[Rezension] Martynova, Olga: Sogar Papageien überleben uns

Sogar Papageien überleben uns von Olga Martynova

Details:
Originaltitel: Sogar Papageien überleben uns
Autor: Olga Martynova
Genre: Romane und Erzählungen
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: btb ( 2012 )
Seiten: 199

Inhalt:

Marina ist Dozentin für russische Literatur und reist für einen Vortrag nach Deutschland, um über den Schriftsteller Daniil Charms zu sprechen. Ihre Reise hat aber nicht nur berufliche Ziele, sondern erzählt auch eine private Geschichte. Ihr ehemaliger Liebhaber Andreas, den sie als Russisch-Student in Leningrad kennengelernt hat, lebt in Berlin und will nach seiner gescheiterten Ehe mit Marina glücklich werden. Diese kann sich nicht entscheiden, ob ihre Liebesgeschichte nach zwanzig Jahren noch eine zweite Chance verdient oder ob das Land, das nicht mehr existiert ebenso diese alte Liebe mitgenommen hat.

Meinung:

Marina reist nach Deutschland, um bei einer Vortragsreihe über den Schriftsteller Daniil Charms zu sprechen. Sie reist nicht nur viele Kilometer von St. Petersburg an, sondern unternimmt auch eine Reise in die Vergangenheit. Ihr alter Freund und ehemaliger Liebhaber Andreas, ein Professor, den sie vor zwanzig Jahren als er noch ein Austauschstudent war in Leningrad kennengelernt hat. Er will die verlorene Zeit aufholen und Marina heiraten, doch diese weiß nicht, ob mit dem Untergang der Sowjetunion und dem Verschwinden von Leningrad nicht auch diese alte Liebe für immer vorbei ist.

1986, die sowjetische Macht herrscht in Leningrad. Die Menschen sind arm und haben nur eine vage Vorstellung von der westlichen Welt und ihrem kapitalistischen Reichtum. 2006, in der Gegenwart ist der kapitalistische Westen keine Wunschvorstellung mehr, sondern findet seinen Weg auch nach Russland, doch Marina zweifelt, ob die Ereignisse in der Vergangenheit tatsächlich noch Bedeutung in ihrem Leben haben können oder nicht.

Marinas Landsleute teilen Dinge in Kategorien, wie wir sie nicht wirklich kennen, etwa „Dinge von früher“ oder „Dinge und Personen aus dem anderen Leben“, nämlich dem Westen. So erfährt der Leser eine Kultur, die sich radikal verändert hat und durch die Figuren einen Einblick in ein identitätszerrüttetes Land erhalten und in Menschen, die sich damit arrangieren. Der Dichter Fjodor arbeitet diese Vergangenheit durch das Schreiben auf. Aber nicht nur Landsleute Marinas betrifft dies, sondern auch ihre Freunde, Andreas, den deutschen Austauschstudenten oder John, ein Amerikaner, der ebenfalls vor zwanzig Jahren in Leningrad studiert hat.

Sogar Papageien überleben uns ist keine leichte Lektüre, denn der Roman besitzt keine chronologische Handlung, sondern springt zwischen den einzelnen Kapiteln auch zwischen den Jahren hin und her. Olga Martynova deckt zwanzig Jahre Lebens- und Landesgeschichte in ihrem Buch ab, die geschickt miteinander verknüpft werden. Der Untergang der Sowjetunion ist gleichzeitig für die Protagonistin Marina ein Einschnitt in ihr Leben, ein gravierender Wechsel in den Lebensumständen ihres gesamten Umfeldes. Die Stadt in der sie aufwuchs, Leningrad, existiert nicht mehr und so haben sich gleichzeitig auch gesellschaftliche Muster verändert.

Besonders die Aufmachung des Buches hat mich angesprochen. Jedes Kapitel besticht nicht nur durch einen Titel, der immer mit dem vorherigen oder einem weiter zurückliegenden Kapitel in Verbindung steht, sondern hat auch noch eine Jahreszahl-Skala, aus der hervorgeht, welche Jahre die folgende Passage umfasst, ob sie in der Vergangenheit spielt und die russische Geschichte aufarbeitet, oder sich mit dem Leben der Protagonistin und ihrem Umfeld beschäftigt. Immer wieder entstehen zwischen den einzelnen Kapiteln durch ihren Inhalt oder Titel Verbindungen eine Art Informationsnetz, was das Buch zu einer Einheit werden lässt. Sogar Papageien überleben uns ist auch ein Geschichtszeugnis, das Einblicke in die schwierige Situation gibt, was es für Menschen bedeutet, wenn ihr Land seine Identität verliert und Dinge, die vorher verboten und verfolgt wurden, plötzlich erlaubt und gewollt sind.

Fazit:

Olga Martynovas Buch besteht aus einzelnen Kapiteln, die sich nach und nach zu einem großen Ganzen entwickeln. Es gleicht einem Rätselspaß, da man als Leser bei jedem neuen Kapitel entdecken kann, ob es sich um Marinas Vergangenheit, Landesgeschichte oder ein kurioses Gedicht Fjodors handelt. Sogar Papageien überleben uns zeichnet sich durch interessante Figuren aus, die durch Marinas Augen dargestellt werden. Bis zum Ende bleibt unklar, wie der Ausgang der Geschichte sein wird, welches dann zu einem gewissen Grad Unzufriedenheit beim Leser zurücklässt.

Bewertung: [4/5]

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