Rezension | Lize Spit: Und es schmilzt

Und es schmilzt von Lize Spit

Alles beginnt mit der Einladung ihres ehemaligen Kinderfreunds Pim. Der Freund, der sie einst vor vielen Jahren im Sommer, als Eva und er noch Kinder waren, auf unsagbare Weise betrogen hat. Pim und Laurens waren in jenem Sommer Evas beste Freunde. Im Sommer nachdem Pims Bruder Jan ums Leben gekommen ist. Seit 9 Jahren war Eva nicht mehr in Bovenmeer, hat nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen und zu ihren Geschwistern Tesje und Jolan nur wenig Kontakt. Seit 9 Jahren lebt sie in einer anderen Stadt und versucht die Vergangenheit um jenen schrecklichen Sommer zu vergessen. Bis die Einladung von Pim in den Briefkasten flattert.

Und es schmilzt: Ein endgültiger Weg

Eva ist entschlossen: Sie packt einen riesigen Eisklotz in den Kofferraum ihres Autos. Es ist wieder Winter und so schmilzt dieser nur sehr langsam vor sich hin. Sie begibt sich auf eine Reise zurück in ihren Heimatort Bovenmeer und dabei lässt sie jenen Sommer, der auf den Winter 2001 folgte, als Jan ums Leben gekommen ist, Revue passieren. Jener Sommer, in welchem nicht nur die Trauer um Jan, sondern auch jugendliche Ignoranz, ein gefährliches Spiel und fehlendes Mitgefühl mehr als ein Opfer forderten.

Ihr Plan steht und nun muss sie ihn nur noch  in die Tat umsetzen.

Und es schmilzt: Der Sommer 2002

Bovemeer ist ein kleiner Ort an welchem jeder jeden kennt. Und obwohl man sich dort kennt, weiß eigentlich niemand so genau, was in den einzelnen Familien wirklich vor sich geht. Evas Vater ist Alkoholiker und hegt Selbstmordgedanken, die sie als junges Mädchen noch nicht begreift. Ihre Mutter greift auch gerne zum Alkohol und ihre kleine Schwester Tesje wird immer dünner und hat selbtsame Zwangshandlungen, die in jenem Sommer immer stärker hervortreten. Doch niemand scheint es zu bemerken außer Eva und ihr älterer Bruder Jolan. Beide noch Kinder, die mit der Situation überfordert sind.

Und dann der Tod von Jan, der in jenem Sommer noch schwer wiegt, denn Eva weiß weit mehr um die Geschehnisse als sie erzählt. Die Jungs Pim und Laurens gehen mit dem Tod ihres Freundes und Bruders auf ihre eigene Art um. Sie gehen voll in ihrer Rolle als pubertäre Jungs auf und entwickeln ein Bewertungssystem für Mädchen. Dabei ziehen sie Eva mit in ein Spiel hinein, dass die Mädchen bloß stellt.

Das Nicht-Sehen der Familien

Und zwischen den Geheimnissen der Kinder, den Unzulänglichkeiten der Eltern – denn diese sehen nur das, was sie sehen wollen und sobald es unbequem wird, geben sie den anderen die Schuld oder übersehen die Dinge. Bovenmeer ist ein Ort, an welchem jeder jeden kennt und alle doch eine Maske des guten Anstands bewahren. Doch hinter diesen Masken stimmt nichts. Jede Familie trägt ihr Päckchen und Evas Familie trägt besonders viel, ohnmächtig es zum Besseren zu wenden. Ohnmächtig deshalb, weil die Eltern nicht in der Lage sind sich aus ihrer eigenen Niedergeschlagenheit oder Resignation zu befreien, um ihren Kindern die notwendige Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Alle anderen wollen die Probleme der anderen nicht sehen, darauf bedacht, dass ihre eigenen ebenfalls ungesehen bleiben.

Das Ende einer Freundschaft

Es wäre zu einfach Jans Tod als den Grund für das Ende der Freundschaft zwischen Pim, Laurens und Eva zu benennen. Was sich in jenem Sommer zugetragen hat, geht weiter über die Kanalisation der Trauer in etwas Zerstörerisches hinaus. Es sind die Gemeinheiten gegenüber anderen, die zu Tage treten, die aus Mädchen Objekte machen und der Ohnmacht – die Eva vielleicht von ihren Eltern nachahmt. Es ist der Zwang dazugehören zu wollen, um nicht allein zu sein. Es ist der Weg zur Ich-Findung in der Pubertät und gleichzeitig die Überschreitung von Grenzen, die erschrecken, schockieren und etwas Unaussprechliches möglich werden lassen. Es ist der Missbrauch von Vertrauen, von Freundschaft und das Kippen eines schon grausamen Spiels zu weit Schlimmerem.

Und es schmilzt: Warum es mir nicht gefallen hat

Manchmal ist es ganz einfach. Wenn ich mir das Gesamtkonstrukt des Buches ansehe, so ist es eine runde Geschichte. Wie nach und nach die Wahrheiten auf so vielen Ebenen und in so vielen unterschiedlichen Handlungsstricken zu Tage treten, die alle zum Tag der Einladung in der Gegenwart hinführen, das ist großartig gemacht. Wie die Autorin Lize Spit den Leser auf eine emotionale Talfahrt in die Vergangenheit mitnimmt und ihn in der Gegenwart meist ratlos zurücklässt, auch dies ist gekonnt.

Und doch hat mir „Und es schmilzt“ einfach nicht gefallen. Woran das lag? An zwei ganz großen Punkten: Erstens bin ich kein Fan von Geschichten über das Heranwachsen. Genau da liegt der Knackpunkt, denn dieser Roman besteht fast ausschließlich aus der Erzählung der kindlichen Eva, wie sie heranwächst, Dinge noch nicht versteht oder langsam begreift. Solche Geschichten langweilen mich sehr. Da das Buch fast ausschließlich aus diesem Erzählstrang der Vergangenheit besteht, habe ich mich arg durchquälen müssen, bis zum besagtem Punkt, dem erschreckenden Ereignis im Sommer 2002.

Zweitens konnte mich das Ende überhaupt nicht überzeugen. (Keine Sorge, ich spoiler nicht.) Eva verwandelt sich mit diesem in eine Figur, der ich nichts abgewinnen kann. Die nicht den starken, sondern den schwachen Weg wählt. Auch wenn er noch so sehr symbolisch aufgeladen ist und im Gesamtkonstrukt der Geschichte durchaus wirkt, ja eigentlich auch passend ist. Es ist ein literarischer Kniff, der eine Frauenfigur beschreibt, für die ich nur wenig übrig habe.

Und es schmilzt“ ist eines der Bücher, das ich auf dem Leseweg eindeutig abgebrochen hätte, wenn nicht so viele gesagt hätten, dass das letzte Drittel des Romans alles aufwiegt. Leider habe ich mich auf dem Weg dorthin innerlich bereits so weit von diesem Buch und seiner Hauptfigur distanziert, dass es für damit auch nicht mehr aufgewogen werden konnte.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Lize Spit | Originaltitel: Het Smelt | übersetzt von: Helga van Beuningen | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: S. Fischer ( 2017 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 505

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