[Rezension] Michel Bergmann: Weinhebers Koffer

Buchdetails:
Autor: Michel Bergmann | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Edition Kattegat ( 2015 ) | Medium: Hardcover | Seitenzahl: 142

Weinhebers Koffer von Michel BergmannElias Ehrenwerth ist Jude, doch das spielt in seinem Leben nicht unbedingt eine tragende Rolle. Zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, als er zufällig auf einen alten Koffer stößt, der laut verstecktem und vergilbtem Zettel darin einem Dr. phil. Leonard Weinheber gehört hat. Elias Neugierde ist geweckt: Was hat es mit diesem Koffer auf sich und woher stammt dieser? Recherchen führen den jungen Mann mit Hilfe eines arabischen Studenten in Deutschland nach Palästina, denn dessen Großvater Gibril lagerte den Koffer Jahrzehnte lang in seinem Keller. Aber damit endet die Geschichte um Weinhebers Koffer und seiner brisanten Vergangenheit noch lange nicht …

Ein rasantes Erleben mit Witz, Humor und jeder Menge „Sprengstoff“

In Palästina angekommen wird sich nicht nur Elias seiner Religionszugehörigkeit immer bewusster. Was er in Deutschland mit Konfrontation und Selbstbewusstsein meisterte, versucht er dort zu verstecken, denn der Konflikt zwischen Arabern und Juden, zwischen Israel und Palästina, zwischen den einen und den anderen, zwischen denen, die der Heimat beraubt wurden und jenen, die sie erhalten haben, dieser Kampf schwelt und findet jeden Tag von Neuem statt, was Elias immer klarer vor Augen geführt wird.

So verschweigt er dem alten und hilfsbereiten Araber Gibril, dass er Jude ist, schämt sich für sein Schweigen, doch schon mit seinem Freund Amin, der als Araber gerade in Israel lebt, kommt er auf keinen grünen Zweig, denn die Meinungen sind festgefahren, jede Seite hat ihre Position, ihre Ansichten und Perspektiven, die immer legitim erscheinen. Amin fühlt sich rechtelos und zurückgestuft als Mensch, setzt Vergleiche zum Dritten Reich und Elias relativiert, hadert und letztendlich bleibt den Freunden nur darüber zu schweigen und sich mit anderen Themen zu beschäftigen, denn eine einvernehmliche Lösung scheint nicht möglich.

„Er fühlte sich ebenso herumgeschubst wie ein Jude in den Dreißigern.“ S.41

Aber so schwere Kost ist „Weinhebers Koffer“ eigentlich gar nicht, denn auf der Thematik zwischen Israel und Palästina liegt nicht der Fokus des Buches, sondern sie wird zwischen den Zeilen immer mitgeliefert, manchmal explizit angesprochen, aber meist umrahmt sie die eigentliche Handlung, die vor Witz und Humor sprüht. Michel Bergmann schreibt von einem Suchenden, der von einer kleinen Neugierde gepackt auf Reisen geht und dabei die Geschichte eines jüdischen Mannes und seiner großen Liebe verfolgt, aufspürt und miterlebt. Elias begegnet Menschen, die Weinheber kennen lernen durften und er erhält ein Manuskript von eben jenem Mann „Die blutende Stadt“, welches die Geschichte eines Anwalts erzählt, der sich für die Belange der Juden im Dritten Reich einsetzt und dabei selbst in den Zirkel aus Hass und Gewalt gerät.

Immer wieder wechselt Bergmann auf den wenigen Seiten von „Weinhebers Koffer“ die Perspektive. Mal wird die Geschichte aus Elias Sicht erzählt, dann wieder erfährt der Leser den Inhalt des brisanten Manuskripts und als er in Jerusalem auf Cary Mayer trifft, lässt eben jene alte, jüdische Dame längst vergessen Zeiten aufleben, als sie damals 1939 als junges Mädchen auf dem Schiff Adriana floh, einer neuen Zukunft entgegenfuhr und einen interessanten Mann kennenlernte: Weinheber. Durch diese Perspektivwechsel gewinnt die Geschichte an Geschwindigkeit.

Für mich war „Weinhebers Koffer „eine rasante Fahrt auf den Spuren einer Vergangenheit, stellvertretend für viele andere, und obwohl Bergmann ernste Themen behandelt, kann der Leser immer wieder schmunzeln. Den emotionalen Touch erhält die Geschichte dann noch durch die Briefe zwischen Weinheber und seiner Liebe Helene Rosenblum. Elias ist gefesselt von der Vergangenheit, die sich besonders in Palästina merkbar bis in die Gegenwart zieht. „Weinhebers Koffer“ erzählt von Hoffnungen und Verlusten, von geliebten Menschen, der Freiheit sein zu dürfen, wer man ist oder sein möchte, von der Gnadenlosigkeit des Menschen und seiner Hilfsbereitschaft, dem Kampf um Gerechtigkeit, von Schicksalen und Opfern, Neuanfängen und dem Kummer, der Einsamkeit, schlichtweg dem Leben mit all seinen Facetten.

Kurz & knapp: Ein Pageturner

Auf nur knapp 142 Seiten vollbringt Michel Bergmann ein Kunstwerk. „Weinhebers Koffer“ ist ein Pageturner, der mit vielen Erzählstilen arbeitet und eine dicht gedrängte Geschichte ist, die sowohl politisch brisant als auch literarisch hochwertig ist und ihre unterschiedlichen Perspektiven sowie Ebenen miteinander verknüpft. Dabei gelingt es ihm eine Leichtigkeit in seine Sprache zu transportieren, die den gewichtigen Themen des Buches aber keineswegs ihre Bedeutsamkeit nimmt. „Weinhebers Koffer“ ist ein Pageturner, der immer schneller wird, geradezu rasant voranschreitet und dabei das Gleichgewicht zwischen Sprache, Handlung und dem Zwischen-den-Zeilen-Lesen wahrt.

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