Rezension | Angie Thomas: The Hate U Give

The Hate U Give

Zurecht hat dieses Buch in den letzten Wochen hohe Wellen geschlagen und wurde nicht nur im Social Web, sondern auch auf zahlreichen Buchblogs besprochen. Eigentlich bedarf es da keiner Rezension mehr von mir und doch denke ich mir: die Thematik von „The Hate U Give“ ist so bedeutsam, so wichtig, dass jeder Bericht und jede Rezension über Angie Thomas Jugendroman geschrieben werden sollte.

Um was geht es in „The Hate U Give“?

Starr ist ein schwarzes Mädchen aus dem Getto von Garden Heights. Ihre Eltern haben es ihr ermöglicht, die Williamson High School zu besuchen, in einer besseren und sichereren Gegend. Denn Starr soll eine möglichst gute Bildung erhalten. Doch an der Williamson lässt sich an einer Hand abzählen, wie viele schwarze Schülerinnen und Schüler es gibt. Starr Carter lebt in zwei Welten, beide bevölkert von (rassistischen) Vorurteilen, die sie voneinander zu trennen versucht. Sie wandelt sich zur Williamson-Starr mit ihren weißen Freundinnen hin zur Getto-Starr, wenn sie Zuhause ist.

Ein Konstrukt, das auseinander bricht, als Starr Zeugin brutaler Polizeigewalt wird: vor ihren Augen wird ihr bester Freund aus Kindertagen Khalil von einem weißen Polizisten grundlos erschossen.

The Hate U Give: die zwei Welten der Starr Carter

Starrs Leben war schon vor dem schrecklichen Ereignis nicht einfach. Sie lebt in zwei Welten, die sie strikt voneinander trennt und um das zu bewerkstelligen, hat sie sich zwei Identitäten zugelegt. Die eine ist Starr in der Welt der Weißen, in welcher sie keinen Getto-Slang verwendet und nicht über die Gewalt in ihrem Viertel Garden Heights spricht. Die alltäglichen, rassistischen Kommentare versucht sie zu ignorieren und mit ihren Freundinnen spricht sie nur über den üblichen Mädchen- und Schulkram. Zuhause dagegen ist sie die Starr „aus dem Getto“ und ignoriert auch dort die Vorurteile, die ihr entgegenschlagen als Schwarze, die auf eine „weiße“ Schule geht und sich deshalb für etwas Besseres halten muss.

Sie ist zwei Personen in der Schule und Zuhause, hat zwei Stimmen, mit denen sie spricht. Und keine dieser Stimmen repräsentieren die eine wirkliche Starr, denn wie die ist, weiß das junge Mädchen selbst nicht. Zwischen zwei Welten zu existieren, verlangt ihr so einiges ab.

Die alltäglichen Vorurteile: schwarz und weiß

Neben Starr gibt es noch einen weiteren schwarzen Jungen an der Williamson. Klar ist für alle ihre Mitschüler, dass die beiden früher oder später ein Paar werden. Etwas anderes ist doch gar nicht möglich oder? Immer wieder wird Starr mit solchen Vorurteilen konfrontiert, die sich allein auf die Hautfarbe beziehen und ansonsten keinerlei Grundlage besitzen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich

Aber gleichzeitig spielt nicht nur die Hautfarbe eine Rolle, sondern auch die damit einhergehende Kluft zwischen arm und reich. Alle von Starrs Williamson-Freunden sind  sehr wohlhabend, affektieren sich über Familienurlaube auf den Bahamas mit eigenem Swimmingpool. Starr hingegen wäre dankbar für ein solches Wochenende mit ihrer Familie. Stattdessen beherrscht sie Ablenkungstechniken gegenüber ihren Freunden, um ihren Freundinnen nicht von ihren eigenen Ferien erzählen zu müssen.

Ein Geheimnis: ihr Freund Chris

Und zwischen all diesen Vorurteilen steckt auch ihre Beziehung: Starr ist mit Chris zusammen. Chris ist weiß und Starr kennt die Blicke der anderen Mädchen, die sich fragen „Was findet er nur an ihr?“. Weil sie schwarz ist. Chris lebt in einer wohlhabenden Gegend, in die auch Starrs Onkel Carlos mit seiner Familie gezogen ist. Ihr Onkel ist Polizist und will seit Jahr und Tag Starrs Eltern davon überzeugen, auch aus dem Getto wegzuziehen. Doch der Laden von Starrs Vater liegt in Garden Heights. Vor ihm verheimlicht Starr ihre Beziehung zu einem weißen Jungen, denn sie weiß, von seiner Seite aus würde sie kein Verständnis erhalten. In jede Richtung laufen die tief sitzenden Vorurteile, sie sind Teil der eigenen Gedankenwelt – manchmal so tief, dass sie unreflektiert bleiben.

The Hate U Give: die tiefe Verwurzelung von Rassismus

Ich könnte noch zahlreiche Punkte und Bespiele aufgreifen, anhand derer die riesige Kluft zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung in den USA in Angie Thomas Roman aufgezeigt wird. Aber eigentlich möchte ich einen ganz anderen Punkt hervorheben, der mich persönlich sehr stark getroffen hat, denn dieses Muster erkenne ich auch in Deutschland und der aktuellen politischen Situation wieder. Es ist die tiefe gesellschaftliche Verwurzelung von Rassismuss und Vorurteilen, die Menschen überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Teils, weil sie nicht über das was sie tun und wie sie handeln reflektieren, teils, weil sie damit aufgewachsen sind und es als unumstößliche Tatsachen hinnehmen.

Starrs Williamson-Freundin Hailey ist die Anführerin der Mädchenclique. Was sie sagt, wird getan und ihre Sticheleien gegen Starr sowie ihre Freundin Maya, die asiatische Wurzeln hat, werden hingenommen, ja, ignoriert, auch wenn sie schmerzen. Denn Hailey meint es nicht böse, wenn sie rassistische Vorurteile ummantelt in Witze gegenüber ihren Freundinnen äußert und was nicht böse gemeint ist, kann auch nicht rassistisch sein. So einfach ist das nicht.

Hailey ist das Paradebeispiel einer weißen Privilegierten, die sich keinerlei Schuld oder Scham eingestehen will. Ihr Leben ist perfekt, sie will nur die schönen Seiten sehen. Sie entfolgt deshalb auch wortlos Starrs Tumblr, weil diese dort zu viele Bilder ermordeter Schwarzer in Gedenken postet. Sie verschließt die Augen vor der Realität der schwarzen Bevölkerung. Die Gewalt und der Hass haben mit ihr und ihrer Welt nichts zu tun – aus ihrer Sicht.

The Hate U Give:
die schockierende Realität der schwarzen Bevölkerung

Schon früh hat Starr als Teil der schwarzen Bevölkerung drei wichtige Regeln gelernt, wenn es zum Kontakt mit der Polizei kommt: 1) Lass deine Hände sichtbar 2) Bewege dich nicht ruckartig oder schnell 3) Sprich nur, wenn du angesprochen wirst. Drei Regeln, die Khalil in dieser einen Nacht nicht befolgt hat, denn er hat sich Sorgen um Starr gemacht, wollte nur sicherstellen, dass es ihr gut geht. Eine Sorge, die er mit seinem Leben bezahlen musste.

Vor einigen Jahren habe ich ein Sachbuch u.a. über die Polizeigewalt in Amerika gelesen („On the Run: Die Kriminalisierung der Armen in Amerika“), auch wenn das Buch damals nur durchschnittlich gut war, sind mir einige Themen in Erinnerung geblieben. Eines davon war der Verdachtsmoment der Polizei, wenn sie auf schwarze Männer treffen. Sofort wird diesen illegales Treiben und Gewaltbereitschaft vorgeworfen, was sich auch in den Statistiken widerspiegelt: weit mehr schwarze amerikanische Männer sitzen im Gefängnis als weiße amerikanische Männer.

Dieser rassistisch begründete Verdachtsmoment sorgt auch dafür, dass schwarze Männer viel schwieriger eine berufliche Karriere anstreben können und häufig in Gangs landen und mit Drogen in Kontakt kommen. Ihnen wird ein „normales“, legales Leben aufgrund ihrer Hautfarbe verwehrt bzw. vehement erschwert. Und ein ähnliches Muster tut sich auch in „The Hate U Give auf“ mit Khalil, aber auch mit DeVante, der von King, dem Gansterboss aus Garden Heights gesucht wird. Für ihn geht es um Leben und Tod.

The Hate U Give: eine emotionale Achterbahnfahrt –
unbarmherzig & knallhart

Manche Bücher sorgen dafür, dass wir zu besseren Menschen werden. Dazu zähle ich auch „The Hate U Give“ von Angie Thomas. Es ist ein schamlos ehrliches Buch mit einer Protagonistin, die zwischen zwei Welten gefangen ist. Sie erlebt eines der schlimmsten Dinge: willkürliche Polizeigewalt und befindet sich plötzlich im Mittelpunkt einer Hetzjagd, auch wenn ihr Name aus den Medien gehalten wird. Sie muss vor ihren Freunden leugnen, dass sie Khalil kannte, um die Vorurteile und den Schmerz, den sie hat, nicht öffentlich auszubreiten, um nicht angreifbar zu sein.

Doch ohne ihre Stimme wird die Geschichte um Khalils Tod zerrissen und immer wieder tauchen rassistische Argumentationen auf. Sie macht sich selbst Vorwürfe, denn könnte sie mit ihren Schilderungen der Ereignisse nicht den Verlauf der Verhandlungen ändern? Schließlich hat der weiße Polizist auf einen unbewaffneten schwarzen jungen Mann geschossen und ihn getötet. „The Hate U Give“ beschreibt die tief verwurzelten Mechanismen einer Gesellschaft, an der Erziehung, geschichtliche Vergangenheit und nicht zuletzt der blinde Glaube an das eigene Weltbild hängen.

Dieses Buch ist sehr wichtig. Denn es rückt Menschen in den Fokus der Aufmerksamkeit, die zu oft in Vergessenheit geraten oder wortwörtlich tot geschwiegen werden. „The Hate U Give“ hat zu Recht einen Hype erfahren und ich wünsche diesem Buch noch viele weitere Leser, die aufmerksam und genau lesen, die daraufhin auch ihre eigenen Denkmuster prüfen und nicht mehr blind einem System folgen, in das sie hineingeboren wurden. Die eigene Filterblase verlassen, ist kein einfaches Unterfangen, aber daran zu kratzen und sie aufzubrechen ist etwas, das jeder und jede von uns tun sollte.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Angie Thomas | Originaltitel: The Hate U Give | Genre: Jugendbuch | Reihe: – | Sprache: Englisch | Gattung: Roman | Verlag: Balzer + Bray ( 2017 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 464

Im Deutschen ist „The Hate U Give“ unter dem gleichnamigen Titel bei cbt erschienen.

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