Rezension | Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen von Emma Braslavsky

Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

Jo und Jivan wollen Ansehen und Erfolg, denn Geld haben sie schon. No und Jule sind Aussteiger, die den gesellschaftlichen Zwängen entfliehen wollen. Roana ist jung und wird von der Familie zu einer Sinnsuche am Fuße eines Vulkans gezwungen. Emma Braslavskys „Leben ist keine Art mit Tieren umzugehen“ ist ein Konglomerat unterschiedlichster Figuren, Elemente und Themen, ein Abenteuer der anderen Art: kunterbunt, verwirrend, bruchstückhaft, laut & leise, politisch, suchend & findend, kurios, abenteuerlich, perspektivisch & kaum beschreibbar.

Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen: Jo & Jivan

Jo Lewandowski Fridman will als PR-Chefin für Animal Rights Karriere machen, doch nicht aus Nächstenliebe oder Herz für Tiere, sondern zum Schein des Äußeren, des Erfolgs. Jo ist selbstsüchtig und verfolgt ihre Ziele. Ihr Ehemann Jivan Haffner Fernández ist auch nicht warmherziger. Er ist ein Sexist, der sich als Feminist ausgibt, um seine Frau zu unterstützen, sie heimlich aber immer wieder zu manipulieren versucht. Jivan will Jo so beeinflussen, dass sie seinen Vorstellungen entspricht, dabei hütet er selbst ein beschämendes Geheimnis.

Woher kommt sein Kontrollwahn? Vielleicht von Jivans Vater Laurato Álvaro, dessen letzte Tage im Kampf gegen den Blutkrebs angebrochen sind. Doch Jivans Vater geht nicht ohne Vermächtnis. Dieses plant er bis in die neunte Generation hinein, beginnend mit einem Enkel von Jivan. Doch da gibt es ein Problem: Jo will keine Kinder und damit bleibt dem spielsüchtigen Jivan das finanzielle Polster seines Vaters versagt.

Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen: No & Jule

Ist eine idyllische Insel der Fluchtpunkt vor der kapitalistischen Gesellschaft der Moderne? No und Jule sind Aussteiger und leben auf einer solchen paradiesischen Insel. In direkten Dialogen baut Emma Braslavsky ihre Beziehung aus, die von der alleinigen Zweisamkeit geprägt ist. Doch die Idylle ist schon lang nicht mehr vorhanden, wenn man zu zweit aus freier Wahl auf eine Insel zieht und außer der Insel nur das direkte Gegenüber als Reizpunkt hat.

Und dann wird die bisher unentdeckte Insel plötzlich zum Streitpunkt der Nationen. Der letzte von Menschen unberührte Ort. Niemand darf die namenlose und staatenlose Insel betreten. Schiffe mit Kriegswaffen postieren sich um diesen Fleck Erde. Die Welt gerät in Chaos, um einen Sehnsuchtsort, der eigentlich gar keiner mehr ist.

Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen: Roana

Roana Debenham ist jung und will eigentlich nur ihren eigenen Weg im Leben finden. Doch der sieht anders aus, als ihr Vater will und so verfrachtet dieser die junge Frau in die Einsamkeit, an den Rand eines Vulkans, um auf Sinnsuche zu gehen. Aber darauf hat Roana keine Lust und beschließt ihre eigene Sinnsuche zu starten. Sie nimmt diverse Jobs an und lernt irgendwann ein Ehepaar kennen: Natalie und Jakob Oppenheim sind Genetiker, die schon lange an einem Gen-Experiment arbeiten. Roana lässt sich darauf ein und wird schwanger.

Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen: Und nun?

Jedes Kapitel in „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ ist ein Abenteuer für sich. Die ständigen Perspektivwechsel sorgen für Verwirrung, aber auch deshalb, weil mit dem Figurenwechsel auch automatisch eine andere Kapitelart erfolgt. Zwischen No und Jule gibt es nur Dialoge, Zeitungsartikel werden eingespielt oder der Wirbelsturm Tony erhält ein eigenes Bewusstsein, Roanas Perspektive hingegen wird als Ich-Erzählerin präsentiert.

Der ständige Wechsel von Art und Aufbau, Schreibweise und Text spiegelt sich aber nicht nur in der Textstruktur wider, sondern auch im Inhalt des Buches. „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ erzählt die Geschichten unterschiedlicher Menschen, die alle auf der Suche nach dem eigenen Weg sind und doch immer und immer wieder in die Zwänge der Gesellschaft geraten bestehend aus Manipulation, Macht und Gier.

Es gibt den Einhornfeiertag, Rechte für Tiere sollen zur Leidensfreiheit ausgebaut werden, der Mensch wird als Tier gesehen, Streit um das Paradies entsteht, der Zehnmilliardste Mensch wurde geboren. Der erste Kontakt zu außerirdischem Leben, private Raumfähre, Klimaveränderung, instabile Bankensysteme: Kunterbunt ist Emma Braslavskys Roman. Und am Anfang weiß der Leser nicht so recht, wo die Reise hingehen soll. Doch im Fortschreiten des Romans erkennt er die roten Fäden, die sich um jede einzelne Figur gewickelt haben, ob Haupt- oder Nebenfigur. Sie zerren an ihnen und verbinden sie miteinander. Zeigen an, wer wen beeinflusst, wie die Machtkonstellationen wanken und sich verändern.

Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen: #Chaos

Und was bleibt am Ende? Ein beeindruckend konstruierter Roman, mit gar außergewöhnlichen, aber auch selbstsüchtigen Figuren, die nach ihrem eigenen Zielen streben. Emma Braslavsky entwirft ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, die irgendwie funktioniert, aber gleichzeitig am Rande des Untergangs steht. Der Roman zeigt die Suche des Menschen nach dem eigenen Sinn, der Existenz und das Überwinden von Grenzen. „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ erzählt auf humorvolle und chaotische Weise von ernstzunehmenden und völlig abgehobenen Lebensentwürfen. Es ist ein Zeugnis von Gesellschaftsstrukturen und den Macht- sowie Manipulationsstrukturen, die Menschen untereinander erzeugen. Ein vergleichbares Buch kann ich nicht nennen.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Emma Braslavsky | Originaltitel: Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Suhrkamp ( 2017 ) | Seiten: 457

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