Rezension | Pfaueninsel von Thomas Hettche

Pfaueninsel von Thomas Hettche

Marie ist ein Ding. Zumindest sieht und fühlt sie sich als ein solches. Sie ist kleinwüchsig und alle anderen sehen in dem jungen Mädchen nur eine Zwergin. In der normalen Gesellschaft ist kein Platz für sie und ihren Bruder Christian. Und so werden die beiden Kinder – Marie ist gerade einmal sechs Jahre alt – auf die Pfaueninsel geschickt, um fortan dort zu wohnen und zu arbeiten. Die Pfaueninsel in der Havel bei Potsdam ist ein künstliches Paradies und im Laufe von Maries Leben finden sich allerlei Kuriositäten und exotische Tiere dort ein. Ein ums andere Mal konfrontieren diese Marie mit ihrer eigenen menschlichen sowie monströsen Existenz.

Pfaueninsel: Ein Sammelplatz für Monster?

Nicht lange dauert es und der Leser wird ebenfalls damit konfrontiert, wie Kleinwüchsige im 19. Jahrhundert gesehen wurden. Die Königin erschrickt, als sie Christian durch Zufall im Unterholz entdeckt und ihr entfährt das von diesem Zeitpunkt an gefürchtete Wort „Monster“. Fortan schwebt es über Maria Dorothea Strakon, die zum Schlossfräulein ernannt wird, ungeheuerlich und dunkel. Sie muss sich bei festlichen Aktivitäten, etwa wenn die Königsfamilie auf der Pfaueninsel zu Besuch ist, vorstellen.

Marie findet sich hässlich. Und sie weiß auch, eines Tages wird sie einen buckligen Rücken haben und jeder Schritt wird zur Qual. Nur bei ihrem Bruder Christian, der ebenfalls kleinwüchsig ist, kann sie sich ganz normal geben. Er liebt ihren Körper, er liebt seine Schwester und zwischen ihnen entspinnt sich eine sexuelle Beziehung, die es eigentlich nicht geben darf. Aber auch in den Augen von Gustav, dem Sohn des Hofgärtners Fintelmann, scheint sie keine Monstrosität zu sein. Er begehrt sie und zwischen beiden kommt es immer häufiger zu diesen gewissen Momenten.

Pfaueninsel: ein Jahrhundert voller Veränderungen

Eine tragische Liebe, eine Sehnsucht und die Eifersucht des Bruders. Thomas Hettche baut in sein Buch aber nicht nur eine Dreiecksbeziehung aus Liebe und Verlust ein, sondern schildert den historischen Wandel der real existierenden Pfaueninsel.

Marie liebt und begehrt, wird geliebt und begehrt – heimlich. Doch das Schlossfräulein lebt in ständiger Einsamkeit. Von Christian entfernt sie sich, bis er eine Anstellung am Festland erhält, Gustav wird fortgeschickt, um den Beruf seines Vaters erlernen zu können. Marie existiert weiterhin auf der Pfaueninsel und sieht den Wandel dieser, die immer mehr mit fremdartigen, seltsamen Tieren angereichert wird. Menagerien werden errichtet, Tiere kommen hinzu, die keine Chance zu überleben haben; und immer wieder werden diese Tiere ersetzt.

Die Pfaueninsel verwandelt sich in einen Hort des Todes. Denn auch wenn sie strukturell angepasst wurde, gehören viele Tiere, die der König geschenkt bekommt oder die er extra für seine exotische Wunderinsel einkauft, nicht an diesen Ort. Marie erlebt den blühenden Wandel, die gewaltsame Anpassung der Natur und das Erstehen neuer exotischer Gebäude oder das Anbauen außergewöhnlicher Pflanzen. Sowie deren Untergang. Und immer wieder hinterfragt sie ihre eigene Existenz unter den Kuriositäten der Insel. Ist sie ein Mensch? Ist sie ein Monster?

Als die Insel für Publikum geöffnet wird, verändert sie sich abermals. Doch der neue Hofgärtner Lenné, eine historische Figur, hasst „die Zwerigin“, denn sie zerstört die künstlich erzeugte Schönheit seines Gartens.

Pfaueninsel: Das Ausmerzen der Natürlichkeit

Im ständigen Wandel befindet sich die Pfaueninsel, aber es ist keine natürliche Veränderung, welche die Insel befällt, sondern mit allen Mitteln wird durch Bauten und strukturelle Planung ihre Natürlichkeit ausgemerzt. Marie fühlt sich zeitweise nicht mehr Zuhause auf der Insel, obwohl sie dort auch Bekanntschaften mit offen gesinnten Menschen gemacht hat, die ihre Kleinwüchsigkeit nicht als abstoßend empfanden. Doch all jene haben die Insel wieder verlassen, waren nur Durchreisende; ganz im Gegensatz zum Schlossfräulein. Sie ist abgeschottet vom Rest der Welt auf einer Insel voller Kuriositäten.

Thomas Hettches Roman „Pfaueninsel“ hat Marie als Dreh- und Angelpunkt. Ihr Leben auf der Insel, die zur exotische Attraktion umgebaut wurde, erzählt der Autor in seinem Werk. Doch irgendwie ist der Funke des Buches nie zu mir übergesprungen. Vielleicht, weil die Erwartungen zu hoch waren, von außerordentlichen Ereignissen, Phantastereien, war im Vorfeld die Rede, welche sich nicht erfüllt haben. Es mag faszinierend sein, wie der Mensch ein Stückchen Erde verwandelt und nach seinen Vorstellungen formt und bezwingt. Es mag auch spannend sein Maries Leben als Kleinwüchsige im 19. Jahrhundert zu verfolgen, ihr Hadern mit sich selbst und ihrer Umwelt. Der Ungerechtigkeit gegen die sie sich nicht währen kann. Und ja, auch ich fand Passagen spannend in diesem Roman, wenn es um die Freizügigkeit der Themen des Adels ging.

Pfaueninsel: falsche Erwartungen

Und doch zog sich die Lektüre von HettchesPfaueninsel“ extrem in die Länge. Ich habe regelrecht gespürt wie die Jahre ins Land zogen und die Veränderungen stetig aber zäh voranschritten. Immer wieder und wieder. Sprachlich ist das Buch sicherlich weit oben anzusiedeln, allein die Verflechtung der Liebesgeschichte mit der historischen Pfaueninsel zeigt Können. Doch mir waren die greifbaren Naturbeschreibungen und Darstellungen des Inselumbaus einfach ausgedrückt too much; viel zu zusammengebaut, genau wie die Pfaueninsel in ihren Hoch-Zeiten. Das Buch ist vielschichtig: es handelt von Liebe und Eifersucht, der Sinnsuche, hat tragische Momente und besitzt historischen Charakter. Letzterer ist sicherlich noch einmal interessanter, wenn man die Pfaueninsel schon einmal selbst besucht hat. Mich konnte das Buch nach allem Drehen und Wenden allerdings nicht wirklich begeistern.

Die Figur der Marie hat mich nie richtig packen können, auch wenn sie im Verlauf der Geschichte einen großen Wandel vollzieht und daher als Figur gut ausgearbeitet ist. Ihre Gedanken, ihr Leben, ihr Handeln waren für mich – trotz der Detailtiefe – nicht interessant genug. Und auch die Pfaueninsel an sich ist als Handlungsort sehr speziell, leider hat mir der Zugang  gefehlt. Insgesamt fand ich das Treiben im 19. Jahrhundert an der Havel nur wenig spektakulär, darüber konnte auch ein gut konstruierter Roman nicht hinwegtrösten.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Thomas Hettche | Originaltitel: Pfaueninsel | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Kiepenheuer & Witsch ( 2014 ) | Seiten: 344

Weitere Rezensionen zu „Pfaueninsel“:

Kerstin Scheuer | Am Meer ist es wärmer | Buzzaldrins Bücher

3 Kommentare

  1. Liebe Ramona,
    ich habe das Buch auch erst kürzlich beendet und was soll ich sagen, ich habe mich genauso gefühlt wie du. Diese langen Beschreibungen über Jahre hinweg… puh. Deine Rezension sagt genau das aus, was ich auch gedacht habe. Sprachlich ist das Buch sicherlich toll, aber von den Charakteren her fand ich es etwas fad. Sie wurden mir nicht fassbar genug. Und dabei gab es so viele Figuren zu denen man interessante Geschichten hätte erzählen können. Das hat mich bis zum Schluss ein wenig wahnsinnig gemacht. Und auch Marie bleibt ein wenig leblos, sie reagiert nur auf ihre Umgebung, wenn überhaupt.
    Viele Grüße
    Stephanie

    1. Liebe Stephanie,

      es freut mich sehr, dass dir meine Rezension gefallen hat und noch mehr, dass du mit mir übereinstimmen kannst. Ich hatte mich so auf das Buch gefreut, doch dann hat die Verbindung einfach gefehlt. Bei Marie weiß ich gar nicht, ob sie nicht so passiv einfach angelegt ist und ihr Möglichstes tut, um aktiv zu sein, die Umstände es ihr aber einfach nicht erlauben. Ich hinterfrage bei sowas immer, ob es nicht vielleicht exakt so gedacht war, auch wenn das uns als LeserInnen eher stört.

      Viele Grüße, Ramona

      1. Liebe Ramona,
        das kann natürlich sein. Und wenn ich das richtig gelesen habe, gibt es keinerlei Aufzeichnungen über die echte Maria – nur der Name auf einem Grabstein. Es ist also schwierig sie auch in der realen Welt zu fassen. Aber naja.
        Viele Grüße,
        Stephanie

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