[Rezension] Melanie Raabe: Die Falle

Details:
Autorin: Melanie Raabe | Genre: Thriller | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: btb ( 2015 ) | Seiten: 352 

Die Falle von Melanie RaabeDie berühmte Autorin Linda Conrads lebt seit über 10 Jahren zurückgezogen in ihrem Haus. Sie gibt keine Interviews, pflegt nur wenige Bekanntschaften und bis auf ihren Hund Bukowski, den sie über alles liebt, hat sie keinen körperlichen Kontakt. Linda geht nie vor die Tür. Ihr Haus und dessen Wände sind das, was sie tagein, tagaus sieht. Durch Fernsehen und Internet ist sie aber mit der Außenwelt im ständigen Kontakt ohne das Gefühl der Sicherheit loszulassen.

Ein Moment, der alles verändert

Aber genau dieses Gefühl der Sicherheit verschwindet von einer Sekunde auf die andere, als sie im Fernsehen das Gesicht des Mannes sieht, der vor mehr als einem Jahrzehnt ihre Schwester Anna umgebracht hat. Linda ist völlig entsetzt, sie ist nicht mehr Herrin ihres Körpers, zittert und ihr Herz klopft bis zum Halse und doch ist sie sich sicher: der Journalist im Fernsehen ist der Mörder ihrer Schwester. Der Mann, der sich wie ein Gespenst in Lindas Leben geschlichen und es ihr genommen hat, Victor Lenzen, strahlt ihr entgegen, unbedarft und souverän.

Nach all den Jahren der Zurückgezogenheit, in welchen Linda ein Leben ohne Überraschungen geführt hat, kehren nun die schlimmsten Stunden ihres Lebens zurück: der Moment, als sie den Schlüssel zur Wohnungstür ihrer Schwester umdreht und jene in einer Blutlache ermordet am Boden auffindet. Der Moment, als sie den fremden Mann durch die Terrassentür verschwinden sieht. Der Moment, als sich Zweifel in ihr Leben schleichen; ob sie das alles vielleicht nur geträumt hat und sie dort im Dunkeln gar keinen Mörder gesehen hat. Die Polizei tappt im Dunklen und für Linda bleibt nur die Flucht in ihr selbstgewähltes Heim, als hinter jeder Ecke der Mörder zu lauern scheint, um auch sie zu erledigen.

In diesem einzigen, zufälligen Moment bricht ihre gesamte kleine Welt in Stücke. Doch Linda ist entschlossen: Sie will den Mörder ihrer Schwester stellen, denn nun kennt sie seinen Namen. Aber Linda weiß auch, dass sie nicht einfach zur Polizei gehen kann, nach all den Jahren. Und so macht sie das, was sie am besten kann: sie schreibt ein Buch, zum erste Mal in ihrem Schriftstellerdasein einen Krimi. Aber nicht irgendeinen Krimi, sondern sie schreibt über den Mord an ihrer Schwester, den Polizeiermittlungen und sie lädt Lenzen als einzigen Journalisten zu sich ein, denn Linda gibt ansonsten nie Interviews. Sie lädt den Mörder ihrer Schwester in ihr Heiligtum, ihr Fort der Sicherheit ein, um ihm ein Geständnis zu entlocken. Die Falle scheint perfekt, doch weiß Linda tatsächlich wie ein Mörder tickt?

Das undurchsichtige Spiel mit dem Zweifel

Linda schreibt und recherchiert. Sie taucht ein in ihre fiktive Geschichte, die doch eigentlich real ist. Während der Vollendung ihres Buches, den Vorbereitungen für den großen Tag, an dem sie Lenzen ihr Haus betreten lässt, werden die verschwommenen Erinnerungen der Vergangenheit wach und plötzlich zweifelt Linda an dem einzigen, was sie all die Jahre hat überleben lassen: dass ihre Schwester ermordet wurde und sie, Linda Conrads, den Mörder gesehen hat. War ihre Schwester wirklich so frei von Fehlern, hat sie sie bedingungslos geliebt oder gibt es einen Teil von Linda, der den Tod ihrer Schwester mit Leichtigkeit hinnimmt? Und kann man wirklich nach so vielen Jahren ein Gesicht, das man weniger als eine Minute gesehen hat, tatsächlich wiedererkennen?

In Lindas Kopf beginnt sich ein Karussell zu drehen, das ihre Erinnerungen, ihre Überzeugungen und die Wahrheit durcheinander würfelt. Ist Victor Lenzen tatsächlich ein Mörder? Oder hat Linda vielmehr verdrängt, was vor Jahren geschah, in der Nacht als ihre Schwester starb? Fragen über Fragen häufen sich während der Geschichte und Lindas Zweifel wird auch zum Zweifel des Lesers. Was am Anfang des Thrillers ganz klar und eindeutig war, nämlich die Geschehnisse der Vergangenheit, beginnt nun sich wie ein Netz zu verweben. Abschnittsweise präsentiert uns Melanie Raabe zudem Lindas Buch, sie als Protagonistin Sophie Peters, deren Schwester Britta ermordet wurde. Britta, die herzensgut war und mit niemandem Streitereien hatte und ein Kommissar, der sich auf die Spuren des Mörders begibt – nur dieses Mal nicht erfolglos.

Spannend ist gar kein Ausdruck für „Die Falle“. Dieser Thriller beginnt ganz ruhig, die Geschichte zieht ihre Bahnen und man glaubt als Leser, dass nur der Showdown, das Aufeinanderprallen der Kontrahenten, noch aussteht. Doch dann knüpft die Autorin ein Netz aus Zweifeln, das nicht nur ihre Protagonistin einspinnt, sondern auch den Leser. Dieser erhält ein Verwirrspiel aus (Un-)Wahrheiten mit einer spannungsgeladenen Atmosphäre. Linda befindet sich in einem Gefühlschaos, das wilde Tier in ihrem Inneren tobt und will herausgelassen werden. Sie ist eine Gefangene ihrer eigenen Ängste, die sie zu übermannen drohen und der Nervenkitzel samt angespannter, aufgestauter Wut der Heldin transportiert Melanie Raabe durch ihren Erzählstil direkt zum Leser. Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem die Entwicklung und Selbsterkenntnis, die psychologische Tiefe einer Figur so bravourös dargestellt wurde, wie in diesem Roman.

2 Kommentare

  1. Liebe Ramona,

    wie schön, dass es dir auch so gut gefallen hat. Mir erging es ziemlich genauso wie dir, Die Falle hatte mich völlig in ihren Bann gezogen, eines der spannensten Bücher, die ich in meinem Leben gelesen habe. Melanies Schreibe ist fantastisch. Jetzt bekomme ich glatt Lust auf ein Reread :))

    Ich bin schon sehr gespannt, was sie uns als nächstes präsentieren wird.

    Eine sehr schöne Besprechung!

    Liebe Grüße & einen guten Wochenstart
    Sandra ♥

  2. Hallo Ramona
    Mensch, „Die Falle“ möchte ich ja eigentlich auch schon lange einmal lesen. Sogar meine Mutter hat es schon gelesen …. und alle schwärmen so davon.
    lg Favola

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