Rezension | Palast der Finsternis von Stefan Bachmann

Palast der Finsternis von Stefan Bachmann

Anouk Geneviève ist 17 Jahre alt und hat genug von ihrer Familie. Sie ist voller Wut, auf ihre Eltern, die nur ihre kleine Schwester Pippa sehen und sich um Anouk kaum kümmern. Anouk zieht Konsequenzen und hinterlässt ihren Eltern einen Brief mit einer Lüge wohin sie verschwindet. In Wirklichkeit macht sie sich mit einer Gruppe anderer Jugendlicher auf den Weg nach Europa, um an einem geheimen Forschungsprojekt teilzunehmen: Die Erkundung eines bisher unentdeckten unterirdischen Palastes.

Doch kaum startet das Projekt Papillon, erkennen Anouk und die vier anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie sich auf ein gefährliches Abenteuer um Leben und Tod eingelassen haben.

Das Projekt Papillon

Anouk, Jules, Will, Hayden und Lilly sind die fünf auserwählten Jugendlichen, die unter der Leitung von Professor Dr. Thibault Dorf an einer Ausgrabungsstätte in Frankreich teilnehmen dürfen. Jeder von ihnen hat besondere Fähigkeiten, keiner hat sich vorher schon einmal getroffen. Das Projekt ist so geheim, dass allen Eltern eine Alternativstory vorgelegt wurde.

Aus Anouks Perspektive wird die Geschichte der Jugendlichen erzählt, die sich im einen Moment auf einer aufregenden Entdeckungstour befinden und im nächsten Moment in einem Horrorfilm, in welchem sie um ihr Leben kämpfen müssen. Der Palast du Papillon ist wie ein riesiges unterirdisches Labyrinth mit tödlichen Fallen und jemandem, der sie verfolgt. Eine Jagd durch pompöse Säle und uralte Kammern beginnt.

Die Heldin Anouk

Anouk ist ihrer Meinung nach sozial inkompatibel. Sie stößt von Anfang an alle anderen ProjektteilnehmerInnen von sich und bleibt lieber für sich. Wie durch einen innerer Zwang kann sie sich nicht auf andere einlassen oder ihnen vertrauen. Anouk ist eine Einzelgängerin wider Willen, die weiß, dass es ihre eigene Schuld ist, wenn sie keine Freunde oder Anschluss findet. Ihr Verhalten ist konditioniert durch ihre Vergangenheit, aber all das tritt in den Hintergrund, als vier der fünf Teilnehmer sich in den unterirdischen Palast verirren. Denn der Palast du Papillon ist eine Sammlung perverser Fallen, die man durch einen einzigen Fehltritt auslösen kann.

Von einem Moment zum anderen befindet sich die Jugendlichen in Lebensgefahr. Kein Mensch weiß, dass sie sich in  einem unterirdischen mit Fallen gespickten Palast befinden, auf der Flucht vor Professor Dorfs Handlangern, die sie vorerst ausgesperrt haben. Doch auch im Palast scheint etwas Böses sein Unwesen zu treiben und Anouk, Jules, Will und Lilly müssen sich verstecken. Denn ein Opfer hat der Palast bereits gefordert: Hayden.

Allein die Tatsache, dass man sich plötzlich in Lebensgefahr befindet, reicht aus, um sich in die Figuren von Stefan Bachmanns Roman „Palast der Finsternis“ hineinversetzen zu können. Denn was würden wir tun, wenn wir ohne Vorwarnung um unser Leben kämpfen und tückischen Fallen ausweichen müssten? Anouk ist eine Figur mit Fehlern, sie ist manchmal unsympathisch, erkennt aber zugleich ihre eigenen Fehler. Eines ist sie ganz gewiss nicht: passiv. Sie nimmt die Führungsposition ein und zeigt Mut, Verstand und Entschlossenheit in den dunklen Gängen des Palastes. Eine Figur die nicht hadert, sondern Entscheidungen trifft. Und genau das liebe ich an Figuren so sehr!

Palast der Finsternis: Vergangenheit und Gegenwart

Auf zwei Zeitebenen wird die Geschichte des Palast du Papillon erzählt. In der Gegenwart von Anouk und in der Vergangenheit von Aurélie de Bessancourt, der Tochter von Frédéric de Bessancourt, der den unterirdrischen Palast im 18. Jahrhundert hat erbauen lassen. Diese beiden Ebenen ergänzen sich wunderbar im Spiel um die Wahrheit und das Lösen der Geheimnisse. Die Gruppe der Jugendlichen hat nur wenig Wissen über den Palast, nämlich das, was der mordlüsterne Professor Dorf ihnen mitgeteilt hat.

Alles andere müssen die Gefangenen selbst herausfinden, doch als sie auf einen seltsam ausgezehrten und blutenden Mann im Palast stoßen, wird es geisterhaft: Der verwirrte Mann behauptet, dass er bereits seit 200 Jahren im Palast gefangen ist. Er warnt sie vor dem Schmetterlingsmann, der jeden im Palast tötet.

Ein gruseliges Labyrinth und eine gespenstische Geschichte

Stefan Bachman hat sich mit „Palast der Finsternis“ selbst übertroffen. Waren seine beiden ersten Werke „Die Seltsamen“ und „Die Wedernoch“ ideenreiche Phantasiegebilde, bei denen aber einfach immer noch der letzte Schliff gefehlt hat, so hat er mit seinem neuen Roman einen weiten Sprung nach vorne gemacht: Figurenzeichnung – toll, Story – toll, Konzept – toll, Umsetzung – toll.

Irgendwann war ich so gefangen von diesem Roman, der sehr realistisch beginnt, sofort auf zwei Ebenen wechselt und man sich fragt: Was genau ist dieser unterirdische Palast und weshalb hat Frédérics Frau 1789 der Schrecken so sehr gepackt, dass sie dessen Mauern nie wieder betreten wollte? Und nach und nach entführt Stefan Bachmann seine Leser und seine jugendlichen Figuren in eine grausame Zwischenwelt. Was ist tatsächlich Realität und was ist pure Einbildung?

Die Fallen im Palast basieren alle auf normalen Techniken oder physikalischen Vorgängen, doch was dort sonst noch sein Unwesen treibt, scheint nicht von dieser Welt zu sein. Allein die maschinenhaften überdurchschnittlich schnellen Handlanger des Professors sind keine normalen Menschen. Man bewegt sich als Leser auf dem schmalen Grat, was sein kann und was nicht. Wo beginnt die Phantasie und endet die Wirklichkeit?

Palast der Finsternis“ ist ein spannender Roman mit phantastischen Elementen, deren Mischung aber gekonnt dosiert wurde. Stefan Bachmann ist bekannt für seinen Ideenreichtum, den er dieses Mal aber in Bahnen gelenkt hat, die zum Konzept des Buches passen. Erzählerisch baut er ein Netz auf, das sich Stückchenweise erweitert, zum Mirätseln einlädt und am Ende einen großen Showdown verspricht. Stefan Bachmann nimmt das 18. Jahrhundert mit seinem Fokus auf dem Unheimlichen und Automaten-Menschen und verpflanzt es in unsere Gegenwart. Ein abenteuerliches Spektakel, ein kluger Pageturner mit kleinem Gruselfaktor!

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Stefan Bachmann | Originaltitel: A Drop of Night | übersetzt von: Stefanie Schäfer | Genre: Fantasy, Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Diogenes  ( 2017 ) | Seiten: 397

Weitere Rezensionen zu „Palast der Finsternis“:

Buchperlenblog | Buchstabenträumerei | Kathrineverdeen | BücherKaffee

3 Kommentare

  1. Liebe Ramona,
    Über das Buch habe ich schon so viele verschiedene Meinungen gehört. Die Geschichte scheint wirklich zu polarisieren. „Palast der Finsternis“ steht schon länger in meinem Regal, aber immer, wenn ich es mal lesen möchte, springt mir wieder eine negative Rezension entgegen und dann greife ich doch wieder lieber zu einem anderen Buch.
    Deine Buchbesprechung hat mich jetzt aber wieder sehr neugierig auf das Buch gemacht. Es bleibt wohl wie immer keine andere Wahl: Ich muss wir endlich selbst eine Meinung bilden. Das Buch landet jetzt auf jeden Fall wieder weiter oben auf meinem TBR Stapel.
    Liebe Grüße, Julia

    1. Liebe Julia,

      ja ich kenne solche Bücher auch und am besten ist es dann ja tatsächlich sie selbst zu lesen, wenn man das Gefühl hat: das könnte was werden!
      Ich bin sehr gespannt, wie du das Buch finden wirst. Negative Rezensionen habe ich gar nicht mtibekommen, aber bevor ich ein Buch lese, lese ich meist auch keine Rezensionen (es sei denn ich bin unentschlossen, wie du in diesem Fall ^^).

      Viele Grüße, Ramona

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