[Rezension] Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen

Details:
Autorin: Marceline Loridan-Ivens | Originaltitel: Et tu n’est pas revenu | übersetzt von: Eva Moldenhauer | Genre: Gegenwartsliteratur, Erfahrungen | Reihe: – | Gattung: Brief(roman), Sachbuch | Verlag: Insel ( 2015 ) | Seiten: 110

Und du bist nicht zurückgekommen von Marceline Loridan-IvensMarceline Loridan-Ivens ist Jüdin. Mit 15 Jahren wird sie nach Birkenau verschleppt. Ihr Vater nach Auschwitz. Sie kehrt zurück. Ihr Vater nicht. Sie lebt. Ihr Vater stirbt. Nach Jahren der Aufarbeitung und der ständig schmerzenden Abwesenheit ihres Vaters, schreibt sie einen Brief an ihn, der die Grauen des Dritten Reichs nicht überlebt hat, und erzeugt dabei mit einer kühlen Distanz so viel emotionale Nähe, dass fast jedes Wort Gänsehaut erzeugt.

Unvorstellbare Wahrheit

70 Jahre nach dem Tod ihres Vaters verfasst Marceline einen Brief. Inzwischen ist sie eine alte Frau, hat ein gelebtes Leben hinter sich und denkt an den Moment, als sie als junges Mädchen im KZ dahinvegetierte – denn leben wäre zu viel gesagt – und ein Fremder ihr ein Stück Papier, einen Brief ihres Vaters, in die Hände drückt. An den Inhalt erinnert sie sich nicht mehr. Sie hat ihn vergessen, als sie nicht starb, und doch hinterlässt dieses Stück Papier ein unberechenbares Stück Erinnerung. Woher hatte ihr Vater das Papier und das passende Schreibwerkzeug dazu? Und noch viel spannender, wie konnte er den fremden Mann überzeugen, eine so große Gefahr auf sich zu nehmen, um seiner Tochter die Botschaft zu überbringen? Dieses Stück Papier zeugt von Nächstenliebe und Menschlichkeit, an einem Ort, wo Menschlichkeit den Tod bedeutet.

Ein Ort ohne Menschlichkeit

In Birkenau hat sie ihre Menschlichkeit begraben, schreibt Marceline Loridan-Ivens, sie grub Löcher für die Leichen der Gaskammern, sah die Alten, Kranken und Kinder direkt dorthin hineingehen, ohne Chance zu überleben, ohne Gnade oder Mitleid zu erhalten. Mitleid und Menschlichkeit sind Güter, die das Überleben gefährdet hätten, die ihr die Kraft und den Fokus auf ihr eigenes Leben, den puren Überlebensinstinkt geraubt hätten.

Sie kann sich nicht daran erinnern, wie der Inhalt des Briefes ihres Vaters war, obwohl sie ihn unzählige Male gelesen haben muss. Ihr Gedächtnis ist zerbrochen, sonst hätte sie nicht überlebt. Und als Marceline nach Hause zurückkehrt, wollen alle ihr Leben weiterleben, heiraten und Kinder bekommen, aber Marceline konnte das nicht. Sie wollte nie Kinder in diese Welt setzen, ihr fehlte es mit jemandem zu sprechen, der nicht einfach alles hinter sich lassen wollte.

„Niemand wollte meine Erinnerungen.“ S.41

Kühl und nüchtern schreibt Marceline Loridan-Ivens einen Brief an ihren toten Vater, den sie mit ihrer Leserschaft teilt. Wohl überlegt scheinen ihre Worte, die immer eine Distanz wahren, während sie von den unglaublichen Schrecken der Nazizeit berichten. Sie hat mit dem Leben abgeschlossen, so scheint es. Sie hat akzeptiert, dass die Konzentrationslager auch noch Jahre später Familienmitglieder umgebracht haben, dass sie allgegenwärtig sind und nie richtig aufgearbeitet, sondern stattdessen mit Schweigen umhüllt wurden. Marceline Loridan-Ivens hat ein Leben gelebt, so wie es ihr möglich war, nachdem sie die unsäglichen Qualen überlebt, sich dabei verloren und irgendwie wiedergefunden hat; im Heimlichen der verschwiegenen Gesellschaft.

Marceline rechnet ab mit einer Welt, in die sie inzwischen nicht mehr zu passen scheint, und sie rechnet ab mit der Vergangenheit, die es ihr genommen hat, ihren Vater wirklich kennenzulernen. Der Brief von Marceline Loridan-Ivens kommt mit wenigen Worten aus, die so klar ihre Bedeutung zerschneiden, so spitz und gleichzeitig elegant zu Papier gebracht worden sind, dass jede Seite zu einem unwiederbringlichen Zeugnis wird, einem Zeugnis über Unmenschlichkeit, Grausamkeit und zugleich einem winzigen Funken des Menschlichen, einem Schimmer, der vollkommen zugeschüttet überlebt hat, der zeigt, wie viel der Mensch durchstehen kann und trotz seiner Gebrochenheit weiter existiert. „Und du bist nicht zurückgekommen“ ist ein beeindruckendes und erschreckendes Werk zugleich, denn es zeugt von der nachwirkenden Macht der Konzentrationslager und den Menschen, die auch nach ihrer Schließung zu Todesopfern wurden. Überleben ist die eine Sache, weiterleben die andere.

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