Rezension | Stefan Bachmann: Die Seltsamen

Die Seltsamen von Stefan Bachmann

Einst war Bath eine ganz normale Stadt. Zumindest bis zu jener Zeit als schwarze Federn vom Himmel fielen und viele Menschen den Tod fanden. Der heitere Krieg zwischen Feenwesen und Menschen brach aus. Die Menschen gewannen mittels  Cleverness. Fortan war die Welt von Menschen und anderen Wesen bevölkert und seit dieser Zeit ist Bath ein Slum für jene magischen Wesen, deren Magie unterdrückt wird. Ihr Rückweg in ihre eigene Welt bleibt ihnen versperrt. Kobolde, Gnome und Hochelfen wohnen dicht gedrängt in den Straßen als Sklaven der Menschheit, verstreut auf der ganzen Welt.

Die Seltsamen

Besonders gefürchtet sind die Seltsamen. Jene Mischlinge mit Feenblut, die aus einer Verbindung von Mensch und Feenwesen entstanden sind. Zu ihnen gehören Bartholomew Kettle und seine Schwester Hettie. Während Bartholomew recht normal aussieht und sich manchmal auch draußen herumtreiben darf, wachsen seiner Schwester Zweige aus dem Kopf statt Haaren, weshalb sie sich versteckt halten muss. Denn die Seltsamen werden gejagt und getötet. Sie gelten als abnorm und grässlich.

Allein diese Tatsache belastet Bartholomew sehr. Er hätte gerne Freunde, würde draußen herumtollen ohne achtgeben zu müssen, entlarvt zu werden. Stattdessen führt er mit seiner Mutter und seiner Schwester ein zurückgezogenes Leben im Schatten. Doch so leicht lässt sich der Junge nicht unterkriegen. Er möchte einen Hausgeist haben, der die Familie unterstützt, aber das ist seiner Mutter zu gefährlich. Als jedoch der Nachbarsjunge von einer seltsamen Frau in einem Bollwerk aus Federn verschwindet, beginnt ein Abenteuer, das er sich nicht hätte vorstellen können, denn die Leichen jener Mischlingskinder erregen auch in London Aufmerksamkeit.

Ein politischer Konflikt: wer steht auf welcher Seite?

Arthur Jelliby ist ein behäbiger Mann im Staatsdienst. Er schläft gerne und erfreut sich daran, wenn alles nach seinem gewohnten Gang verläuft. Er ist mäßig bemüht, will kein Aufsehen erregen und sich mit jedem gut verstehen. Seine Ambitionen sind nicht sehr hoch und Gerechtigkeit ist ihm wichtig, solange er sich dafür nicht sonderlich anstrengen muss. Doch das Schicksal hat anderes mit ihm im Sinne. Er stolpert in ein Komplott der Hochelfen hinein,  und findet heraus, dass es mit den toten Mischlingskindern weit mehr auf sich hat.

Von einem Tag auf den anderen wird er merkwürdig beäugt. Er gerät in peinliche Situationen und muss sich letztendlich entscheiden, auf welcher Seite er steht. Gemeinsam bilden Arthur und Bartholomew ein seltsames Paar. Jener, der dem Abenteuer aus dem Weg geht und dieser, dessen Neugierde ihn in drängende Schwierigkeiten bringt.

Ein dunkler Plan in dunklen Zeiten – spannend!

Manch einer mag sagen, dass „Die Seltsamen“ von Stefan Bachmann eher etwas zäh beginnt und diese Stimmen haben nicht ganz unrecht. Doch wagt man sich erst einmal über die ersten Seiten hinaus, hat das Grundsetting verstanden, dann lernt man eine Welt kennen, die so ganz anders ist.

In seinem ersten Band stellt Bachmann nicht nur die Figuren vor und konzentriert sich auf deren Zeichnung, sondern er verwebt gekonnt an entscheidenen Stellen immer wieder kleine Hinweise, die sich wie ein Spinnennetz immer mehr verdichten, je näher man dem inneren Kreis kommt. Dabei sind seine Hauptfiguren keine typischen Helden, sondern eher Antihelden, die in etwas hineinstolpern, was sie nicht mehr kontrollieren können, doch sterben ist auch für sie keine Option. Zwischen Selbstzweifeln, Sturheit und der Angst unzulänglich zu sein, beweisen seine Protagonisten dann aber doch den nötigen Mut, um es mit intriganten magischen Wesen aufzunehmen, welche die Welt in Dunkelheit stürzen wollen. An Sympathiepunkten gewinnen die Figuren damit leider nicht. Man muss sich als Leser ebenfalls durch diese Zweifel, Dummheit oder auch Naivität und Unbesonnenheit kämpfen, sie überstehen oder eben auch ignorieren. Aber auch wenn die Figuren nicht unbedingt der große Kracher waren, so war es die Welt, die Stefan Bachmann erschaffen hat; düster, magisch und verworren.

„Die Seltsamen“ konnte ich irgendwann dennoch nicht mehr aus der Hand legen, denn ich war gespannt, welche bösartigen Ziele tatsächlich verfolgt werden, wer hinter wem her ist und wie sich solche großen Pläne noch von zwei eher machtlosen Wesen stoppen lassen. Stefan Bachmann erschafft eine magische Welt, in welcher die Magie unterdrückt wird, um den Menschen die Vormachtstellung zu erhalten. Es ist eine düstere Zeit und düstere Mittel müssen herangezogen werden, um sich aus der Unterdrückung zu befreien. Und so sehr ich doch als Leser auf der Seite der Feenwesen stehe, so bin ich doch auch ein Mensch, der den Untergang der menschlichen Welt nicht gutheißen kann- besonders nicht auf Kosten unschuldiger Kinder. Zwischen den Stühlen steht man also und setzt dann auf die beiden Protagonisten, die zwar mit unterschiedlichen Zielen ausgestattet sind, einander aber unterstützen und als Leser hofft und bangt man auf ein gutes Ende. „Die Seltsamen“ ist ein kunterbuntes, magisches Potpourri, an das man sich erst einmal gewöhnen muss, in das man sich aber vollständig fallen lassen kann, um Abenteuer zu erleben.

Buchdetails:
Autor: Stefan Bachmann | Originaltitel: The Peculiar | übersetzt von: Hannes Riffel | Genre: Fantasy | Reihe: Die Wedernoch | Band innerhalb der Reihe: 1 | Gattung: Roman | Verlag: Diogenes ( 2014 ) | Seiten: 367

Weitere Rezensionen: primeballerinas books | Buchsichten | Flüstern der Bücher

4 Kommentare

  1. Perfekt zusammengefasst. Wenn man sich nicht darauf einlässt, wird das nichts mit dem Buch. Den Einstieg empfand ich schon als zäh.

    Ich muss auch sagen, dass ich es zwar am Ende doch faszinierend fand, aber es hat mich damals nicht so gepackt, dass ich den nächsten Band unbedingt haben wollte. Ich dachte mir dann jedes Mal so: Ich würde schon gerne weiterlesen, doch da ist noch dieses Buch und jenes Buch…

    Alles Liebe
    Chimiko

  2. Hallo Ramona,

    deine Rezension gefällt mir sehr gut! Dieses Buch habe ich auf meinen SuB und es ist schon ziemlich weit oben auf meiner Soon-to-read-Liste. Es gab ne Zeit, da hat fast jeder über dieses Buch gesprochen und damals wollte ich es genau aus diesem Grund nicht lesen. Ich glaube, jetzt ist die richtige Zeit. Deine Buchvorstellung hat mich gerade wieder an das Buch erinnert und mich neugierig gemacht. 🙂
    Sehr interessant finde ich ja, dass das auch noch so ein recht junger Autor ist, der es geschafft hat, in aller Munde zu sein.

    Ganz liebe Grüße vom monerl
    #litnetzwerk

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