[Rezension] Shusterman, Neal: Vollendet

Vollendet - Neal ShustermanDetails:
Autor: Neal Shusterman
Originaltitel: Unwind
Gelesen von: Jacob Weigert
Reihe: Vollendet
Band innerhalb der Reihe: 1
Genre: Dystopie
Gattung: Hörbuch
Verlag: Sauerländer audio ( 2012 )
Dauer: 7 h 58 Min. | gekürzt

HÖRPROBE

Inhalt:

Die Umwandlung. Bevor ein Teenager das 16. Lebensjahr erreicht, kann er mit Einverständnis der Eltern oder des jeweiligen Erziehungsberechtigten umgewandelt werden. Dazu wird er von der Gesellschaft in ein Erntecamp gebracht, wo er auf seine Umwandlung wartet, seinen Körper sowie seinen Geist fit hält. Zum passenden Zeitpunkt wird der Teenager dann abgeholt und alle seine Körperteile werden umgewandelt und an die Bevölkerung des gesamten Landes verteilt. Die Umwandlung ist eine rückwirkende Abtreibung und findet zwischen 13 und 18 Jahren statt. Sie bedeutet nicht den Tod, sondern die Weiterentwicklung des menschlichen Lebens. Sie ist in der Gesellschaft zur gängigen Praxis geworden. – „Die Charta des Lebens“.

Meinung:

Connor ist 16 Jahre und hat es ein um’s andere Mal zu weit getrieben. Die Konsequenz: Seine Eltern haben der Umwandlung zugestimmt. Connor, der diesen Umstand nur durch Zufall mitbekommen hat, bleibt nur eine Chance: er muss fliehen, wenn er überleben will. Auf seiner Flucht trifft er auf Risa, ein Mädchen aus dem Waisenhaus, die wunderbar Klavier spielen kann, was aber der Rest der Gesellschaft als wenig nützlich ansieht: Sie soll umgewandelt werden, um so einen größeren Dienst für alle zu leisten. Und auf Lev. Er ist ein Zehntopfer. Das Kind, das seine Familie seit seiner Geburt für die Umwandlung vorgesehen haben, um so ihren Teil für Gott und die Gesellschaft zu leisten.

Drei Charaktere mit dem gleichen Schicksal. Drei Charaktere mit ungleicher Vergangenheit und der Zukunftspläne nicht unterschiedlicher sein können. Connor ist ein Rebell, der sich von den Pressionen der Gesellschaft nicht unterkriegen lassen will. Er kämpft bis zum bitteren Ende, um er selbst bleiben zu können und nicht in perfektionierter Form umgewandelt zu werden. Seine Wut und sein Mut, sind sein Vorteil und gleichzeitig sein Nachteil, wenn er sie nicht im Griff hat. Lev ist ein Träumer, der die Welt – so wie sie wirklich läuft – nicht versteht. Er ist mit der Gewissheit aufgewachsen eines Tages als Zehntopfer umgewandelt zu werden. Mit Stolz tritt er daher seine letzte Reise an und stellt sich gegen diejenigen, die es gut mit ihm meinen. Die 15-jährige Risa hingegen lebt im Waisenhaus und hat dort gelernt, zu überleben. Sie liebt es Klavier zu spielen und auch wenn ihr Lehrer ihr Talent gerne fördert würde, hat ihr Los entschieden: Umwandlung.

Drei Teenager, deren Wege sich schicksalhaft kreuzen. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Flucht, die ihr Leben verändern wird, die ihr Denken, ihr Handeln und ihre Einstellung zum Leben von Grund auf neu definieren wird. Die ihnen alles abverlangen wird, die zeigen wird, ob sie mutig genug für das Leben sind oder ob die Gesellschaft sie in die Enge treibt und ihnen ein „anderes“ Leben schenkt – zu 100 Prozent in Einzelteilen, über den ganzen Kontinent verstreut.

Neal Shusterman hat mit Vollendet eine spannende Dystopie verfasst. Durch die unterschiedlichen Hauptcharaktere gelingt es ihm die Zersplitterung der Gesellschaft aufzuzeigen, denn jeder von ihnen hat eine andere Perspektive auf das Leben. Connor ist an sich behütet aufgewachsen, weigert sich aber die Umwandlung als etwas Gutes anzusehen, Risa lebt schon immer als Außenseiterin im Waisenhaus und Lev ist auf dem Land groß geworden, wo ihm eingetrichtert wurde, dass die Umwandlung Gottes Wille ist. Sie alle haben unterschiedliche Erwartungen an ihr Leben, stehen auf unterschiedlichen Seiten der Charta des Lebens und müssen nun zu dritt versuchen, zu überleben. Dabei findet bei jedem einzelnen von Shustermans Figuren eine Wandlung statt. Egal, ob es darum geht, die reale Wirklichkeit zu erkennen, oder Vertrauen zu fassen, sich durchzuschlagen oder alles zu riskieren. Connor, Risa und Lev sind drei sich ergänzende Charaktere, die durch die Handlung zusammengefügt und wieder getrennt werden und auf verworrenen Wegen, die dem Leser nicht immer offen stehen, ihre Pläne verfolgen. Jeder übernimmt dabei eine Rolle, die nur zu ihm passt und von sonst niemandem eingenommen werden kann.

Nicht nur durch die Bedrohung der Erntecamps (und dem tatsächlichen Eintreffen dort) entwickelt sich ein hohes Spannungsniveau, sondern auch durch die Ungewissheit, welche alle drei Figuren permanent begleitet und die Pläne, die sie mehr oder minder offen aufdecken. So weiß der Leser nicht, ob sie sich letztendlich gegenseitig stoppen oder einander zuspielen im Kampf gegen die Umwandlung, gegen die rückwirkende Abtreibung.

Jacob Weigert hat dabei großes Talent bewiesen nicht nur Spannung aufzubauen, sondern auch jedem einzelnen Charakter zusätzlich Leben einzuhauchen. Sowohl für die Mädchen, als auch für die Jungs findet er das richtige Tonniveau, genauso wie für die hinterhältigen Widersacher und abgedrehten Neufreunde, denen die Hauptfiguren begegnen. In regelmäßigen Einblendungen wird über eine nüchterne Nachrichtenstimme geschildert, wie die gesellschaftliche Lage so wurde, wie sie ist. Kinder können gestorcht werden, d.h. wenn eine Mutter ihr Kind nicht will oder behalten kann, kann sie es vor die Tür eines beliebigen Hauses legen. Sofern sie nicht erwischt wird, sind die Eigentümer des Hauses verpflichtet, das Kind großzuziehen. So steht es auch in der Charta des Lebens geschrieben. In der von Neal Shusterman geschaffenen Gesellschaft haben sich aus extremen moralischen und sozialen Kämpfen (Abtreibungsbefürworter und –gegner) extreme Kompromisse gefunden, die erschreckend und pragmatisch zugleich sind.

Jedes Kapitel wird durch eine technische Computerstimme eingeleitet, die im Ganzen verdeutlicht, wie mechanisiert die Gesellschaft der Zukunft geworden ist, in welcher es nicht mehr um das menschliche Leben an sich, sondern um die Durchsetzung der Regeln ohne Widerstand geht. Völlig losgelöst von der Problematik des Tötens wird die Umwandlung als 100%iges Leben verstanden.

Fazit:

Vollendet hat mich wirklich begeistert, auch wenn es etwas gedauert hat bis ich wirklich in der Story drin war. Nach einer Weile konnte ich dann aber kaum von dem Hörbuch lassen und habe jede freie Minute gehört, immer mit einem stockenden Atem, wenn ein neues Kapitel durch die Computerstimme eingeleitet wurde. Besonders der Teil im Erntecamp lässt einen durch seinen hohen Gruselfaktor und der völligen Sprachlosigkeit seitens des Lesers mit Gänsehaut zurück.

Bewertung: [5/5]

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