[Rezension] Pullman, Philip: Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus

Details:

Originaltitel: The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ
Autor: Philip Pullman
Genre: Romane und Erzählungen
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: Fischer Verlag ( 2011 )
Seiten: 231

Inhalt:

Es waren einmal zwei Brüder, der eine hieß Jesus, der andere Christus. Deren Charaktere waren so unterschiedlich, dass sie sich als erwachsene Männer immer mehr entzweiten und unterschiedliche Wege gingen. Aber die Erinnerung an beide hat die Jahrhunderte überdauert und zu fragen bleibt nur: Was ist die Wahrheit?

Meinung:

Eine Adaption des Evangeliums mag vielleicht auf den ersten Blick langweilig erscheinen, ist aber umso interessanter, wenn man die Inhaltsangabe zu Philip Pullmans Roman Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus liest. Es geht hier um zwei Brüder, der Erstgeborene heißt Jesus, sein Zwillingsbruder Christus. Wer in diesem Spiel Schurke ist und wer nicht, ist nicht von Anfang an klar, auch wenn das der Titel impliziert, und möglicherweise bis zum Ende zweideutig.

Jesus kümmert sich als Junge meist um sich selbst und tut das, was ihm richtig erscheint, ohne an die Konsequenzen zu denken. Sein Bruder verteidigt ihn hingegen, hilft ihm aus jedem Schlamassel, ist gewitzt und redegewandt. Christus sieht zu seinem Bruder auf, hält ihn für etwas Besonderes, vor allem dann, als Johannes Jesus tauft und eine Stimme zu ihm spricht. Er ist der von Gott Auserwählte, der das Himmelreich bringen wird.

Von diesem Zeitpunkt entzweien sich die Brüder immer mehr. Christus ist fest davon überzeugt, dass die Menschen eine Kirche benötigen, eine Gruppe, die ihren Glauben festigt, Jesus hingegen will davon nichts hören. Während dieser zu predigen beginnt und sich immer mehr von seiner Familie entfernt, regelrecht nichts mit ihr zu tun haben will, agiert Christus im Geheimen. Er schreibt nieder, was Jesus erzählt und eines Tages trifft er auf einen Fremden der ihn ermutig mit seiner Arbeit weiterzumachen.

Ein Informant aus dem engsten Kreis Jesu erstattet Christus Bericht dann, wenn er selbst nicht vor Ort sein kann und so schreibt dieser eine Schriftrolle nach der anderen voll und händigt sie dem Fremden aus, den er als von Gott gesandt erkennt.

Der Fremde taucht immer wieder bei Christus auf und eröffnet ihm nach und nach seine Ziele: Christus soll alle Ereignisse, die sich ereignet hat niederschreiben doch darauf achten, dass die Wahrheit in Anbetracht der Zukunft, das ist, was geschehen hätte sollen und nicht das ist, was tatsächlich geschehen ist. Geschichte und Wahrheit sind Zweierlei.

«Als Christus das hörte, war ihm klar, dass diese Anweisung ebenfalls zu den Sentenzen Jesu gehören würde, die als Wahrheit besser klingen sollten als in der Wirklichkeit.» (S.124)

In dieser Aussage liegt für mich die Kritik des Buches. Die Wahrheit, welche von Christus, der Kirche, geformt wurde, um der Zukunft einen Messias, einen Sohn Gottes, zu präsentieren, der niemals vergessen wird und nicht einer unter vielen Propheten bleibt.

In knappen Kapiteln präsentiert Pullman das Evangelium auf seine ganz eigene Art und Weise. Er schreibt bildreich und bringt mit den wenigen Worten, die er benutzt, die Sache – die Geschichten der Bibel – auf den Punkt, redet nicht viel drum herum, lässt aber in jedem einzelnen Kapitel so viel Freiraum, dass der Leser eigene Interpretationen anstellen und sich überlegen kann, was der Autor damit weitergeben will.

Aber immer schwingt ein kritischer, ein anklagender Unterton mit, der sich beim Lesen nicht überlesen lässt. Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus ist ein polemisches Buch, das diskussionsreichen Zündstoff bietet.

Fazit:

Mit seinem Roman Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus präsentiert Philip Pullman eine Streitschrift, welche die Institution der Kirche unter das Auge einer kritischen Lupe nimmt. In bildhafter Sprache erschafft der Autor ein Werk, das nicht Wort für Wort gelesen werden kann, sondern unterschwellige Anklagen und eigenständiges Nachdenken beziehungswiese Weiterdenken fordert. Er spaltet den wahren Glauben von einem korrupten Kirchensystem ab – hier sind Diskussionen geradezu vorprogrammiert!

Daher gibt es von mir 5 von 5 möglichen Sternen.

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