[Rezension] Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte

Details:
Autorin: Naomi Wood | Originaltitel: Mrs. Hemingway | übersetzt von: Gerlinde Schermer-Rauwolf, Robert A. Weiß, Kollektiv Druck-Reif | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Hoffmann und Campe ( 2016 )

Als Hemingway mich liebte von Naomi WoodGroß gefeiert wurde Ernest Hemingway nicht nur nach seinem großen Durchbruch als Schriftsteller mit „Fiesta“ im Jahr 1927, sondern auch im 21. Jahrhundert ist der Name des Autors und dessen schrifstellerisches Werk unvergessen. Hemingway, dessen direkte Art sein Gegenüber verärgern konnte, der vier Ehefrauen hatte, zahlreiche Affären und dem Alkohol zugetan war. Als Teil der Pariser Bohème der 1920er ranken sich um den exzentrischen Mann und Schrifsteller Ernest Hemingway aber auch Geschichten und Legenden, wie etwa der angeblich gestohlene Koffer am Gare de Lyon. Aber in „Als Hemingway mich liebte“ geht es eigentlich nicht um diesen Mann, sondern vielmehr um seine vier Ehefrauen, die jede für sich eine Perspektive des Buches einnimmt und erzählt, welche Faszination Hemingway nicht nur auf Frauen sondern auch auf seine Mitmenschen gehabt hat.

Hadley

Eine beklemmende Stimmung tut sich gleich im ersten Teil des Buches auf. Schauplatz ist Antibes in Frankreich, 1926. Die Hemingways sind im Urlaub und neben dem Ehepaar hat sich auch Fife, Ernest Geliebte dort eingenistet. Doch Hadley hat sich diese Dreierkonstellation selbst zuzuschreiben, denn sie hat Fife auf eigenes Zutun eingeladen. Hadley ist die Freundschaft zu Fife wichtig und eigentlich glaubte sie, die Affäre wäre beendet. Doch immer wieder schleichen sich bei Hadley Gedanken des Misstrauens ein und sie sieht all die Dinge, die Fife viel besser kann als sie selbst. Die Situation ist darüber hinaus nicht optimal, denn die Kinder sind krank und so meiden alle anderen Bekannten und Freunde die Hemingways. Eingesperrt am Urlaubsort sind die drei nur in ihrer gegenseitigen Gesellschaft. Hadley ist meine liebste Figur in diesem Roman, denn zu ihr habe ich sofort eine Verbindung aufgebaut, konnte mit ihr fühlen und hatte diesen Kloß im Hals während ich las. Denn man merkt, dass Hadley verunsichert ist und nicht durchschauen kann, ob das, was sie denkt, der Wahrheit entspricht. Vielmehr scheint sie selbst durch ihr Handeln ihre Vermutungen zu Tatsachen werden zu lassen. Schon im ersten Teil ist klar: Naomi Wood schreibt mitreißend, die Stimmung schwankt und durch die Rückblenden wird die Dreierbeziehung, deren Gesamtbild sich erst durch die anderen Teile des Buches ergibt, detailreich und besonders perspektivenreich beleuchtet.

Hemingway & Hadley

Fife

Fife ist das genaue Gegenteil von Hadley und während ich im ersten Teil ein wahrer Hadley-Fan war, so erkenne ich im Perspektivwechsel, dass der Schein manchmal auch trügt. Denn Fife liebt Ernest mit ihrem gesamten Dasein. Sie ist ihm regelrecht verfallen und will die Frau an seiner Seite sein. Mutterschaft ist für sie zweitrangig, was zählt ist der Mann, der sich dank ihres Geldes vollkommen auf sein Schreiben konzentrieren kann und damit Erfolg hat. Hemingway wird berühmt. Doch 1938, nach zehn Jahren Ehe, steht Fife wieder vor einer Dreierbeziehung und genau wie Hadley, will sie die Illusion aufrechterhalten, dass alles stimmt, völlig verängstigt, vom Sockel als Ehefrau Hemingways gestoßen zu werden. Ernest ist zu keiner Diskussion bereit und so wird auch in der zweiten Ehe geschwiegen, um nicht der Wahrheit ins Auge blicken zu müssen. Es scheint wie ein Muster, das Hemingway verfolgt, nicht unbedingt bewusst, aber doch folgsam kann er sich nicht vor neue Frauen zurückhalten.

Hemingway & Fife

Martha

Martha ist jung und wild. Sie schreibt, ist Journalistin, Schrifstellerin und wird mit Unterstützung Hemingways Kriegskorrespondentin. Sie hat nichts für Haushaltsführung übrig, sondern will ein aufregendes Leben führen. Fernab jeglicher Verantwortung in Spanien kommen sich die beiden näher und näher und der inzwischen in die Jahre gekommene Ernest schafft es, sie zu überzeugen auch ihn zu heiraten, obwohl Heirat für Martha nie wirklich ein Thema war. Die Angst, eine stilechte Hausfrau zu werden, hat sie immer davor zurückschrecken lassen. Doch Martha lässt sich nicht unterkriegen, auch sie hat Affären und lebt ihr Leben neben dem zärtlichen Mann, der zum Tyrannen werden kann: „Alkohol kann eine gefährliche Geliebte sein“ (S. 239).

Hemingway & Martha

Mary

Die leidvollen Jahre erlebt Mary, Ernest letzte Ehefrau, als er immer mehr dem Alkohol zu getan ist und darüber hinaus eine Krise als Schrifsteller erlebt. Er hadert mit sich als Autor, die Ideen fehlen und Depressionen befallen ihn. Als ein tragisches Unglück ihm das Leben nimmt, bleibt Mary völlig entsetzt und einsam zurück. Unfall oder Absicht? Diese Frage wird sie nie vollständig beantworten können.

Hemingway & Mary

„Als Hemingway mich liebte“ zeichnet ein detailreiches, emotionales und mitreißendes Bildnis eines der bekanntesten Schriftsteller aller Zeiten. Der Roman beschreibt einen Mann, der begehrt war und von seinem gesamten Umfeld bewundert wurde, sowohl von Frauen als auch von Männern. Seine Erscheinung, sein Wesen und seine Kunst machten aus ihm eine Berühmtheit, doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass er im Leben auch Fehler beging, manchmal nicht schlauer wurde und auch verkorkst war. Liebe und Leid hat er erschaffen, ebenso wie große Werke. Naomi Wood blickt mit ihrem Roman hinter die Kulissen, erschafft ein eigenes fiktives Werk, das auf historischen Quellen beruht, und gibt den Frauen in Hemingways Leben eine Stimme. Dabei skizziert sie nicht nur vier ganz unterschiedliche Charaktere, sondern  zeigt sich wiederholende Muster und Dramen auf. Der Wechsel des Blickwinkels kann eine Situation oder ein Geschehen in völlig neues Licht rücken, macht aus der männerstehlenden Diva eine liebesverrückte Frau oder aus der bemitleidenswerten Hausfrau eine glückliche Dame.

Nicht nur strukturell überzeugt der Roman, der in die vier Frauenperspektiven aufgeteilt ist und durch Rückblenden auf bereits beschriebene Ereignisse zurückgreift, den Leser somit vollends ins Bild setzt, was geschehen ist, und die Zwiespältigkeit des Lebens rigoros präsentiert. Er ist auch sprachlich eine Augenweide. Mit viel Esprit und Unterhaltungsgeist erfasst die Autorin vier unterschiedliche Charaktere auch sprachlich zu trennen und – fast wie nebenbei – auch die divergenten Stimmungsfäden aufzugreifen, die wie zwei Seiten einer Medaille schimmern.

Ein Kommentar

  1. Eine sehr leidenschaftliche Rezi! Ich habe Hemingway lange bewundert, aber als ich „Der alte Mann und das Meer“ las, war ich nur wenig angetan. die Geschichte ist interessant und gut zu lesen, aber.. ich hatte mehr erwartet. Und ich frage mich, ob man mit seinem eigenen Zweifeln nicht nur sich, sondern auch sein Umfeld ins Unglück stürzen muss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.