[Rezension] Lizzie Doron: Who the Fuck is Kafka

Who the Fuck is Kafka?

Rom im 21. Jahrhundert. Eine israelisch-palästinensische Friedenskonferenz. An einer von vielen lernen sich Lizzie, und der Palästinenser Nadim Abu Heni kennen. Erbitterte Feinde müssten sie eigentlich sein, denn ihre Völker sind bis in die Vergangenheit hinein verfeindet und der Moment, in welchem Lizzie darüber nachdenkt, ob er ein Selbstmordattentäter sein könnte, kommt und vergeht mit Gewissensbissen, einem Schuldgefühl, einem fremden Mann eine solche Grausamkeit zu unterstellen. Und doch bleibt immer diese nagende Ungewissheit.

„War er charmant oder manipulativ? Ein Freund oder ein Feind? Ein Romantiker oder ein Junge, der in den Arm genommen werden will? Held oder Feigling? War er ein Hypochonder oder gab es Grund zur Sorge? Jedes dieser Attribute traf irgendwie zu, dachte ich.“ (S.65 | Who the Fuck is Kafka)

Israel vs. Palästina – jüdische Atheistin vs. muslimischen Araber

Lizzie ist Atheistin mit jüdischer Abstammung, ihre Mutter war eine Holocaustüberlebende, die für sich entschieden hat, über die Vergangenheit zu schweigen und in einem fremden Land eine neue Heimat zu finden, zumindest soweit ihr dies in einer ihr fremden Kultur möglich war. Lizzie ist Israelin.

Nadim dagegen ist gläubiger Muslim, Araber und Palästinänser, der lediglich eine jordanische Staatsbürgerschaft besitzt. Er führt ein Leben in ständigem Konflikt mit der Regierung und jeder Schritt, den er tut, jede Entscheidung, die er trifft, kann ihn oder seine Familie in Lebensgefahr bringen. Nadim ist gebildet, studierte in Italien und kehrte nach Hause zurück, um als Journalist zu arbeiten. Für ihn gilt: verlässt er seine Heimat Jerusalem, dem Brennpunkt des israelisch-palästinensischen Konflikts, für mehr als 180 Tage, dann ist er staatenlos und darf nicht zurückkehren zu seiner Familie. Seinen Pass hat Nadim während der Konferenz in Italien mit Klebeband an seinen Hosenbund geheftet, verliert er ihn, würde er von einem Land zum anderen abgeschoben werden ohne Hoffnung auf eine Rückkehr nach Jerusalem. Sein Leben hängt von diesem Stück Papier ab; und noch weit komplexer sind die politischen Verstrickungen, wie sie Lizzie Doron in „Who the Fuck is Kafka“ beschreibt.

Wer ist Opfer? Über die Frage von Schuld und Unschuld

Ist Nadim das Opfer? Ist er der Leidtragende aus einem lang anhaltenden schwelenden Konflikt und ständig auf’s Neue ausbrechenden Krieg mit Selbstmordattentätern und toten Zivilisten? Ist Lizzie die verblendete Israelin, die zwar engagiert ist, über die Realität der Palästinenser in Israel und deren Sanktionen nichts weißt, sondern stattdessen mit den Vorurteilen im Kopf der Welt begegnet? Nein. Denn so einfach ist es nicht. So einfach ist es nie, denn die Welt lässt sich nicht in Gut und Böse, in richtig und falsch, in schuldig und unschuldig unterteilen.

Mit der Frage Who the Fuck is Kafka? greift die Autorin dabei eine Metapher auf, die gleichzeitig für ihr zentrales Thema steht: der andere Kulturkreis, andere Prioritäten, eine andere Vergangenheit, andere Traditionen und ein anderes Aufwachsen, eine andere Erziehung; denn Nadim weiß nicht, wer Kafka ist. In seiner Lebenswelt hat dieser in der westlichen Welt bekannte deutschsprachige Autor keine Bedeutung, keinen festen Platz. Aber dieses Andere muss nicht automatisch das Schlechte, das Falsche sein.

Und doch beschreibt dieses Andere den Kern eines auf der ganzen Welt brodelnden Konflikts: das Andere lässt sich wahrscheinlich nie vollständig Verstehen, es bleibt immer ein Raum der aus vergangenen Ereignissen, moralischer Erziehung und unterschiedlichen kulturellen Kreisen, einem anderen Verständnis von Dürfen und Nicht-Dürfen, von Verhalten und vielem mehr besteht. Den wir, so begegnen wir dem Anderen, dem Fremden, füllen mit Toleranz und Offenheit oder Rückzug und Hass.

Lizzie & Nadim – über die Grenzen hinaus

„Who the Fuck is Kafka“ ist ein Roman, der an Aktualität kaum zu überbieten ist. Er greift ein sehr schwieriges und weit in die Vergangenheit zurückgreifendes Thema auf: die Verfeindung von Völkern, die Unterdrückung von (religiösen) Volksgruppen oder Minderheiten sowie die alles entscheidende und doch nicht zu beantwortende Schuldfrage.

Und dabei taucht die Autorin tief in die israelisch-palästinensische Gesellschaft ein und setzt den Fokus auf eine bemerkenswerte, wechselhafte Freundschaft: Lizzie und Nadim. Von Vorurteilen und Unverständnis, aber gleichzeitig von Sympathie und Mitgefühl geprägt ist die Beziehung der beiden, die sich – so kann man sagen – auf neutralem Terrain, in Italien, kennenlernen, um ihre Freundschaft dann in ihre Heimat zu tragen. Und dort kristallisiert sich immer mehr heraus, dass nicht nur die Vergangenheit sondern auch die unterschiedliche (religiösen) Lebensweisen Grund dafür sind, dass die Einfachheit eines Themas zum komplexen Sprechstoff avancieren kann.

Und in dieses Minenfeld treten Lizzie und Nadim mit dem festen Willen, sich gegen die Anfeindungen aufzulehnen, gemeinsam etwas zu schaffen, nämlich einen Film zu produzieren, der ihr Leben zeigt und widerspiegelt. Aber auch hier wird ihnen ein ums andere Mal der Spiegel vorgehalten: jeder sieht nur sich selbst und die eigene Angst. Verzweiflung herrscht auf beiden Seiten, denn die beiden mögen sich, aber doch können sie den anderen nicht verstehen, nicht wirklich in seinen Tiefen, seinem Dasein; dann ist das Gegenüber immer wieder der Feind, der Nichtverständige. Zwei Perspektiven über die Wahrheit, die es so nicht gibt, prallen aufeinander und das in einer Umgebung, die vom Tod geprägt ist, von ständigen Attentaten, Bombenanschlägen und die Angst um Leib und Leben, das eigene und das der Kinder. Lizzie Doron vermittelt eindrücklich, wie viel Mut und Kraft und Überzeugung es gerade dann erfordert, den Weg des Miteinanders weiter zu beschreiten, selbst dann, wenn er sich im Nichts droht aufzulösen.

Mit Lizzie Dorons „Who the Fuck is Kafka“ habe ich zufällig einen Buchschatz entdeckt, der mir besonders im heutigen Weltgeschehen ein Stück Verblendung genommen und Realität zurückgegeben hat; der mich gleichzeitig aber auch ins Wanken bringt und verdeutlicht, dass ein friedliches Miteinander einen viel stärkeren Kampf des bewussten Handelns erfordert als ein gewaltsamer Konflikt. Es ist leicht, zu hassen, besonders dann, wenn einem Leid widerfährt, doch wahre Größe zeigt sich darin, diesem Hass nicht nachzugeben, sondern daraus etwas Produktives für das Miteinander zu erschaffen.

Buchdetails:
Autorin: Lizzie Doron | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: dtv ( 2015 ) | Seiten: 256

5 Kommentare

  1. Dabei muss ich ein Video denken, was ich vor Kurzem gesehen habe und was mich tief erschüttert hat.
    5-7 israelische Soldaten, gehen auf ein palästinensisches Mädchen zu, sie war vielleicht 14 Jahre alt. Sie hebt die Hände über den Kopf, zeigt das unbewaffnet ist, bewegt sich nicht. Die Männer umstellen sie, Zielen mit ihren Waffen auf sie, lachen. Das Mädchen schreit vor Angst, weint und fleht um Gnade. Die Soldaten schießen ihr in den Bauch, sie sinkt nieder, Blut strömt aus ihren Körper, sie bewegt sich noch. Die Soldaten sehen zu, wie sie verblutet. Ich habe schon unzählige dieser Videos gesehen, wo Kinder, Mädchen und Frauen grundlos und absolut grausam auf der Straße hingerichtet werden. Es ist an der Tagesordnung. Bomben fallen auf Palestina, ständig. Die Medien berichten nicht darüber, oder nur, wenn es so schlimm ist, dass man es nicht leugnen kann. Die Menschen sind dort eingeschlossen, am Gaza Streifen, werden gedemütigt an den Grenzkontrollen, dürfen nicht heraus. Werden einfach so hingerichtet, ohne Grund.
    Ich sage nur, kein Wunder, dass diese Menschen verzweifelt und voller Hass sind. Diese Gräueltaten der israelischen Armee werden in der Weltpolitik gerne ausgeblendet.
    Da ich ein bisschen Arabisch lerne und spreche, kann ich direkt auf die Arabischen Videos zugreifen. Ein paar Tage später, sind die gelöscht und gesperrt. Man möchte nicht, dass die Welt diese Seite von Israel sieht. Es gibt unzählige dieser Videos. Frauen und Kinder, die einfach so und mit Freude hingerichtet werden, während die Israelis lachen, einen Kaffee-To-Go trinken und dem Mädchen beim Verbluten zuschauen. Es wären Terroristen gewesen, heißt es dann später. Mädchen mit Schulrucksäcken, auf dem Weg in die Schule.

    Liebe Grüße, Anja

    1. Man könnte sich auch fragen warum alle Bücher über diesen Konflikt immer von jüdischen oder amerikanischen Autoren erscheinen. Die Palästinenser kommen Selbst kaum zu Wort.
      Immerhin finde ich es gut, wenn sich Autoren so wie in diesem Fall wechselseitig mit dem Thema auseinander setzen, aber ich denke nicht, dass jemand, der nicht im Gaza Streifen gelebt hat, wirklich davon berichten kann, wie sich dieser Konflikt anfühlt und welche Ausmaße er hat.
      ich habe auch noch so ein Buch im Regal, auf Englisch. Es heißt „The Almond Tree“ und ist ganz Ähnlich wie dein Buch. Bisher habe ich mich noch nicht gewagt es zu lesen, weil ich nicht sicher bin, ob es meinen Erwartungen stand halten kann. Dies ist leider auch wieder eine jüdische Autorin. Aber ich freue mich immer, wenn die Thematik auch von jüdischer Seite reflektiert wird, darum habe ich auch dieses Buch.
      Trotzdem vermisse ich, dass die Betroffenen Selbst zu Wort kommen.

      Liebe Grüße, Anja

      1. Liebe Anja, danke für deinen sehr wertvollen Kommentar, der mir nochmal bewusst macht, wie Bücher zwar Themen aufgreifen, sie vermitteln, zur Diskussion anregen können, uns Dinge bewusst machen und öffnen für gesellschaftliche oder politische Probleme, wie sie unsere Vorstellungskraft unterstützen, aber wie wir doch letztendlich nur zu einem klitzekleinen Teil wirklich verstehen, um was es geht. Wie du schon meintest: nur wer dort war, kann das nachvollziehen, kann es wissen.

        „The Almond Tree“ werde ich mir gleich einmal näher ansehen, ich glaube von dem Buch habe ich auch schon gehört!

        Liebe Grüße, Ramona

  2. Liebe Ramona,

    Trotz der Kritik, sehe ich aber einen ungeheuren Beitrag, den Bücher leisten können, um die Welt besser zu verstehen. Ich würde mir mehr Lektüre wünschen, die uns aufzeigt, wie andere Menschen leben.
    Dieser Konflikt ist kein leichtes Thema, und so viele andere Themen in der Welt auch nicht.
    Ich sehe in der Literatur mehr als nur Unterhaltung, sondern das Potential das Denken, die Reflexion des eigenen Wohlstandes und das Verständnis unter den Menschen positiv zu beeinflussen.

    Lg, Anja

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.