in einer Collage verarbeitet hat – wird Juris neues Reich. Ada hat nun ein ganz anderes Ziel. Sie muss den Eindringling aus ihrer Wohnung bekommen, damit niemand ihre verkorkste Seele kennenlernt und von ihren dauerhaften Ängsten erfährt. Geradezu besessen plant sie nun ihren Tag um Juri herum. Möglichst wenig direkten Kontakt, dafür umso mehr indirekte Belästigung. Doch dann wird dieser junge Goldschmied, der von allerlei Musikinstrumenten fasziniert ist, zu Adas Fixpunkt gegen die Angst, wenn sie es zulässt.

Ein Strudel aus Worten, ein Strudel aus Angst

Das Debüt von Simone Lappert ist rundum gelungen. Die Autorin beschreibt das Leben ihrer Protagonistin mit bildhafter Genauigkeit und vermittelt durch ihre Worte die Schwere ihres Schicksals, aber gleichzeitig gelingt es ihr auch eine Leichtigkeit in die Geschichte zu bringen, um dem Leser einen Teil dieser niederdrückenden Gedankenwelt, in welcher sich Ada befindet, zu nehmen.

Wurfschatten glänzt durch eine atmosphärische Dunkelheit, durch welche der Leser mit Ada schreitet. Mit ihr gemeinsam erlebt er die sich anbahnende Panik, die Angst vor den Dingen, den Menschen, vor dem Entdeckt werden und der gleichzeitigen Angst im Kreislauf ihrer Ängste gefangen zu bleiben. Simone Lappert erzählt aber nicht nur von Ängsten, sondern auch von Masken, die wir als Menschen mit uns herumtragen, die unsere Ängste verbergen und ein Bild nach außen senden, das es unserer Umwelt und uns selbst leichter macht zu existieren. Lapperts Figuren sind allesamt davon betroffen und so baut sie hinter dem was gesagt wird eine zweite Geschichte, aus dem, was wirklich geschehen ist. Faszinierend und spannungsgeladen bis zur letzten Seite.

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