[Rezension] Lauren Oliver: Rooms

Details:
Autorin: Lauren Oliver | Genre: Belletristik, Fiction | Sprache: Englisch | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Hodder & Stoughton ( 2014 ) | Seiten: 339

Rooms von Lauren OliverAlice und Sandra sind schon seit langem tot. Als Geister gespenstern sie körperlos im Haus am Coral River herum, dem Ort, an dem sie starben, und beobachten das Geschehen in dessen Wänden. Als Richard Walker, aktueller Bewohner des Hauses, endlich stirbt, sind sie erleichtert, mehr darüber, dass er nicht im Haus starb, sondern im Krankenhaus. Denn Sandra und Alice haben genug an ihrer gegenseitigen Anwesenheit zu knabbern, als dass sie sich über einen neun Geist freuen würden, der schon zu Lebzeiten ein gemeiner alter Mann war. Aber als seine Exfrau Caroline mit den Kindern auftaucht, werden nicht nur bei den Geistern Erinnerungen wach.

Das Leben und die Ewigkeit

Vor Jahren bereits ging die Ehe zwischen Richard und Caroline zu Ende, doch Susan und Alice erinnern sich noch lebhaft an die Frau, die sie nun kaum mehr wiedererkennen: Caroline ist fett geworden und dazu noch eine Trinkerin. Auch die Kinder Minna und Trenton haben sich verändert, aus dem einst süßen Jungen ist ein verwirrter, depressiver und schweigsamer Jugendlicher geworden. Einzig die sechsjährige Amy bringt echtes Leben ins Haus. Familie Walker hat sich auseinandergelebt und der Tod von Richard kann die Familie nicht wirklich zusammenführen. So zieht jeder durch die Räume des Hauses, einsam und auf sich gestellt, mit düsteren Gedanken, verlorenen Träumen und Hoffnungen, die im Nichts zu zerfallen drohen.

Während Minna versucht die Familie zusammenzuhalten, ihre kleine Tochter vor allem zu beschützen und ihr eigenes Selbstwertgefühl mit Sex aufzuwerten, zieht das Haus weiteres Unglück an: Die Polizei steht vor der Tür, denn ein Mädchen wird vermisst. Aber nicht nur das, plötzlich taucht eine neue Seele auf: ein junges Mädchen. Ein Zufall? Verängstigt und verwirrt, weigert sie sich mit Alice oder Sandra zu sprechen, vegetiert stattdessen zwischen den Wänden des Hauses, nicht ahnend, was mit ihr geschehen ist, denn ihr Geist ist ohne Körper; existiert durch das Haus, hört durch die Vibration der Wände, dem Pochen der Türen und dem Knarren der Treppen, eine Bewegung in der Luft, ist überall und nirgends. Als Geist muss sich nicht nur das junge Mädchen daran erinnern, wer es war, sondern auch Sandra und Alice, die schon zu lange als formlose Wesen ihr Dasein fristen: je näher sie ihrem früheren Ich kommen, desto größer wird ihre Macht.

Wandern zwischen Räumen

Raum für Raum eröffnet Lauren Oliver ihre Geschichte, in welcher jede Figur eine eigene Stimme bekommt, Kapitel für Kapitel kommt jeder zu Wort, von der kleinen Amy, bis hin zu Alice, die am längsten im Haus herumgeistert. „Rooms“ erzählt von einer zerrütteten Familie, von Fehlschlägen, Alkohol und Enttäuschungen. Und mit jedem Raum, den sie durchschreiten, in dem sie einst lebten, wird die Vergangenheit ein kleines Stückchen lebendiger. Trenton hat Todessehnsucht, nachdem er bei einem Unfall fast gestorben wäre, Minna hingegen hat die Vergangenheit aufgrund eines schlimmen Erlebnisses verdrängt, stürzt sich stattdessen in Affären, um zu vergessen und muss nun, im Haus ihrer Jugend feststellen, dass es auch schöne Momente gab, in welchen sie eine glückliche Familie waren.

Lauren Oliver wechselt für ihre Charaktere nicht nur die Perspektive, sondern lässt diese in den einzelnen Kapiteln auch sprachlich mit eigenen Worten erzählen. „Rooms“ ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern durch die gefangener Geister. Ihr Roman erzählt von Fehlern der Vergangenheit, von der Einsamkeit und dem Alleinsein, das Fehlen von Menschen, die einen verstehen, die einen sehen und nicht wegsehen, weil sie selbst nicht in der Lage sind, die Wahrheit zu erkennen. Es geht um Menschlichkeit und um Versagen, Ängste und Hilflosigkeit, in die man geraten und aus der man sich selbst kaum befreien kann. Zu etwas Besonderem wird dieses Buch aber nicht durch die Familiengeschichte, sondern durch die Geister, die körperlos Teil des Hauses sind, durch es sehen und atmen, sich fortbewegen und auch kommunizieren können, sofern sie es nicht verlernt haben. Die ständigen Perspektivwechsel und teilweise sehr kurzen Kapitel ergänzen dabei das Konstrukt der Geschichte, die in sich geschlossen ist, viele unterschiedliche Erzählstränge hat und Zusammenhänge entwickelt, die man so nicht vermutet hätte.

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