[Rezension] Seiler, Lutz: Kruso

Details:
Autor: Lutz Seiler | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Suhrkamp ( 2014 ) | Seiten: 480 | Webseite zum Buch

 

„Es heißt, es gebe viele Welten. Rings um die eigene, dicht gepackt wie die Zellen unseres Herzens. Jede mit ihrer eigenen Logik, ihrer eigenen Physik, ihren Monden und Sternen.“ (S. 46)

Kruso von Lutz SeilerÜber die Insel in der Literatur gibt es unzählige Werke, wissenschaftliche Aufsätze und Essays, Diskussionen und ebenso viele literarische Werke. Ist die Rede von einer Insel, so fällt mir zuerst immer Morus‘ Utopia ein, eine Insel der perfekten Gesellschaft an einem geheimnisvollen Ort oder Neu-Atlantis von Bacon. Die Insel ist ein phantastischer Ort, abgeschnitten vom Festland, umgeben von ungestümer See, ein Ort, an dem Geheimnisse möglich sind, an dem eine zweite Welt existieren kann.

Edgar Bendlers Leben gerät aus den Fugen, nachdem seiner Freundin G. etwas Schreckliches zugestoßen ist. Der junge Denker Edgar, der nicht besser in das gelehrige Universitätsleben passen könnte, fühlt sich plötzlich alt und verlassen. Er will springen, doch statt zu springen, flieht er 1989 aus seinem Alltagsleben nach Hiddensee, einer Insel westlich von Rügen. Die von sowjetischen Truppen besetzte Insel ist ein Zufluchtsort für Andersdenker, Akademiker, Freigeister und Künstler, die dort – fern ihrer eigentlichen Lebenswelt – in Restaurants und Hotel arbeiteten.

 Der Klausner – ein Fixpunkt für Edgars Gedanken

 Ed landet im Klausner, einer Urlaubspension, und fängt dort als Abwäscher an. Er trifft auf Alexander Krusowitsch, genannt Kruso oder Losch, einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Kruso ist der Sohn einer verunglückten Artistin und Stiefsohn eines Strahlenforschers. Seine Schwester ist in den gewaltigen Strömen der Ostsee verschwunden. Kruso ist der heimliche Anführer der Schiffbrüchigen des Klausners. Er organisiert die verlorenen Seelen, die gestrandeten Akademiker, die im Klausner arbeiten und sich Namen geben wie Rimbaud oder Cavallo. Sie alle ähneln Edgar mehr als man im ersten Moment erahnt. Ed ist Germanist und schrieb an seiner Doktorarbeit über Trakl, als er sich von allem lossagte und nach Hiddensee kam.

Im Grenzgebiet zwischen DDR und Dänemark liegt der Klausner am äußersten Ende, nur das Meer trennt die Insel von der Freiheit. Ed findet sich in einem strikt organisierten System wieder. Im Klausner kennt jeder seine Aufgabe, aber hinter der Fassade eines funktionierenden Betriebes gibt es geheime Treffen der Freidenker, von der Stasi beobachtet. Der Klausner und seine Schiffbrüchigen bilden eine geheime Welt in der abgeschiedenen Grenzwelt Hiddensees, bei der ich immer wieder an die Gelehrtenrepublik Arno Schmidts denken musste. Ed wagt den Sprung ins Ungewisse, in die Flucht hinein in eine für den Moment perfekt erscheinende und freie Gesellschaft.

Doch im Spätsommer 1989 beginnt die Gemeinschaft des Klausners zu bröckeln…

Zwischen Geist und Verstand – zwischen Freiheit und Existenz

Edgar der Denker beschließt die Welt, die ihn umgibt zu verlassen. Auf Hiddensee beginnt er ein neues Leben, in das er hineinrutscht. Er ist verwirrt, allein und von Kummer zerfressen. Er kann die Gedanken, die er tagtäglich denkt, nicht mehr ertragen. Die alles raubende Arbeit im Klausner ermöglicht ihm, diese Gedanken fallen zu lassen. Es herrscht Chaos in Edgar Bendlers Kopf und dieses Chaos weiß Lutz Seiler gekonnt in Szene zu setzen. Metaphernreich – beinahe depressiv in manchen Worten – vermittelt er im ersten Teil seines Textes die Ausweglosigkeit Edgars, dessen Rettung eine Kommune aus Gelehrten und Freidenkern ist. Wortgenau muss sich der Leser an den Text klammern und versuchen zu entschlüsseln, wie das System des Klausners funktioniert, wie die Mannschaft des letzten frei schwimmenden Schiffes tickt. Dabei darf er sich keiner Unachtsamkeit hingeben, sonst geht er im Fluss der Worte verloren und verschwindet in den manchmal scheinbaren Untiefen des Textes.

Nach und nach lichtet sich Edgars Verwirrung, der Text nimmt Formen an und auch der Leser wird zusehends in die Welt des Klausners hineingezogen. Er wird zum „Erleuchteten“, zu einem von Krusos Mitwissern über die Wahrheit der Freiheit, die im Inneren des Ichs verhaftet ist. Und doch nimmt die Geschichte dann noch einmal eine unerwartete Wendung ein und man fragt sich, wer am Ende für wen ein wahrer Lehrmeister gewesen ist: Kruso für Ed oder umgekehrt? Lutz Seilers Kruso ist ein Buch, das einen aufmerksamen Leser fordert, einen, der sich immer wieder Passagen herausgreift und wiederholt liest, um die Kodierung des Textes und der Figuren zu enträtseln und zu entschlüsseln, welches innere und äußere Schicksal den Charakteren bestimmt war. Kruso ist für mich kein poetisches Werk, wie viele darüber geschrieben wird,

Lutz Seilers Kruso ist ein heißer Favorit auf den Deutschen Buchpreis und in der nächsten Woche werden wir erfahren, welches Werk in diesem Jahr den Preis verliehen bekommt. Auch wenn ich die allgemeine Hochstimmung und Begeisterung nicht vollkommen teilen kann, so sehe ich Kruso ebenso als einen würdigen Kandidaten, denn es ist ein Roman, der langsam genossen werden möchte, der viel Aufmerksamkeit für’s Detail benötigt und dessen Figuren nicht wie ein offenes Buch vor einem liegen, sondern die man stückchenweise dekodieren muss.

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