[Rezension] Peter Goldammer: Der Zirkus der Stille

Thaïs Leblancs Mutter stirbt als sie 12 Jahre alt ist. Danach wächst das junge Mädchen bei ihrer Großmutter, der unvergleichlichen Madame Victoria, Zirkusstar und Alkoholikerin, auf. Sobald sie die Volljährigkeit erreicht hat, flieht Thaïs aus dem Zirkusleben nach London und lebt dort ein normales, geregeltes Leben. Bis sie die Nachricht erhält, dass ihre Großmutter verstorben sei und plötzlich muss sich Thaïs als einzige Erbin nicht nur um die Beerdigung kümmern, sondern sich auch mit ihrer Vergangenheit und ihrem wahren Ich auseinandersetzen.

Ein kurioses Zirkus(er)leben

Auf dem Weg in die Stadt, in der sich ihre Großmutter zuletzt niedergelassen hat, merkt Thaïs schon, das nichts mehr so sein wird, wie zuvor, denn immer häufiger schleicht sich nun eine andere Thaïs in den Vordergrund, sei es während der Begegnung mit dem Bestatter, der hilfsbereiten Nachbarin Madame Raphael, oder den kuriosen und zugleich traurig wirkenden Zirkusleuten des Le Cirque perdu, dem verlorenen Zirkus. Wie nicht nur der Name vermuten lässt, hat dieser Zirkus, der nur noch aus insgesamt fünf Wagen besteht, seine besten Tage bereits hinter sich. Alles wirkt heruntergekommen und schmuddelig und die wenigen anwesenden Schausteller sind mehr oder weniger freundliche Gesellen.

Thaïs ist irritiert. Nicht nur das Haus ihrer Großmutter, das so einsam wirkt, gibt ihr Anlass sich Fragen zu stellen, wie etwa, ob Victoria ebenfalls einsam war, nachdem sie dem Zirkus aufgrund Alter und Krankheit den Rücken kehren musste. Erinnerungen schleichen sich in ihre Gedanken und dazwischen stehlen sich die neuen, ominösen Bekanntschaften des Zirkus.

Eine ganz besondere Erzählatmosphäre

„Der Zirkus der Stille“ ist ein ruhiges Buch, das den Hang zum Verrückten besitzt. Die Figuren der Zirkusleute sind etwas seltsam, ja teilweise geheimnisvoll krude und doch auch irgendwie liebenswert. Thaïs ist damals vor einer Welt geflüchtet, in die sie nicht zu gehören schien, doch nach dem Tod ihrer Großmutter und dem sich abwenden ihres normalen Lebens samt ihres Freundes Daniel, lassen die Neinsagerin immer mehr verstummen und eine andere Thaïs an Macht gewinnen. Sie ist zwiegespalten.

Das Debüt von Peter Goldammer wird von einer ganz seltsamen Atmosphäre bestimmt, die sich mit kurios, geheimnisvoll und gespenstisch beschreiben ließe. Das zeigt sich schon zu Beginn des Buches, als man erfährt, dass Victoria sich ihr Testament auf den Körper geschrieben hatte und ihr Leichnam somit eine letzte große Inszenierung darstellt. Und dann beginnt die schicksalhafte Reise ihrer Enkelin, die sich am Scheideweg zwischen Vergangenheit und Zukunft bewegt, zwischen ihrem jetzigen Ich und dem Ich, das sie eigentlich sein sollte. Thaïs begibt sich auf der Suche nach ihrer Familie, die sie eigentlich schon für verloren gehalten hatte.

Dabei begegnet sie Gestalten, deren vermeintliche Ziele nicht sofort zu durchschauen sind. Thaïs trauert und mit einer alten Zirkustradition, der Trauerschnur, soll sie nicht nur mit der Vergangenheit abschließen und lernen, was Vergebung für sich und andere bedeutet, sondern auch erkennen, was die Zukunft für sie bereit hält, wenn sie es zulässt. „Der Zirkus der Stille“ handelt vom Fremdsein, von Ausgrenzung durch soziale Schichten und durch die eigene Herkunft. Der Roman erzählt aber auch von Zusammenhalt, Mysterien und Identitätssuche. Ich habe ihn gerne gelesen, denn die geheimnisvolle Atmosphäre, von der ich schrieb, ist für den Leser faszinierend, sie zerrt ihn mit in die Welt der Zirkusleute, die eine Gemeinschaft mit langanhaltender Tradition bilden.

Eine Geschichte, die zu viel will

Und doch hatte ich das Gefühl, dass diese Geschichte noch mehr sein will, als sie eigentlich ist. Es ist schwierig zu beschreiben, denn besonders das Ende, das ich hier natürlich nicht verraten will, verdeutlicht, wie sehr die Geschichte über ihr eigenes Dasein hinausschießt. Zwischen all dem Schicksalhaften, dem Visionären, bestehend aus Erinnerungen, Missverständnissen und der uralten Zirkustradition mischt sich beinahe etwas Philosophisches, das für dieses Buch aber letztendlich – und anders kann ich es nicht beschreiben – zu viel ist. Der Bogen wird überspannt mit den Dingen, die zwischen den Zeilen stehen. Die Lektüre an sich war schön und verschroben zugleich, doch dieses Tüpfelchen too-much, was sich besonders am Ende herauskristallisiert, lässt mich doch nicht mehr so ganz los.

Details zum Buch: Autor: Peter Goldammer | Genre: Belletristik | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Atlantik ( 2016 )

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