[Rezension] Lee, Harper: Gehe hin, stelle einen Wächter

Details:
Autorin: Harper Lee | Originaltitel: Go Set a Watchman | übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel | Genre: Zeitgenössische Literatur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: DVA ( 2015 ) | Seiten: 314

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper LeeJean Louise Finch, die kleine Scout aus Harper Lees berühmtem Werk „Wer die Nachtigall stört“, ist erwachsen geworden. Mit 26 Jahren lebt sie in New York, versorgt sich selbstständig und kehrt nur selten in das verschlafene Nest im Süden Maycomb County zurück. Zwei Wochen soll sie dort bei ihrer Familie, ihrem Vater Atticus und ihrer Tante Alexandra, verbringen. Hank, ihr Freund aus Kindertagen, wartet schon sehnsüchtig auf den Moment, an dem Scout zurück in ihre Heimatstadt kommt, ihn heiratet und sesshaft wird. Doch Jean Louise ist nicht so weit, sie lebt ganz nach ihrem eigenen Kopf und ist umso erschrockener als die Grundfesten ihrer Überzeugungen in Trümmern zu Boden fallen.

Die widerspenstige Scout

Jean Louise ist eine Frau von Welt, lebt in der großen und modernen Stadt New York, doch sobald sie die Grenzen von Maycomb County überschreitet, wird sie wieder zur kleinen Scout, die sich als Finch allerlei Unsinn leisten kann dennoch bei der Maycomber Bevölkerung angesehen ist. Sie kehrt zurück in das Haus aus Kindertagen, in welchem sie mit ihrem Bruder Jem, der inzwischen an einem Herzleiden verstorben ist, aufwuchs. Ihr Vater Atticus, der allzeit ihr Held in goldener Rüstung war, ist gealtert und seine strenge Schwester Alexandra ist eingezogen, um ihm unter die Arme zu greifen. Dennoch arbeitet ihr Vater als angesehener Anwalt, in dessen Fußstapfen Henry (oder Hank) treten möchte.

Jean Louise wird mit offenen Armen empfangen, doch irgendetwas fühlt sich dieses Mal falsch an. Für Jean Louise ist in Maycomb schon lange kein Platz mehr und die Gedanken daran, hier eines Tages Hausfrau und Mutter zu sein, erschrecken sie zutiefst. Hank umwirbt sie mit allen Künsten, doch Scout spricht freiheraus: Heirat ist nichts für sie, vielleicht sogar niemals. Neckisch umschwirren die beiden sich und sorgen für großartige Dialoge. Auch das Gezeter ihrer Tante, die sie gern als echte Lady Maycombs sehen würde, ist nicht hilfreich, um Jean Louises Heimatgefühl zu wecken.

Das Einreißen aller Wertevorstellungen

Während Jean Louise versucht mit dem Fremdsein in ihrer Heimatstadt klar zu kommen, geschieht das für sie Unfassbare: Sie erlebt ihren Vater und Hank inmitten einer Versammlung weißer Männer, die sich gegen die NAACP, die National Association for the Advancement of Colored People, auflehnen. Jean Louise ist schockiert und entsetzt: Ist ihr Vater tatsächlich ein „Niggerhasser“? Der Mann, der ihr ganzes Leben das Ebenbild eines Gottes darstellte, der ihr Richtig und Falsch beibrachte, dem sie vertraute und dem sie jedes Wort glaubte. Kann dieser Mann sie verraten und sie so in ihren grundlegenden Wertevorstellungen erschüttert haben? Jean Louise steht vollkommen neben sich, flüchtet zu Calpurnia, der alten und inzwischen zurückgezogen lebenden Haushälterin, die sie groß gezogen hat. Doch auch hier findet sie nur Enttäuschung.

Jean Louise erlebt das, was wohl jeder eines Tages mit seinen Eltern durchmacht: die Erkenntnis der Fehlbarkeit jedes Menschen. Sie fühlt sich verraten und allein gelassen, von niemandem verstanden, selbst von den Menschen, denen sie immer trauen konnte, die ihr immer geholfen haben. Verwirrt streunt sie durch Maycomb und beginnt einen Kriegszug, der zuletzt ihren Vater trifft. Harper Lee erzählt Gehe hin, stelle einen Wächter, ihr tatsächliches Debüt, aus der dritten Person und nicht wie in Wer die Nachtigall stört aus der Sicht Scouts. Und doch erzeugt sie von Anfang an auch mit diesem Buch eine Sogwirkung, die mich gepackt hat. Der Fokus liegt auf der erwachsenen Jean Louise, die ihren Weg durch die Welt geht und dabei von ihrem Status als Weiße profitiert und dem Rückhalt, den ihr ihre einflussreiche Familie in Maycomb County geboten hat. Doch dessen ist sich die junge Frau kaum bewusst. Immer noch ist sie naiv und vertraut auf die Moralvorstellungen, die in jedem etwas Gutes sehen. Ihre Kategorien des Denkens sind nicht Schwarz und Weiß, sondern ihr Herz, das Zuneigung empfindet. Während in New York das moderne Leben voranschreitet, sieht es im tiefsten Süden ganz anders aus. Hier schwelt der Rassenkonflikt unumwunden und Jean Louise lernt eine Realität kennen, mit der sie sich so bisher noch nicht auseinandersetzen musste, für die sie als junges Mädchen blind war und vor der sie beschützt wurde.

Eine schillernde und zugleich ernsthafte Szenerie

Harper Lees Worte tauchen direkt in die Szenerie ein und schildern Maycomb County in lebhaften Farben. Momentaufnahmen wechseln sich ab mit Erinnerungsfetzen aus vergangenen Kindertagen und die Konflikte, denen sich die erwachsene Jean Louise stellen muss, reißen nicht ab. Gehen hin, stelle einen Wächter besitzt nicht nur unglaubliche Aktualität sondern auch Allgemeingültigkeit. Auf dem Weg die eigene Persönlichkeit zu finden, begegnen uns immer wieder Konflikte, die uns erschüttern: Vater und Tochter, Schwarz und Weiß, Richtig und Falsch, Tradition und Moderne, Erwartungen und Wünsche, die miteinander kollidieren und uns zu Entscheidungen zwingen.

Harper Lees Protagonistin wird innerhalb weniger Tage mit einer Fülle dieser heftigen Kollisionen konfrontiert, durch die sie ihr gesamtes Leben hinterfragt. Dabei geht sie manchmal sehr naiv vor und man meint als Leser sie lebte bisher in einer wohlbehüteten Welt ohne jegliche Rassenkonflikte. Ganz stark hebt Lee die kleinstädtischen Gepflogenheiten hervor und stellt sie in Kontrast zu einer frei heraus denkenden Jean Louise, die sich noch nicht entschieden hat, wie sie ihr Leben führen will. Die Stärke des Buches ist der Fokus auf seine Protagonistin und ihren Umgang mit diesen weitreichenden Konflikten und gleichzeitig liegt hier vielleicht auch die Schwäche; ihre Entwicklung wird in einer zu knappen Zeitspanne erzählt, die nur am Rande die tatsächlichen Konfliktherde anschneidet. Gehe hin, stelle einen Wächter  erzählt die Geschichte der kleinen Scout, die als Erwachsene erkennt, dass die Welt schwarz und weiß und grau sein kann. Der Roman besticht dennoch durch seine Sprache, die mich wieder mitgezogen und es mir ermöglicht hat, mit der Hauptfigur zu fühlen, zu denken und zu hadern.

2 Kommentare

  1. Hallo 🙂

    Danke für die aufschlussreiche Besprechung. Aktuell kann ich noch nicht sagen, ob das Buch wirklich etwas für mich ist und lese lieber erst einmal die Nachtigall.

    Viele Grüsse
    Jari

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