[Rezension] Murakami, Haruki: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Details:
Autor: Haruki Murakami | übersetzt von: Ursula Gräfe | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Dumont Buchverlag ( 2014 ) | Seiten: 350

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn TazakiBahnhöfe sind für Tsukuru Tazaki das größte. Er liebt die Geschäftigkeit, den Wirbel und den ständigen Wandel dieser Reisezentren. Und so hat der 36-Jährige seinen Traum verwirklicht und ist Ingenieur von Bahnhöfen geworden. Doch sein Leben in Tokyo glänzt nicht durch Lust und Freude, sondern Tsukuru ist ein Mensch, der am Abstellgleis steht und jeden Zug an sich vorbeirasen sieht.

Er ist ein ruhiger Mensch, voller Selbstzweifel, die aus seiner Jugend herrühren, als er mit vier Freunden die perfekte Harmonie, die perfekte Gruppe hatte. Doch eines Tages haben sich diese Freunde von ihm gelöst und 16 Jahre später weiß Tsukuru immer noch nicht den Grund für den Verlust dieser einmaligen Freundschaften.

Neben wechselnden sexuellen Beziehungen zu Frauen, ist Tsukuru ein Einzelgänger, der sich für ein leeres Gefäß, einen Mensch ohne Persönlichkeit sieht, so farblos wie sein Name ist. Als er die zwei Jahre ältere Sara kennenlernt, ändert sich alles für ihn. Diese Frau, die er begehrt, möchte, dass er seine Vergangenheit aufarbeitet und den Schmerz, den er all die Jahre verdrängt hat, loslässt, sodass sich seine innere Wunde schließen kann.

Farblos in jeder Nuance

Farben ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte von Haruki Murakami. Tazakis Freunde besitzen allesamt einen Namen, der mit einer Farbe verbunden ist, nur sein Name hat keine Farbkonnotation und schon deshalb sieht sich Tsukuru nicht vollständig seinen Freunden zugehörig. Er ist zwar Teil einer harmonischen Gruppe, sieht sich selbst aber eher als Außenseiter, als einer, der zufällig dazugehört. Und so schleppt Tsukuru ein Selbstbild mit sich herum, das konträr zu seiner Außenwirkung auf andere ist. Innen und Außen ist eine weitere Thematik, die Murakami in diesem Buch durchweg bearbeitet. Sein Protagonist ist nicht nur völlig farblos, wie er von sich behauptet, sondern auch völlig emotionslos.

Emotionen gibt es in Murakamis neustem Roman kaum. Als Literaturwissenschaftlerin bin ich davon höchst begeistert, denn der Autor kann die Abwesenheit aller Emotionen auf den Text und über den Text auf den Leser übertragen. Eine Farblosigkeit, die sich durch Text- und Figurenebene hin bis zum Rezipienten schlängelt, das ist Können! Stilistisch ist Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ein gelungenes Werk, aber die völlig überladene metaphorische Sprache lässt den Stil im Hintergrund versinken.

Eine unüberwindbare Distanz

Diese emotionale Distanz, die der Text erschafft, zieht sich – so bleibt der Autor sich hier treu – bis zum Ende durch. Und leider entsteht dadurch kaum oder, für mich, gar keine gefühlsbetonte Verbindung zu irgendeiner Figur des Romans. Murakamis Figuren sind allesamt farblos und uninteressant. Sie tauchen auf und verschwinden wieder und ihre Dialoge wirken allesamt gestellt, ja irgendwie erzwungen.

Die sich langsam entwickelnde, sehr viel auf das Innenleben und die Träumereien des Protagonisten verhaftete Handlung war mir als Leser vollkommen gleichgültig, sie war so farblos und leer. Apathisch und passiv schreitet Tsukuru durch sein Leben und genauso apathisch habe ich als Leser das Buch gelesen. Es ist eine leichte Sprache, die Murakami hier verwendet, und dennoch unheimlich zäh zu lesen, weil es ein Zwang ist, weiterzulesen. Und hofft man am Ende auf wenigstens aufgelöste Handlungsstränge (nicht auf die Erlösung des Protagonisten aus seiner eigens gewählten Passivität) so wird man auch hier enttäuscht.

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ist kein typischer Murakami, das steht fest. Und war ich auch bisher noch nicht der Begeisterung für diesen japanischen Autor verfallen, so bin ich mit diesem sehr untypischen Roman leider auch kein Fan geworden.

 

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