[Rezension] Stoker, Dacre: Dracula – Die Wiederkehr

Details:
Originaltitel: Dracula, The Un-Dead
Autor: Dacre Stoker; Ian Holt
Genre: Romane & Erzählungen
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: Egmont LYX ( 2009 )
Seiten: 587

Klappentext:

Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit die Vampirjäger um Professor Van Helsing den gefürchteten Dracula zur Strecke brachten. Doch der Friede ist trügerisch. In London geschehen grausame Morde. Irgendjemand scheint es auf diejenigen abgesehen zu haben, die damals an der Vernichtung des dunklen Grafen mitwirkten. Könnte es sein, dass der legendäre Dracula noch unter den Lebenden weilt?

Inhalt:

Nach der Vernichtung Draculas haben sich die Wege der Gruppe um Jonathan und Mina Harker sowie Professor Van Helsing getrennt. Jeder kämpft für sich mit den Schatten der Vergangenheit, als nach 25 Jahren plötzlich wieder grausame Morde geschehen. Schnell stellt sich heraus, dass der Angreifer es auf die Ritter des Lichts abgesehen haben, die bei der Zerstörung des Vampirs involviert waren. Ist es wirklich möglich, dass der dunkle Prinz überlebt hat und Rache üben will?

Meinung:

Wer kennt ihn nicht? Bram Stokers Dracula. Der Vampir, der die schöne Mina zu verführen suchte und den der Anwalt Jonathan Harker mit Hilfe seiner Freunde zur Strecke brachte, um seine große Liebe zu retten. Ein Monster, das sowohl Angst als auch Begierde in den Seelen der Menschen weckt. Doch was passiert mit jenen, die dem Bösen ins Auge geblickt haben und dem Tod von der Klippe gesprungen sind? Diesen Fragen sind Dacre Stoker, Urgroßneffe des berühmten Bram Stoker, und Stoker-Forscher Ian Holt in Dracula – Die Wiederkehr nachgegangen.

Der Roman spielt 25 Jahre nachdem Jonathan Harker, seine Frau Mina und seine Freunde Dr. Jack Seward, Arthur Holmwood sowie Professor Van Helsing den Vampir Dracula getötet haben, als Gerüchte von schrecklichen Morden in Umlauf kommen. Schnell taucht eine einzige Frage auf: Kann es wirklich sein, dass der dunkle Prinz zurückgekehrt ist, um an den Rittern des Lichts Rache zu üben?

Die einstigen Freunde, die sich gegen Dracula zusammengeschlossen hatten, sind getrennte Wege gegangen. Jeder kämpft für sich mit der Vergangenheit, den Erinnerungen an die Opfer dieses Kampfes und dem Wissen, dass das Böse auf Erden nicht allein in den Seelen der Menschen schlummert. Von den damaligen Ereignissen ahnt Quincey Harker, Sohn von Mina und Jonathan, nichts. Er will seinen Traum von einer Schauspielkarriere erfüllen. Seine Eltern allerdings – insbesondere sein Vater – sind damit nicht einverstanden und versuchen ihn mit allen Mitteln davon zu überzeugen eine Laufbahn als Anwalt einzuschlagen.

Dieser Druck entfernt Quincey immer weiter von seinen Eltern. Als er die Bekanntschaft mit Bram Stoker macht, der versucht sein Theaterstück „Dracula“ groß herauszubringen und zufällig entdeckt, dass diese Geschichte, die Lebensgeschichte seiner Eltern ist, verliert er jedes Vertrauen in seine Mutter, flüchtet vor den Ereignissen und sinnt nur auf eines: Rache. Dabei trifft er auf Personen, die alle mit jener Vergangenheit verbunden sind und auf unterschiedlichste Art und Weise versuchen mit ihrem Leben zurechtzukommen.

Die Autoren Dacre Stoker und Ian Holt haben besonders viel Wert auf die Zeichnung der Figuren gelegt. Wie haben sie sich nach 25 Jahren weitentwickelt und was ist aus ihnen geworden, nachdem sie das leibhaftige Böse besiegt haben? Dabei vollzog jeder der Charaktere eine drastische Wandlung, die für den Leser wohl einerseits gewöhnungsbedürftig, andererseits faszinierend sein dürfte.

Jack Seward beispielsweise hat den Tod seiner geliebten Lucy Westenra, welche von Dracula zum Vampir gemacht wurde, nie richtig überwunden. Er ist morphiumsüchtig und hat sich von seinen Freunden abgewandt. Als wieder brutale Mord begangen werden, wie damals von Jack dem Schlitzer, die niemals aufgeklärt wurden, begibt er sich auf die Suche nach dem Übel und findet es auch: Gräfin Erzsébet Báthory, eine Vampirin, die es liebt im Blut junger Mädchen zu baden. Von seinen ehemaligen Verbündeten kann sich Jack wenig Unterstützung erhoffen, denn sie halten ihn für einen Spinner und Drogensüchtigen.

Das Ehepaar Mina und Jonathan Harker hat seine besten Tage ebenfalls bereits hinter sich gelassen. Nur ihr Sohn Quincey hält die beiden noch zusammen, denn obwohl Dracula seit bereits 25 Jahren tot ist, steht er immer noch zwischen ihnen. Jonathan verkraftet es nicht, dass seine Frau nachts Träume vom dunklen Prinzen hat und seinen Namen ruft. Er kann – trotz unendlicher Liebesbekundungen von Mina – nicht glauben, dass sie ihn mehr liebt, als sie Dracula begehrt hat. Diesen Kummer ertränkt er im Alkohol. Aber auch gegenüber ihrem Sohn, können Mina und Jonathan nicht ehrlich sein. Sie verheimlichen ihm ihre Beweggründe und erreichen damit genau das Gegenteil: Statt ihn zu schützen, entfernt er sich immer weiter von ihnen und gerät damit in größte Gefahr.

Jede Figur blickt in ihre eigene Seele und kämpft mit den Schatten der Vergangenheit. Dabei sind sie aber so gestaltet, dass es dem Leser vorkommt, als hätte er es mit realen Menschen und nicht mit fiktiven Gestalten zu tun.

Der Roman spielt auf verschiedenen Ebenen und gewinnt dadurch an Komplexität, die schwer zu beschreibe ist. Einerseits gelingt es Dacre Stoker und Ian Holt auf geschickte Art und Weise die vergangenen Ereignisse in die Handlung einzubauen, sei es ein Brief von Mina an ihren Sohn am Anfang des Buches oder durch Erinnerungsrückblenden der Figuren. Diese Informationen sind nötig, um den weiteren Verlauf der Geschichte zu verstehen, langweilen aber auch Kenner von Bram Stokers Dracula keineswegs.

Andererseits erzeugen sie unterschiedliche Ebenen innerhalb des Romans: Sie lassen Bram Stoker als Figur auftreten, welcher versucht seinen bisher erfolglosen Roman „Dracula“ als Theaterstück zu inszenieren, wobei die Quelle des Buchstoffes die Geschichte von Vlad, dem Pfähler sowie der Familie Harker und ihren Freunden ist.

Die Konstruktion aus Realität und Fiktionalität vollzieht sich aber auch durch eine andere Figur, nämlich Inspektor Cotford: Vor 25 Jahren war er hinter Jack, dem Schlitzer, her und nun hat er es auf Professor Van Helsing abgesehen, den er als Schlitzer vermutet. Dabei gerät er immer tiefer in die Geheimnisse der Freunde hinein und ist überzeugt, dass auch die neusten Morde auf das Konto einer Gruppe, die sich um den Professor schart, gehen. Doch er verschließt die Augen vor dem Unglaublichen, nämlich, dass die grausamen Morde das Werk eines übernatürlichen Wesens sein könnten.

Viele Perspektivwechsel erzeugen ein Netz aus Spannung, Intrigen und teilweise auch Verwirrung. Aber gerade die Fülle an Personen, Ereignissen und Gedankengängen füllen das komplexe Konstrukt, das die Autoren erschaffen haben.

Bram Stokers Dracula gehört für mich zu den bedeutendsten Klassikern der Weltliteratur. Betrachtet man Dracula – Die Wiederkehr als Fortsetzungsroman, so muss ich differenzierter vorgehen. Es hat mich fasziniert, schockiert und beeindruckt, wie sich die Figuren seit den schicksalhaften Tagen von Draculas Zerstörung entwickelt haben. Jede Figur trat für sich beinahe als Mensch aus Fleisch und Blut hervor, so real waren die Abgründe, in die jeder geblickt hat. Die Autoren werfen mit Dracula – Die Wiederkehr allerdings auch ein komplettes Weltbild, das Bram Stoker dem Leser in Dracula eröffnet hat um.

Diese Tatsache lässt mich mit einem zwiespältigen Gefühl auf das Buch blicken. Die Charaktere haben sich derartig weiterentwickelt (verändert), dass sie kaum noch an Bram Stokers Figuren erinnern, dennoch aber dem Handlungsverlauf passend charakterisiert werden. Stokers Urgroßneffe und der Forscher Ian Holt haben mit diesem Buch viel gewagt und einen faszinierenden Roman über Dracula, die Familie Harker, Professor Van Helsing und dem Rest der Gruppe geschrieben. Dennoch kann es als Fortsetzung nicht mit Bram Stokers Dracula mithalten. Als alleinstehendes Buch ist es aber durchaus gelungen, sorgt für Gruselmomente und lässt den Leser eine alte Geschichte aus einer völlig neuen Perspektive erleben.

Fazit:

Dracula – Die Wiederkehr von Dacre Stoker und Ian Holt ist spannend, faszinierend und schockierend zugleich. Das Buch wirft das Weltbild, welches Bram Stoker in seinem Meisterwerk erschaffen hat, fast vollständig um. Daran muss sich der Leser erst gewöhnen, denn die altbekannten Figuren haben sich in den letzten 25 Jahren stark verändert, stehen vor den Schatten ihrer Seele und ihrer Vergangenheit und müssen zum zweiten Mal in den Abgrund des Bösen blicken. Der Roman konstruiert auf gewagte Weise eine Möglichkeit, die wahrscheinlich nicht jedem Dracula-Liebhaber gefallen wird, als Einzelwerk aber durchaus seinen Reiz hat, für überraschende Momente sorgt und fast durchgehend spannend bleibt.

Daher gibt es von mir 4 von 5 möglichen Sternen.

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Danke für das Rezensionsexemplar an den Egmont LYX Verlag!

2 Kommentare

  1. Tolle Rezension! Das klingt nach einem hochinteressanten Buch, das hiermit auf meiner Wunschliste landet.

    Ich habe ja dereinst das Buch von Bram Stoker gelesen, ist aber schon ein paar Jährchen her (ca. 20 tät ich sagen), also werd ich ihn nochmal aus dem Regal holen, bevor ich dieses Buch hier lese, um die Erinnerung wieder aufzufrischen.

    LG, Evi

  2. Es hört sich sehr interessant an.
    Ich werd mich aber versuchen in Gedult zu üben und auf das Taschenbuch warten. Es gibt noch so viel anderes zu lesen.

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