[Rezension] Sandra Weihs: Das grenzenlose Und

Details:
Autorin: Sandra Weihs | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt ( 2015 ) | Seiten: 188

Das grenzenlose Und von Sandra WeihsMarie will sterben. Doch damit das nicht geschieht ist sie in Therapie und muss in einer betreuten Wohngemeinschaft leben. Sie passt sich an, zumindest soweit es geht, versucht allen Hoffnungen zu machen, damit sie endlich den letzten Schritt wagen kann, ohne von Willi, ihrem Therapeuten, oder Sarah, ihrer Betreuerin, aufgehalten zu werden. Maries Schmerz ist in dieser Welt zu groß, sodass der Tod für sie der einzige Ausweg ist, denn das Chaos der Welt – das grenzenlose Und – und ihre Vergangenheit geben ihr keinen greifbaren Punkt, der das Leben lebenswert macht.

Von einer, die auszog, den Tod zu suchen

Maries Narben an ihren Armen zeugen von ihrem Kampf, den sie im und mit dem Leben führt. Ihr Weg ist beschlossene Sache: Sie will sterben. Doch noch gibt es Menschen, die das verhindern wollen, aber Marie hält jeden auf Abstand. Sogar ihren unkonventionellen und lustigen Therapeuten Willi, dem sie es zu verdanken hat, nicht in einer geschlossenen Einrichtung zu verweilen. Stattdessen genießt sie die Freiheiten als junge Erwachsene in einer betreuten Wohngemeinschaft für Teenager. Diese Zeit geht zu Ende, den mit 18 Jahren muss Marie Platz machen für ein jüngeres Mädchen, das Hilfe benötigt.

Diese Tatsache wirft die junge Frau völlig aus der Bahn, auch wenn sie es vor niemandem zugeben will: Im Wohnheim hat sie Halt bekommen und Freunde gefunden. Doch nun holt sie ihre Vergangenheit wieder ein. Sie bekommt Panik und ist gemein zu ihrer besten Freundin Amina. Sie wird wie ihre Mutter. Davor hat Marie am meisten Angst und jedes Mal, wenn sie eine Gemeinsamkeit zu ihrer Mutter erkennt, eine eigentlich belanglose Geste, erschrickt sie und zuckt innerlich zusammen. Nur der Schmerz beim Ritzen hilft ihr sich zu entspannen, denn ihre Mutter ist nicht greifbar und doch will sie jener Frau den Schmerz zeigen, der sie innerlich zerreißt. Marie versucht die Kontrolle über sich und ihren Körper zur erlangen, um das Leben erträglich zu machen. Denn noch steht sie unter Beobachtung und noch ein Selbstmordversuch darf nicht fehlschlagen, sonst landet sie in der geschlossenen Psychiatrie.

Aber als sie auf Emanuel trifft, ändert sich alles. Marie ist völlig überrumpelt, dass ein Junge Interesse an ihr hat. Und als sie erfährt, dass Emanuel an einer unheilbaren Krankheit leidet, schreckt sie nicht zurück, sondern sie beneidet ihn sogar. Denn er hat einen Freifahrtschein in den Tod. Nur zu gerne würde sie seinen Platz einnehmen. Emanuel bittet Marie um Hilfe: Er will die Angst vor dem Tod verlieren und so beschließen die beiden, sich gemeinsam das Leben zu nehmen.

Die Welt – innen und außen

Die Welt versinkt in Chaos. Sie ist ungerecht und schrecklich. Die Welt von Sandra Weihs Protagonistin Marie sieht genauso aus. In ihrem Herzen sitzt ein großes schwarzes Loch, das sie immer wieder voll und ganz vereinnahmt. Ihr Leben besteht aus ihren immer währenden und sich immer drehenden Gedanken, die nie zur Ruhe kommen. Marie kämpft und weiß doch nicht, wofür es sich lohnt im Leben zu kämpfen also entschließt sie sich für den Tod zu kämpfen, dem einzigen Ausweg, den sie für sich sieht. Mit Tatendrang will sie auch andere von ihrer Entscheidung überzeugen, doch das gelingt ihr nicht und so verkriecht sie sich immer mehr in sich selbst und gibt nach außen ein Scheinbild ab, eine junge Frau, die langsam gesund wird.

Als sie auf Emanuel trifft ändert sich das. Er ist zurückhaltend, verurteilt sie nicht und bringt Marie sogar zum Lachen. Emanuel will leben, auch wenn er weiß, dass er sterben wird und er versucht sein Schicksal anzunehmen; er sucht Hilfe für den letzten Weg. Aber was Marie nicht merkt ist, dass er eigentlich ihr hilft, denn sie sieht in ihrer Welt nicht, welche großartigen Talente sie besitzt, die ihre Welt verschönern könnten. Sie ist gefangen in ihren Gedanken und an diese lässt uns Sandra Weihs hautnah durch die Ich-Perspektive ihrer Geschichte heran. Dadurch erfahren wir als Leser ihre Denkprozesse, die sie vor allen anderen verheimlicht und wissen: Marie ist tough, obwohl sie sich ritzt und ihrem Leben ein Ende setzen will.

Sprachlich versteht Sandra Weihs sich auszudrücken und so hat mir besonders das Zusammenspiel von Maries Innen- und Außensicht gefallen: Wie sieht sie sich und was denkt sie, wie sie von anderen gesehen wird und was sehen die Menschen um sie herum tatsächlich. Marie ist eine komplexe Figur, deren Talente nach und nach aufgedeckt werden und deren Schwächen und Stärken sie zu einer Person werden lassen, mit Ecken und Kanten; die immer wieder gegen besseres Wissen Fehler begeht und sich abschottet.

Aber noch mehr als die Sprache konnte mich der Inhalt von „Das grenzenlose Und“ begeistern. Ihre Geschichte zeugt von echter Tiefe und lebt von einer Figur, die in einer kaputten Welt ihren Platz sucht und nicht daran glaubt, dass es so etwas für sie gibt, denn schon immer lebt Marie ein zerrüttetes Leben, ohne Sicherheit und ohne wahre Liebe. Ein Detail am Ende des Buches hat mir nicht ganz so gefallen, es war vielleicht der ausschlaggebende Stein, der Maries Todessehnsucht ins Rollen gebracht hat und den ich hier nicht verraten möchte.* Letztendlich stört dieser Punkt aber nicht, denn der Roman hat viele einzigartige Momente, die nachdenklich stimmen und dem Buch eine unvergessliche Stimme verleihen.


*Update: Jetzt ist’s passiert! Kennt ihr das, wenn ihr gerade einen Leseflow habt und ganz viele Bücher lest, manchmal thematisch sogar „artverwandt“ und sich Bücher miteinander vermischen. So ist es mir nun passiert, denn das Detail, von dem ich oben spreche gehört zum Buch, das ich demnächst rezensieren werde! Im Gespräch mit dem Verlag und bei dem Rezensionsaufbau für Buch 2 kamen mir arge Zweifel, dass ich da etwas durcheinander gebracht habe – und tatsächlich – die reichlichen Klebezettel in beiden Büchern haben es mir vor die Nase gehalten. Deshalb gilt: „Das grenzenlose Und“ hat nicht diese eine Detail, das irgendwie ein bisschen stört, denn Maries Todessehnsucht folgt im gesamten Buch einer stringenten Linie, daher gilt: die absolute und uneingeschränkte Leseempfehlung meinerseits!

2 Kommentare

  1. Liebe Ramona,

    was für eine schöne Rezension! Ich hätte nicht gedacht, dass hinter diesem langweiligen Cover wirklich ein sprachgewaltiges Buch steckt. Es klingt wirklich höchstinteressant!

    Liebe Grüße
    Mareike

    1. Liebe Mareike,

      vielen Dank, ich freu mich, dass dir meine Rezension gefallen hat und noch mehr, dass dadurch dein Interesse für das Buch geweckt wurde. Das Cover ist tatsächlich nicht so spannend, aber schon wenn man es aufschlägt sieht man am Einband innen drin, dass der Verlag sich viele Gedanken gemacht hat – dort ist es nämlich liebevoll gestaltet!

      Viele Grüße, Ramona

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