[Rezension] Ronja von Rönne: Wir kommen

Nora lebt. Maja ist tot. So beginnt „Wir kommen“, mit einem Fakt, der vielleicht keiner ist, denn Nora glaubt der Einladung zur Beerdigung nicht. Maja hätte ihr niemals vorher nicht von ihrem Ableben berichtet, es muss sich um einen Scherz handeln. Was stimmt also? Nora fragt nach, schreibt ihr. Die Antworten bleiben aus. Und das Leben geht vorerst weiter. Irgendwie. Nora hat Panikattacken und ihr neuer Therapeut rät ihr alles aufzuschreiben, um den Grund für ihre nächtlichen Schweißausbrüche herauszufinden. Und Nora erinnert sich, an die Vergangenheit, an Maja, das schreckliche Unglück und kehrt zurück ins Hier und Jetzt mit Karl, Leonie und Jonas – einer Vierecksbeziehung.

Das Schweigen, die Lethargie und die Vergangenheit

Unerklärliche Panikattacken begleiten Nora seit kurzem durch ihr Leben. Sie geht zum Therapeuten, beginnt zu schreiben und wühlt auch irgendwie, bewusst oder unbewusst, in ihrer eigenen Vergangenheit; spätestens seit der Beerdigungseinladung, die sie erreicht hat. Und während in Rückblenden von Maja erzählt wird, die rotzfrech und scharfzüngig war (oder ist?), sich der öden Angepasstheit des Dorflebens entrissen hat, wandert sie gedanklich wieder zurück in die Gegenwart und ihrer eigentlich schon kaputten Beziehung mit Jonas und mit Karl und Leonie. Sie führen eine Beziehung zu viert. Doch hier und da fangen Glück und Zufriedenheit an zu bröckeln.

Aus der Ich-Perspektive Noras erzählt Ronja von Rönne ihr Debüt „Wir kommen“. Nora, die zuerst als Erzählerin namenlos bleibt und über ihr Leben, ihre Vergangenheit gedanklich schreitet, dabei aber durchgehend lethargisch wirkt, irgendwie abgehärtet, aber gleichzeitig auch antriebslos, ohne Ambitionen für Job oder die Liebe, die irgendwo zwischen den vier Figuren verloren gegangen zu sein scheint. Kurze Sätze nutzt die Autorin für sich, schreibt bildgewaltig, aber nicht zu übertrieben, sondern eher für die konzis gewählte Sprache unterstützend. Aber um was geht es eigentlich in ihrem Roman? Eine Beziehung zu viert. Ein möglicher Tod und die Rettung in Form eines Strandhauses. Ein Dahintreiben der Hauptfigur, ein Dahinleben aller, Schweigen statt die existentiellen Probleme anzusprechen.

Das zwanghafte Gemeinsamsein und Aufrechterhalten

Zwanghaft versuchen Ronja von Rönnes Figuren ihre Beziehung aufrechtzuerhalten. Es scheint, als wären sie nicht in der Lage das bisher Funktionierende als gescheitert anzuerkennen und besonders Nora steckt fest: im Job läuft es nicht so oder eigentlich doch, aber es interessiert sie nicht. Eine Fahrt ins altbewährte Strandhaus soll alles richten, so Karl, mit dem sie damals eine Beziehung führte, bevor Leonie in sein Leben trat und aus der traditionellen Zweiterbeziehung eine Dreier- und letzten Endes mit Jonas eine Viererbeziehung wurde. Karl bestimmt. Leonie gehorcht. Nora scheint es Recht zu sein, nicht entscheiden zu müssen. Jonas zieht mit.  Schweigsam nimmt die Erzählerin Nora ihr Schicksal an. Sie denkt, überlegt, aber letztendlich tut sie das, was der Rest für gut heißt. Ronja von Rönnes „Wir kommen“ schildert das Zusammensein von vier Personen, die aus Gewohnheit zusammenbleiben, einander umkreisen wie Magnete, die sich eigentlich eher abstoßen als anziehen – inzwischen.

Die Handlung steht hinten an, sie ist sekundär, im Zentrum von Ronja von Rönnes Roman stehen die Figuren. Und in der Gesamtheit ihrer Abwesenheit scheint Maja der schillerndste, der präsenteste und auch stärkste Charakter des Romans zu sein. Denn sie ist Dreh- und Angelpunkt allen Seins, zumindest dem Sein von Karl und Nora, die über ihre ehemalige Freundin schweigen, ihre Jugend verstecken, um Geschehenes ungeschehen zu machen. Über ihr schwebt der Tod und gleichzeitig ist sie die Lebendigkeit in persona, sie besitzt Feuer, ist rebellisch, furchtlos und schert sich nicht um Regeln. Alle anderen zerren aneinander, um den Weg, der vor ihnen liegt, nicht allein gehen zu müssen.

Ronja von Rönnes Debüt „Wir kommen“ hat mich zwiegespalten zurückgelassen. Ich las es zügig, bin trotz der kaum vorhandenen Handlung am Ball geblieben, denn die Sprache fand ich frisch und herausfordernd. Der Anfangspunkt war genial gewählt und die Figurenkonstellation hat etwas sehr Reizvolles, das neugierig macht, das man einsaugen möchte. Doch irgendwann verlieren die Figuren ihren Halt, die Handlung wird unzusammenhängend und verliert an Konsistenz. „Wir kommen“ ist eine aktive Formulierung, doch der Roman glänzt eher durch die Passivität seiner Figuren, in denen so viel mehr zu stecken scheint, als der Text vorgibt.

Details zum Buch: Autorin: Ronja von Rönne | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Aufbau ( 2016 )

Weitere Rezensionen: Literaturen | nicoleliest | Buchrevier

2 Kommentare

  1. Ich habe viel über das Buch geört, aber DAS ist meine erste Kritik dazu 🙂 VIelleicht die die Passivität gewollt – vielleicht soll sich der Leser am Ende fragen, warum sich die Figuren sich selbst ausliefern und niemals die Kugel losrollen lassen…?

    1. Die Passivität war – so bin ich mir ziemlich sicher – bestimmt gewollt, und das ist auch generell für mich kein Kriterium zu sagen „gefällt mir nicht, weil passive Figur“. Aber innerhalb des Romans ist mit genau das aufgefallen und im Kontrast zur Abwesenheit einer Figur kam diese Passivität richtig stark heraus. Mich konnte die Geschichte letztendlich nicht ganz mitreißen/überzeugen. Aber es ist ja auch gut, dass andere von ihr begeistert waren und auch sind.

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