Rezension | Patrick Ness: Sieben Minuten nach Mitternacht

Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness

Conor ist 13 Jahre alt und fast jede Nacht hat er einen Alptraum, der immer wiederkehrt und der doch so grausam ist, dass er nicht darüber sprechen kann. Nicht mit seiner kranken Mutter, nicht mit seinem Vater, der weit weg lebt und eine neue Familie hat und nicht mit seiner Oma, die ihn bevormundet. Eines Nachts, sieben Minuten nach Mitternacht, hat er allerdings einen anderen Alptraum: die Eibe in seinem Garten verwandelt sich in ein uraltes Monster, das ihn heimsucht und ihn mitnehmen will. Es deutet ihm an, das sein Ende gekommen ist.

Sieben Minuten nach Mitternacht: Das Monster

Auch wenn Conor anfangs an einen Traum glaubt, erkennt er bald, dass das Monster grausame Wirklichkeit ist. Immer wieder findet er Überbleibsel, wie Äste und Dreck in seinem Zimmer. Auch wenn alle anderen Schäden, die das Monster am Haus anrichtet, am nächsten Tag verschwunden sind. Das Monster will sein Leben beendenden, doch Conor hat keine Angst vor ihm, denn seine wahre Angst ist eine, die viel schlimmer ist: der Verlust seiner todkranken Mutter.

Der Kern der Geschichte

Conors Mutter hat Krebs und die ständigen Behandlungen zehren an ihren Kräften. Die Nebenwirkungen werden immer schlimmer und die Müdigkeit übermannt seine Mutter immer häufiger. Doch Conor hat soweit alles im Griff. Bisher sind seine Mutter und er auch allein gut zurecht gekommen und so soll es bleiben. Doch dann zieht seine Oma, die Mutter seiner Mutter, in das Haus ein, denn es geht eben nicht mehr, dass Conor kein Kind sein kann und sich stattdessen um seine kranke Mutter kümmern muss.

Doch mit seiner Oma kommt Conor überhaupt nicht klar. Er wünscht sich, dass sie wieder verschwindet und alles so ist wie vorher. Er wünscht sich, dass seine Mutter wieder gesund ist und sie glücklich zusammenleben können. Doch insgeheim sagt ihm sein Traum etwas anderes. Und Connor schämt sich für diese gar schrecklichen Gedanken um den Tod und Verlust seiner Mutter.

Die vielen ungesagten Worte

Conor ist ein Junge, der seine Mutter an einer Krankheit leiden sieht, die unbändig nach mehr verlangt. Der Krebs zerfrisst sie, doch Conner will und darf die Hoffnung nicht verlieren. Aber jeder neue Tag zeigt ihm erneut, wie schlecht es um seine Mutter steht. Sein Vater kommt zu Besuch, seine Oma zieht ein. Doch all diese Zeichen, die versucht es von sich zu weisen, denn die Hoffnung darf er nicht verlieren – auch wenn sein Alptraum ihm etwas anderes sagen will.

Conor ist sprachlos. Genauso wie all die Erwachsenen um ihn herum. Sie schauen ihn mitleidig an und versuchen ihn aufzuheitern, ihm Mut zuzusprechen. Es ist ein zehrendes, ein hilfloses Schweigen, das sich um Conor ausbreitet. Selbst seine beste Freundin Lily stößt er von sich weg. Conor ist voller Wut auf alle, aber am meisten auf sich selbst. Und niemand hat den Mut, der Wahrheit ins Auge zu sehen, niemand will der erste sein, der die Hoffnung auf Genesung anzweifelt, es laut ausspricht.

Sieben Minuten nach Mitternacht“ benötigt nicht viele Worte. Nein, mit den Worten hält sich Patrick Ness tatsächlich zurück. Aber was da zwischen den Zeilen lauert, das sind die Momente, die sich – durchschaut man sie – dem Leser tief in die Magengrube bohren. Denn das Unaussprechliche ist ein so großer wabernder Schatten über denjenigen, die in Berührung mit dieser alles verzehrenden Krankheit kommen. Nicht nur die Patienten, sondern die ganze Familie wird gepackt und Schock, Trauer, Wut versuchen sich nach draußen zu drängen und werden doch angehalten für den einzigen Weg weiterzumachen: Hoffnung.

Die Zeichnungen und Bilder im Kopf

Aber nicht nur die gezielt eingesetzten Wörter machen aus „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ein ganz besonderes Buch, sondern auch die Zeichnungen von Jim Kay. Düster und zum Teil nicht bis ins Detail ausgearbeitet,  unterstützen sie auf eine treffende Art und Weise die Geschichte. Sie vermitteln das, was der Leser schon fühlt, während er die Geschichte liest: die Hoffnungslosigkeit, welche sich ausbreitet und in den Geist der Figuren vordrängt, jede Seite ein Stückchen mehr.

Eine Geschichte über die Wahrheit

Aber eigentlich ist „Sieben Minuten nach Mitternacht“ eine Geschichte über die Wahrheit. Die Wahrheit zu sich selbst und zu anderen. Conor kann weder mit sich noch mit seiner Umwelt über die Wahrheit sprechen. Genauso wenig wie die Erwachsenen in der Lage sind ihm die Wahrheit zu sagen. Patrick Ness, der dieses Buch anhand der Aufzeichnungen der verstorbenen Autorin Siobhan Dowd fertig stellte, hat einen tief berührenden Roman geschrieben. Worte können nur schwer ausdrücken, was dieses Buch vermittelt. Denn es vermittelt alles: Wut, Trauer, Zorn, Angst, Wahrheit, Freundschaft.

Sieben Minuten nach Mitternacht“ zeigt auf, wie eine Krankheit eine ganze Familie durcheinander rüttelt und sprachlos sowie hilflos zurücklässt. Ich war zu Tränen gerührt, was mir bei Büchern nur äußerst selten passiert und vielleicht gerade deshalb für dessen Qualität spricht. Aber auch deshalb, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass in diesem Buch die Wahrheit über eine schreckliche Erkrankung und deren Konsequenzen geschrieben steht.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autoren: Patrick Ness und Siobhan Dowd | Originaltitel: A Monster Calls | übersetzt von: Bettina Abarbanell | illustriert von: Jim Kay |  Genre: Fantasy | Reihe: – | Gattung: Jugendbuch | Verlag: Goldmann ( 2016 ) | Seiten: 218

Weitere Rezensionen zu „Sieben Minuten nach Mitternacht“:

Wortmalerei | Leselurch | Nightingale’s Blog

2 Kommentare

  1. Liebe Ramona,

    was für eine schöne und detaillierte Rezension.
    Ich habe das Buch bisher noch nicht gelesen, aber deine Worte holen das Buch jetzt auf meinen Radar. Danke dafür!

    Liebe Grüße
    Ramona

    1. Liebe Ramona,

      das freut mich wirklich sehr! Es ist ein unglaublich tolles und auch trauriges Buch, das aber so viel über das wahre Leben aussagt, mit Worten und Bildern.

      Liebe Grüße, Ramona

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