[Kurzrezension] Miranda July: Zehn Wahrheiten. Storys

16 Kurzgeschichten sind in Miranda Julys Buch „Zehn Wahrheiten“ versammelt. Jede dieser Storys ein wahrer Genuss. Denn July weiß gekonnt den Blick des Lesers zu nutzen und wählt Perspektiven und Einstiegssituationen, die – kurz gesagt – außergewöhnlich sind. Sie greift zwar Alltagsgeschichten auf, verwandelt diese aber durch nur wenige Details zu etwas Besonderem, Kuriosem, eben dem nicht ganz Alltäglichen.

Ihre Sprache besticht durch eine brillante Einfachheit. Sie ist zurückhaltend und konzis. Treffend formuliert die Autorin das, was sie mitteilen will, ohne Umschweife, aber eben manchmal mit einem Blickwinkel, den der Leser erst auf den zweiten Blick, im nächsten Satz oder gar am Ende der Geschichte entschlüsselt. Ihre Figuren sind manchmal schamlos, offen oder gerade zurückhaltend, einsam oder hängen der Vergangenheit nach. Manche von ihnen nutzen die Zukunft, die eine Chance und andere lassen diese an sich vorbeiziehen.

Ein Schwimmteam ohne Schwimmbad, eine heimliche Obsession für Prinz William oder gefangen in Träumereien, eine tote Erzählerin, eine ungewöhnliche Liebe aka. Versteckspiel, die Person oder die Frage Wie real ist Romantik?. Diese und andere Themen, Figuren und Momente verwendet Miranda July in ihren Geschichten und ich gehe beabsichtigt nicht näher auf den Inhalt ihrer Storys ein, weil jede für sich auch inhaltlich überraschend bleiben soll. Jede von ihnen hat einen anderen Fokus, manchmal weiß man gar nicht so recht, wer der Erzähler ist, von welcher Figur/Person gesprochen wird, aber dann liegt auch das Augenmerk auf etwas anderem. Und auch wenn ihre Kurzgeschichten verrückt, regelrecht abstrus sind, so fragt man sich als Leser doch auch nach jedem Ende: steckt da etwas auch in mir? Eine heimliche Phantasie, ein vergangener Moment mit eben solcher Komik oder eine verpasste Chance, die plötzlich wieder aufpoppt?

Miranda Julys Storys sind originell und unterhaltsam. Sie wecken den Leser auf, manchen ihn neugierig, zeigen ihm, was hinter der sichtbaren Welt stecken kann, welche (Un-)Tiefen dort verborgen liegen hinter geschlossenen Türen, im Kopfkino des Sitznachbarn im Bus oder bei der stillen Kollegin im Büro.

Details zum Buch: Autorin: Miranda July | Originaltitel: No One Belongs Here More Than You. Stories | übersetzt von: Clara Drechsler und Harald Hellmann | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Kurzgeschichten | Verlag: Kiepenheuer & Witsch ( 2016 )

6 Kommentare

  1. Da hast du mich doch glatt neugierig gemacht 🙂
    Mit Kurzgeschichten habe ich eigentlich gar keine Erfahrungen. Aber ich denke, das sollte ich demnächst ändern!

    Viele liebe Grüße
    Juliana

    1. Liebe Juliana,

      das freut mich sehr! Meine Kurzgeschichten-Leidenschaft habe ich auch erst vor wenigen Monaten entdeckt. Bisher waren mir diese Geschichten einfach – ja – zu kurz. Aber jetzt haben sie etwas erfrischendes und ich hatte ein gutes Händchen bei der Auswahl der Kurzgeschichten.

      Ich bin gespannt, welche Kurzgeschichten es bei dir werden. (:

      Viele Grüße, Ramona

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