[Rezension] Ream, Ashley: 30 Tage und ein ganzes Leben

Details:
Autorin: Ashley Ream | Originaltitel: Losing Clementine | übersetzt von Alexandra Baisch | Genre: Belletristik | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: btb Verlag ( 2015 ) | Seiten: 381

30 Tage und ein ganzes Leben von Ashley ReamClementine Pritchard, bekannte Künstlerin und Single, hat genug. Genug von den Medikamenten, die sie gegen ihre Depressionen nehmen muss und die sie zu einem anderen Menschen machen. Genug von den Schmerzen, den Hochs und den Tiefs, die sie plötzlich überfallen. Clementine hat genug davon, ihr Leben im Leiden zu verbringen und fasst einen Entschluss: in 30 Tagen wird sie sterben und vorher will sie alle Dinge erledigen, die es zu tun gibt: ihren Vater finden, der als sie klein war verschwand, ihr eigenes Grab aussuchen, ihrem Kater Chuckles ein neues Zuhause geben und sich von ihren Freunden verabschieden, denen sie erzählt sie leidet unheilbar an Krebs.

Nur ein Ausweg?

Clementine leidet und das seit vielen Jahren. Begonnen hat alles, als ihre Mutter und ihre Schwester Ramona unter schrecklichen Umständen starben. Clementine kam zu ihrer Tante Trudy und dessen Ehemann, der sich zwar rührend um sie kümmerte, die eigene Familie aber nicht ersetzen konnte. Clementine leidet an Depressionen und immer neue Antidepressiva beruhigen zwar ihr Gemüt, lassen sie aber auch nicht mehr der Mensch sein, der sie ist. Ihre Ehe ist in die Brüche gegangen und ohne ihre Assistentin Jenny würde die bekannte Künstlerin Clementine Pritchard wahrscheinlich keinen Tag durchhalten.

Irgendwann macht es „Klick“ bei Clementine und sie beschließt ihrem Dasein ein Ende zu setzen: Kurzerhand spült sie alle ihre Medikamente die Toilette hinunter, entlässt ihren Therapeuten Miles, mit dem sie ab und zu auch eine intime Beziehung hat, feuert Jenny und sucht im Internet nach der häufigsten und leichtesten Selbstmordart. Clementine wird fündig. Doch bevor sie von dieser Welt geht, will sie noch ein paar Dinge regeln. Mit durchtriebenem Ehrgeiz beginnt sie ihren Countdown: in 30 Tagen will sie sterben.

Clementine – die Gegensätzliche

Die Uhr tickt und Clementine geht beinahe mit strategischem Elan dazu über, ihr Ziel zu erreichen: den Tod. Als erstes müssen die passenden Medikamente für ihren toxischen Cocktail her, dabei unterstützt sie ihr Exmann Richard, bei dem sie eigentlich nur für ein paar Tage ihren Kater Chuckles lassen wollte. Doch die passende Ausrede ist schnell gefunden, warum sie ausgerechnet allein in eine zwielichtige Gegend Mexikos will: Clementine schiebt eine tödliche Krankheit vor ihre Entscheidung, damit niemand sie aufhält. Nachdem das erste Hindernis genommen ist, geht es weiter: Chuckles braucht dringend ein neues Zuhause und Clementine will ihren verschollenen Vater finden und herausbekommen, warum er die Familie verlassen hat.

Dabei ist Clementine mit allen Mitteln dabei: sie lügt, bezirzt und ist um keine Ausrede verlegen. Sie ist schlagfertig, und voller Energie; bis auf die schwarzen Tage, die sie überkommen, wenn sie sich kaum aus dem Bett quälen kann, weder duscht noch isst. Ihre Kraft nutzt sie für ein letztes Gemälde, das ihre Wut, die Angst und die Bitternis ausdrückt.

Und auch wenn all das irgendwie zusammenpasst, die Geschichte von Ashley Ream unterhaltsam und witzig geschrieben ist, so hat sie mich dennoch nicht überzeugen können. Warum das? Es lag an Clementine selbst. Sie ist eine Figur, die mir nicht unsympathisch ist, ganz im Gegenteil, man mag sie als Leser sofort, sie ist voller Power, hat grandiose Einfälle und ist teilweise völlig abgespaced; vielleicht gerade deshalb passend eine Künstlerin. Aber ist sie eine Figur, die sich dem Tod entgegensehnt? Ich glaube nicht. Clementine ist eine Powerfrau, das erzählt uns „30 Tage und ein ganzes Leben“ und auch, dass sie depressiv ist, immer wieder in tiefe Löcher fällt und darin gefangen ist. Doch das kommt durch den bunten, energischen Schreibstil nicht hervor. Clementine hat immer einen bissigen Kommentar für den Leser und ihre Umgebung parat, selbst in ihrer dunkelsten Phase ist der Leser gut gelaunt und könnte sogar lachen über die schier witzigen Vergleiche ihrer Situation.

Aber dabei tritt die Krankheit, die immer noch so unterschätzt wird, nicht richtig hervor. Ich habe mich mit Depression bisher kaum beschäftigt, doch hat der Roman genau an dieser Stelle seinen wunden Punkt. Das Buch sprudelt nur so vor Lebendigkeit und zwar immer und überall, ohne wirklich ruhiger zu werden an den Stellen, an welchen Clementine in ein Loch fällt. Die Figur stagniert und ruht, doch der Leser fließt mit dem Text weiter und das in einer aufbrausenden Welle der Unterhaltung. Es gibt die kurzen Momente des Innehaltens, wenn Clementine von ihrer Familie berichtet, aber das sind nur kleine Funken, die kaum lodern; dort wird es etwas ruhiger. Der Rest des Romans brennt mit einer durchaus guten bildhaften Sprache, die einem Clementines Charakter näher bringt, die vielleicht auch darstellt, dass man keine schwache Persönlichkeit sein muss, um dennoch unter Depressionen zu leiden, die aber eben diese Momente, wenn es einen überfällt nicht nachvollziehbar genug schildert. Dadurch driftet die gesamte Geschichte etwas ab, fällt in eine Schräglage, die das erzwungen wirkende Ende für mich erst recht nicht retten konnte.

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