[Rezension] Nicola Yoon: Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt

Details:
Autorin: Nicola Yoon | Originaltitel: Everything, Everything | übersetzt von: Simone Wiemken | Genre: Jugendbuch | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Dressler ( 2015 ) | Seiten: 335

Jeder Tag in Madelines Leben gleicht dem anderen. Sie ist krank gegen ihre Umwelt und fristet daher ein Leben in ihrem Haus, das sie nie verlassen darf. Die Fenster sind verriegelt und über ein teures Belüftungssystem wird die schädliche Luft von draußen gefiltert. Freunde hat Madeline nicht, ebenso wenig darf sie Besuch empfangen. Nur ihre Mutter und ihre Pflegerin Carla dürfen sie berühren. Schulaufgaben erledigt Madeline über das Internet und manchmal, in Ausnahmefällen, darf ihr Lehrer sie besuchen.

Ein eigenes Leben

Madeline ist eine Gefangene. Doch sie versucht das Beste aus ihrem Leben zu machen. Sie liest viel, lernt über das Internet und verbringt die Tage mit Carla oder ihrer Mutter. Freunde hat Madeline keine, da das zu gefährlich für ihre Gesundheit wäre, denn schon seit sie klein ist, ist sie allergisch auf die Umwelt draußen. Frische Luft kann für sie tödlich sein und so hat sie keinen Kontakt zu anderen Menschen. Ihre Mutter schottet sie vor allen anderen ab und Madeline lebt damit. Solange bis in das Haus gegenüber eine neue Familie einzieht und mit ihr deren Sohn Olly, der immer Schwarz trägt, herumzappelt und chaotisch ist.

Zaghaft beginnt die Freundschaft zwischen den beiden, als Madeline den Tagesablauf der fremden Familie von ihrem Zimmerfenster aus beobachtet und Olly sie bemerkt. Das Mädchen hinter dem Fenster, das scheu hervorschaut und das er doch nicht besuchen darf. Doch so leicht gibt Olly nicht auf, er versucht Kontakt mit Madeline aufzunehmen, auf unkonventionelle Weise gelingt ihm das auch und von da an schreiben die beiden sich in jeder freien Minute. Doch was passiert, wenn er wieder zur Schule muss und vielleicht ein anderes Mädchen kennenlernt? Madeline glaubt, er ist anders. Doch ihre Mutter sieht das wiederum ganz anders. Denn wenn Olly geht, muss Madeline bleiben. Und so verheimlichen Carla und Madeline ihrer Mutter, dass es die Freundschaft mit Olly gibt. Aber Heimlichkeiten auf so engem Raum bleiben nicht lange geheim und als Ollys Vater wieder völlig betrunken nach Hause kommt, wagt Madeline das Unmögliche um Olly zu schützen.

Und dann gerät alles außer Kontrolle: Madelines klitzekleine Welt steht Kopf und das, was ihr bisher ausgereicht hat in ihren beinahe 18 Lebensjahren, genügt plötzlich nicht mehr. Sie will leben, sie will Risiken eingehen, frische Luft atmen und das, wovon sie all die Jahre nur gelesen hat, mit eigenen Augen sehen, anfassen, inhalieren. Aber ist es das Risiko wert, ihr Leben aufs Spiel zu setzen?

Über Liebe und Freundschaft, über Verrat und Vergebung

Ich habe es geliebt in „Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt“ die Geschichte zu verfolgen und Madelines kleine Welt vor meinem inneren Auge auferstehen zu sehen. Madeline ist jung und obwohl sie in ihrem Haus gefangen ist, hat sie ein offenes Gemüt und interessiert sich für viele Dinge, die sie wohl niemals selbst erleben werden kann. Sie ist mutig und tapfer, verfällt nicht in Depressionen sondern lebt jeden Tag wie er kommt, ohne Überraschungen, eben gerade so wie es ihr möglich ist. Als sie klein war, starben ihr Vater und ihr Bruder und so ist ihrer Mutter nur noch eine kranke Tochter geblieben, für die sie auf vieles verzichten muss. Umso enger ist die Beziehung der beiden. Doch als Madeline sich in Olly verliebt, merkt sie, dass das was sie hat nicht mehr ausreicht. 17 Jahre lang war das Haus, ihre Mutter und Carla genug für sie. Sie hat sich arrangiert und ihre kleine Welt so gut es ging ausgenutzt. Doch das ist vorbei, denn sie will mehr; viel mehr vom Leben, auch dann, wenn es sie alles kostet. Berührend, aber nicht kitschig beschreibt Nicola Yoon das eintönige Leben Madelines, die aus jeder alltäglichen Sache versucht, etwas Besonderes zu machen.

Aber nicht nur die Geschichte ist berührend, sondern auch das Buch selbst, welches liebevoll gestaltet ist. Sowohl das Cover als auch der Innenteil sind wahre Hingucker. Auf den 335 Seiten versammeln sich Zeichnungen, Tagebucheinträge, Tabellen und To-do-Listen, die Madelines kleine Welt bereichern, die ihr Halt geben und ihren Träumen einen festen Bestandteil im Leben geben. So etwa die Einträge in jedes Buch, das sie besitzt, falls es eines Tages in fremde Finderhände gelangen sollte, etwas, das eigentlich schon unmöglich ist und dennoch gibt Madeline das Unmögliche nie auf. „Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt“ ist ein ganz großartiges Buch über die erste Liebe und das Erwachsenwerden, das sich von anderen seiner Art durch seine Geschichte und seine Aufmachung abhebt. Mir hat es einen wunderbaren Tag geschenkt, denn wenn man erst einmal in Madelines Welt eingetaucht ist, kann man so schnell nicht mehr auftauchen und erlebt überraschende Momenten genauso wie herzzerreißende, unfassbare und unmögliche.

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