[Rezension] McCarthy, Cormac: Ein Kind Gottes

Details:
Autor: Cormac McCarthy | Originaltitel: A Child of God | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Rowohlt ( 2014) | Seiten: 191

Ein Kind Gottes von Cormac McCarthyLester Ballard ist ein Ausgestoßener. Er ist arbeitslos, verwahrlost, hat sein Zuhause verloren, lebt in einer Höhle und wird zum Serienmörder und Nekrophilen. Leser Ballard hat kaum Sozialkontakte, keine Freunde und keine Moralvorstellungen. In die Untiefen der menschlichen Schattenseiten entführt uns Cormac McCarthy mit „Ein Kind Gottes“; aber nicht nur in die von des ausgestoßenen Lester.

Gefühlskalte schreckliche Welt

In Momentaufnahmen präsentiert Cormac McCarthy uns die Figur von Lester Ballard. Dabei lernen wir nichts darüber, wie Leser fühlt, was in ihm vorgeht, oder warum er das, was er tut, macht. Lester Ballard ist ein Ausgestoßener, der ausdruckslos sein Leben fristet und dabei über alle moralischen oder gesetzlichen Regelungen hinweggeht. Er mordet, rächt, stiehlt und sieht sich dabei immer im Recht. Aber nicht nur er ist ein Gesetzloser, sondern in seinem Dasein am Rande der Gesellschaft, bemerkt er – beinahe wie ein Unsichtbarer – die Schattenseiten des Menschen. Wie ein Beobachter schleicht er um die angeblich Rechtschaffenen herum, flieht in die Einsamkeit und folgt seinem Instinkt.

Durch sprachliche Einfachheit besticht McCarthys Roman, der doch alles genau auf den Punkt bringt. Es ist ein sachlicher Erzählstil, der wenig Platz für Emotionen lässt. Momentaufnahmen aus Lesters gesamten Leben fügen sich zur Person Lester zusammen und doch zählt nicht, warum Lester so geworden ist oder welche Gründe ihn zu seinem Handeln bewegen, sondern es zählt das Handeln selbst und dem Leser bleibt es überlassen, sich ein Urteil zu bilden. Lester Ballard ist ein Monster und gleichzeitig ein bemitleidenswerter Mensch. Er weckt trotz seiner schlimmen Taten Sympathien, auch wenn man Lester nicht wirklich kennt, sondern nur eine neblige Seite seiner selbst kennenlernt.

Ein Überlebenskampf

Ohne Geld, ohne Freunde und mit dem Gesetz in Konflikt, kämpft sich Lester Ballard durch das Leben. Dabei gerät er mit vielen Menschen aneinander, doch früher oder später rächt sich der einsame Mann an seinen „Feinden“. Lester folgt seinen Trieben ungestüm und ohne jedes Schuldgefühl. Cormac McCarthys Roman ist trotz seiner einfachen Sprache ein lesenswertes Buch und hat mich begeistert, gerade weil seine klaren und wenigen Worte außerordentlich viel transportieren.

2 Kommentare

  1. Hallo Ramona,

    ich bin ja bei diesem Buch etwas voreingenommen, denn ich liebe Cormac McCarthy’s Bücher. EIN KIND GOTTES fand ich genial. Einerseits abstoßend, dann wieder faszinierend. Und als Antiheld wird mir Lester wohl lange im Gedächtnis bleiben, was was heißt, denn normalerweise leide ich bei gelesenen Büchern unter Vergesslichkeit. 🙂

    Freue mich, dass dir das Buch gefallen hat. Und ich hoffe, es findet ganz viele Leser. Liebe Grüße, Iris

    1. Liebe Iris, das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Ich liebe McCarthys „Die Straße“ und deshalb musste ich mir auch unbedingt dieses Buch kaufen. Da merkt man, was Sprache alles kann – und ja – Lester ist ein Fall für sich, einen zweiten gibt es nicht. Er bleibt mir auch definitiv im Gedächtnis!

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