[Rezension] Lisa Owens: Abwesenheitsnotiz

Claire Flannery ist Aussteigerin. Ihren Job hat sie nach Jahren endlich an den Nagel gehängt, denn was einst als praktische Lösung begann, ist inzwischen derber Alltag geworden, in welchem sie sich nicht mehr glücklich fühlt. Aber was kommt danach? Claire ist mit sich selbst uneins, welche Perspektive ihr Leben hat, was die Zukunft für sie im besten Fall bereit halten soll und wie sie diese Ungewissheit, Orientierungslosigkeit und Unsicherheit los werden soll.

Szenen eines Lebens

Das Hamsterrad ihres Bürojobs hat Claire hinter sich gelassen. Doch die Arbeitslosigkeit und die Freiheit alles zu tun und zu lassen, was sie möchte, geben ihr keine Sicherheit. Claire ist orientierungslos und weiß nicht, wo sie anfangen soll ihr Leben neu zu strukturieren. Auch ihr Freund Luke, erfolgreicher Assistenzarzt, ist keine große Hilfe. Der lässt sie nämlich frei entscheiden und je länger Claire mit sich selbst und ihrem Dasein beschäftigt ist, desto mehr kracht es zwischen den beiden. Hat Luke eine andere?

Lisa Owens baut ihren Roman „Abwesenheitsnotiz“ in konzisen Szenen auf, die im ersten Moment des Lesens wirr durcheinander erscheinen, allerdings tatsächlich einer chronologischen Anordnung folgen. In knappen, oftmals ganz kurzen Szenen schildert sie das Leben ihrer Hauptfigur Claire von banalen Alltagssituationen, wie ein mitgehörtes Gespräch im Bus, die peinliche Stille nach einem Faupax unter Bekannten, bis hin zu ausufernden Veränderungen, Missverständnissen im engsten Familienkreis oder Streit mit ihrem Freund Luke.

Über die menschliche Kommunikation und ihre Tücken schreibt Lisa Owens, aber auch über eine Frau auf der Suche nach ihrer Bestimmung, ihrem Platz im Leben, den sie verloren hat und den sie nun sucht; irgendwie, haltlos und ehrgeizig im Wechsel. „Abwesenheitsnotiz“ ist ein Roman, dessen Zielrichtung man nicht nach den ersten Seiten entschlüsseln kann. Sein Aufbau ist ungewöhnlich und mit diesem vielleicht auch gewöhnungsbedürftigen Konstrukt ist der Leser – wie die Protagonistin – auf der Suche nach dem Sinn. Der Sinn eines Lebens, die Komplexität des täglichen Miteinanders aber auch des Alleinseins, der Gemeinschaft, der Bindungen und Strukturen, die sich auflösen und neu zusammensetzen können.

Zwischen dem Klitzekleinen und dem ganz Großen

Von nichtigen Entscheidungen und existentiellen Veränderungen, von unbedeutenden und den geradezu nach Leben brüllenden alltäglichen Dingen wird in „Abwesenheitsnotiz“ erzählt. Lisa Owens Roman sowie ihre Figuren sind authentisch, das Leben dort ist greifbar, regelrecht so, wie man es erlebt. Schonungslos schickt sie ihre Heldin durch das Leben, geprägt von ihren Entscheidungen oder auch Nicht-Entscheidungen, von ihrem Narzissmus, der sie packt, je lethargischer sie wird. Claire ist realistisch und unrealistisch. Sie ist aktiv und passiv, sie sucht und findet und sucht erneut. Und dazwischen finden die Dinge statt, die das Leben so bereit hält, die man nicht plant, nicht ändern kann und die immer dann geschehen, wenn eigentlich genügend anderes darauf wartet, gelöst zu werden.

„Abwesenheitsnotiz“ hat sich streckenweise gezogen, da man als Leser nicht so recht wusste, worauf dieses Buch hinaus möchte. Hat man sich aber erst einmal an die Struktur, das Aufpoppen immer wieder neuer Szenen, gewöhnt, so erlebt man den Spiegel eines Lebens. Denn wohl jeder erkennt in Claires Dasein zumindest zu einem Funken auch sein eigenes, das nicht verträumt ist, das manchmal aus Banalitäten, eben Alltagsdingen, besteht, und von Menschen bevölkert ist, die sich (miss-)verstehen, streiten, lieben und einander (nicht mehr) brauchen.

Details zum Buch: Autorin: Lisa Owens | übersetzt von: Brigitte Jakobeit, Karen Witthuhn | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Piper ( 2016 )

Weitere Rezensionen: Bookaloo | Herzpotential | Papier und Tintenwelt | schon halb elf

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