[Rezension] Matt Haig: Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

Details:
Autor: Matt Haig | Originaltitel: Reasons To Stay Alice | übersetzt von: Sophie Zeitz | Genre: Erfahrungen & Autobiographie | Reihe: – | Gattung: Ratgeber | Verlag: dtv ( 2016 )

Mit Mitte zwanzig bricht für Matt Haig wortwörtlich die Welt zusammen: er hat seine erste Depression gepaart mit einer Angsstörung, die ihn – damals auf Ibiza bei Sonne und gutem Wetter – beinahe zwingt von einer Klippe zu springen. Den Sprung kann er verhindern, lediglich durch den Gedanken an seine Freundin und inzwischen Ehefrau Andrea sowie seine Familie; Menschen, die ihn lieben und die er liebt. Doch das Tief, das sich in seinem Inneren ausbreitet, hat er damit noch lange nicht überwunden. Und neben der Angst vor allem und jedem, der Angst vor der Angst, wird er mit Vorurteilen konfrontiert, die aus seiner Krankheit eine müde Melancholie machen wollen. Denn was man nicht sieht, kann so schlimm doch gar nicht sein …

Eindringlich, schonungslos & offen

In kurzen Kapiteln schildert Matt Haig, wie es sich anfühlt, von Depressionen mit Angsstörung befallen zu werden, vollkommen vereinnahmt und für logische Agrumentationen nicht mehr zugänglich zu sein. Er schildert offen über sein Leben, sein Leiden und wie sich seine Umwelt dazu verhalten hat. Aber besonders schildert Haig sein Inneres, das, was niemand sieht, niemand versteht und niemand nachvollziehen kann, der nicht selbst unter Depressionen leidet oder gelitten hat. Die Distanz zum eigenen Dasein und gleichzeitig das intensive Spüren von allem, was um einen herum geschieht, sind Dinge, die nur begrenzt durch Worte und Gesten wiedergegeben werden können. Er erzählt vom Konto der schlechten Tage und wie es war, zum ersten Mal aus der Dunkelheit wieder aufzusteigen, ein einigermaßen normales Leben führen zu können und beim nächsten Schub aus Angst und Depression zu wissen, es gibt auch ein Konto an guten Tagen.

Laut WHO sind bereits mit 15 Jahren die Hälfte aller psychischen Krankheiten in Erscheinung getreten, so der Autor. Und auch Matt Haig hat schon erste Anzeichen bemerkt, jetzt, rückblickend auf seine Jugend. Das Hauptsymptom dieser Krankheit ist die Unfähigkeit Freude zu empfinden, überhaupt daran zu glauben, dass Freude im eigenen Leben möglich ist. Und wenn der Kreislauf aus Ängsten und Phantasie erst einmal begonnen hat sich zu drehen, dann werden aus Hilfsmitteln, egal welcher Art, Teufelswerkzeuge. Der Gang zum nächsten Kiosk wird zum unüberwindbaren Hindernis und die Welt dort draußen zum Feind. Die große Not Betroffener wird nicht gesehen, denn die Unsichtbarkeit der Krankheit verhindert, dass sie von Außenstehenden ernstgenommen wird.

Eine unsichtbare Krankheit – ein starker Mann

Einen Blick in die eigene Seele eröffnet Matt Haig mit seinem Buch „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“. Es ist ein gutes, emotional berührendes, aber dennoch sachliches Buch, das eine Krankheit aufgreift, die trotz vieler Betroffener immer wieder heruntergespielt wird. Dieses Erfahrungsbuch ist ein empfehlenswertes, ein lesenswertes Buch, denn es eröffnet den Blick auf eine Krankheit, die nicht sichtbar ist, die sich nicht messen, wiegen lässt oder der man auf andere Art Konturen anlegen kann. Mir persönlich hat dann zwar doch das gewisse Etwas gefehlt, nämlich das, was ich für mein eigenes Leben mitnehmen kann – über noch mehr Achtsamkeit für andere und weniger Vorurteile gegen andere hinaus.

Mir war bewusst, dass Depression eine ernstzunehmende Krankheit ist, aber das Verständnis für etwas, das „doch eigentlich durch etwas Optimismus und positives Denken“ in den Griff zu bekommen ist, wie häufig von Unwissenden argumentiert wird, musste ich mir immer wieder vor Augen führen; denn dem ist eben gerade nicht so. Und diese Ausweglosigkeit im Denken eines depressiven Menschen, möglicherweise noch in Zusammenhang mit einer Angststörung, zeigt Matt Haig mit seinem Buch eindrücklich und nachwirkend. Er bringt Verständnis bei denen, die nicht betroffen sind, und – so denke ich – hilft durch sein Beispiel, durch seine eigene Krankheit, denjenigen, die betroffen sind. Denn Haig gibt kein Patentrezept für eine Heilung, sondern weiß, jedem Menschen mit Depressionen hilft etwas anderes und das Wichtige ist, herauszufinden, was genau das ist.

 

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