Rezension | Sylvia Plath: Die Glasglocke

Die Glasglocke von Sylvia Plath

1953. Esther Greenwood ist jung und Collegestudentin, die für einen Monat als Volontärin für ein Modemagazin in die große Metropole New York ziehen darf, um dort zu arbeiten und gleichzeitig in das Galmourleben der Großstadt einzutauchen. Viele andere Mädchen, die ebenfalls für kurze Zeit nach New York kommen, wohnen mit Esther in einem schlichten Hotel. Die Mädchen werden regelmäßig zu Veranstaltungen eingeladen. Doch all die Eindrücke der Metropole, die zielstrebigen, aufgeweckten Mädchen und ihre eigene Planlosigkeit werfen Esther aus der Bahn, statt ihr eine mögliche Zukunft zu offenbaren.

Die Glasglocke: eine Zukunft ohne Plan

Esther ist überfordert mit der neuartigen Welt, die ihr in New York zuteil wird. Immer mehr fragt sich die junge Frau, welche Richtung ihr eigenes Leben einschlagen soll. Heirat, Eheleben, Kinder, Hausfrau? Oder Karrierefrau, Single, sich durchschlagen? Ersteres erschreckt sie fürchterlich, für letzteres benötigt sie noch mehr Mut in jenen Zeiten und einer Gesellschaft, die der Frau noch eine absolut klare Geschlechterrolle zuweist.

Aus der einst eifrigen Studentin, die Preise gewann und Stipendien nachjagte, wird nach und nach eine verzweifelte Frau; denn diese Ära als erfolgreiche Studentin geht zu Ende. Esther ist planlos, was ihr letztes Collegejahr anbelangt und was sie dann mit ihrem Leben anfangen soll. Sie hat die Möglichkeit Buddy Willard zu heiraten, doch ihr Freund, der an Tuberkulose erkrankt ist, hat sie hintergangen. Imaginäre Gespräche führt sie dennoch mit ihm und versucht diese Option ihres Lebens zu enträtseln. Sie will nicht wie ihre Mutter Stenographie lernen, sondern einen Job antreten, bei dem sie diejenige ist, die Briefe diktiert und nicht Sekretärin für einen Mann ist. Aber hat Esther das nötige Selbstbewusstsein?

Ihre Freundin Doreen, die ebenfalls eines der Mädchen in New York ist, geht ganz anders an die Sache heran: sie lebt ihr Leben, sucht die Liebe und eine Party nach der anderen. Doch ihre Aufgewecktheit besitzt Esther nicht, ein Beispiel an Doreen kann sie sich nicht nehmen.

Die Glasglocke: Leben ohne Glücklich sein

Und dann wird es Esther bewusst: Seit sie neun Jahre alt ist, war die junge Frau nicht mehr glücklich. Damals starb ihr Vater und seither meistert sie ihr Leben, lenkt sich ab. Doch das Glück, hat sie seit nunmehr zehn Jahren nicht wiedergefunden. Esther hadert; denn mit der einen Entscheidung „Heirat“ opfert sie alle anderen Möglichkeiten, die sie jetzt noch hat oder haben könnte. Und mit dieser Zukunftsoption blickt sie auch auf ihr bisheriges Leben zurück, doch all das, was geschehen ist, wird in ihrer Erinnerung noch viel schlimmer. Sie sieht das Schlechte und das Negative, das was falsch lief. Sie sieht das Leben ihrer Mutter, welches sie auf keinen Fall ebenfalls leben will.

Esther verfällt in Antriebslosigkeit. Sie flüchtet sich in absurde Ideen und verliert ihr Engagement nach und nach vollkommen. Von aktiv zu passiv wechselt die junge Frau und gerät dabei in einen Sog, der sie in die Psychiatrie führt. Sich selbst hat sie schon längst verloren und auch „Die Glasglocke“ liest sich so. Sylvia Plath  fokussiert ihren Roman komplett auf Esther und lässt dabei die Emotionen außen vor. Die Autorin verwendet dumpfe Beschreibungen, die die graue Welt, in welche sich Esthers Umgebung verwandelt, widerspiegelt. Der Lebensfunke, den man besonders als junger Mensch hat, der Abenteuerlust und Neugierde ausdrückt, ist bei Plath‘ Hauptfigur vollkommen abgestumpft. Esther lebt oder vegetiert vielmehr in einer Blase – einer Glasglocke. Der Druck der Gesellschaft auf sie als Frau, all die Erwartungen – ob zu hoch oder zu niedrig (Karrierefrau oder Ehefrau) – erdrücken sie und lassen sie erstarren. Esther bekommt Depressionen.

Nur wenige Reize von außen gelangen an Esther und an den Leser von „Die Glasglocke“. Ihre Wahrnehmung schirmt sie regelrecht davor ab, lässt sie immer tiefer in den Kreis aus Starre, Passivität und Unglücklich sein verfallen. Über „Die Glasglocke“ habe ich wohl in den letzten Jahren extrem viel gehört und seit gut 15 Jahren will ich das Buch lesen, habe mich aber dann doch nie rangetraut. Weshalb? Immer wurde mir die Warnung ausgesprochen, es ist harter Lesestoff und der sollte nur angefasst werden, wenn man eine stabile, glückliche Phase durchmacht, um vom Gelesenen nicht heruntergezogen zu werden. Und dann hat das Buch doch nie gepasst in den Moment, wenn ich Lust dazu hatte.

Dementsprechend hatte ich gewisse Erwartungen, doch diese wurden für mich nicht erfüllt. Zu keiner Sekunde konnte mich Sylvia Plath‘ „Die Glasglocke“ emotional mitzerren. Was vielleicht an der recht emotionslosen Sprache lag, die den Seelenzustand der Hauptfigur perfekt wiedergibt. Vielmehr war ich fasziniert von diesem Roman, der vom Hadern einer Frau mit ihrer Geschlechterrolle zeugt und aufzeigt, wie sie daran scheitert: an allen Erwartungen, dem Leben und der ungeplanten Zukunft.

„Die Glasglocke“ ist kein fröhlich-unterhaltsames Buch, das ist wohl jedem von uns bewusst, aber es ist ein Stück Frauengeschichte, die in das Innere von Esther Greenwood führt, als ein Beispiel, wohin gesellschaftlicher Druck gepaart mit der eigenen, extremen Planlosigkeit (und mehr!) führen kann: in Depressionen. „Die Glasglocke“ ist ein sehr leises Buch, das auf großes Tamtam verzichtet. Esther leidet im Stillen, versteckt, bis der Punkt erreicht ist, an dem ihr Leiden öffentlich wird – zu spät, um ohne professionelle Hilfe zurecht zu kommen.

Aber ein schwacher Charakter ist Esther für mich dennoch nicht. Sie scheitert am Leben aus einem für mich essentiellen Grund: Es gab niemanden, der sie aufgefangen hat, der – als es noch nicht zu spät war – ihre Verzweiflung erkannt hätte, bevor sich der Teufelskreis der Depression in Bewegung gesetzt hat. Sylvia Plath hat kurz nach der Veröffentlichung ihres Debüts Selbstmord begangen. Dieses Schicksal ersparte sie ihrer Figur zumindest in den Grenzen des Romans. Eindringlich schildert sie den Weg bis ganz nach unten.

Bibliographische Angaben zum Buch:
Autorin: Sylvia Plath | Originaltitel: The Bell Jar | übersetzt von: Reinhard Kaiser | Genre: Klassiker | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Suhrkamp  ( 2005 ) | Seiten: 262

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