Rezension | Über den wilden Fluss von Philip Pullman (His Dark Materials)

Über den wilden Fluss von Philip Pullman (His Dark Materials)

Eine wirklich lange Zeit ist es her als ich die Trilogie von Philip Pullman verschlungen habe. His Dark Materials mit den drei Bänden „Der goldene Kompass„, „Das magische Messer“ und „Das Bernstein-Teleskop“ hat mich als Jugendliche bis in die heutige Zeit nachhaltig beeindruckt, denn Pullman entführt seine Leser in eine Welt wie unsere. Doch in dieser Parallelwelt besitzt jeder Mensch einen Dæmon, ein Tierwesen, das sprechen kann und emotional mit seinem Menschen verbunden ist. Es ist ein Teil dieses Menschen und begleitet ihn sein Leben lang. Keinem anderen Menschen ist es gestattet den Dæmon eines anderen zu berühren, denn dies ist eine intime und kann zugleich eine schmerzhafte Erfahrung sein.

Es war eine phantastische Reise in eine noch außergewöhnlichere Welt, die mit Steampunk-Elementen der viktorianischen Zeit gleicht. Und darin verwoben war nicht nur das Konzept um Mensch und Dæmon, sondern auch magische Momente sowie Intrigen, Lug und Trug. His Dark Materials ist sowohl ein großartiges Phantasiegebilde als auch ein kritisches Bild auf eine von (klerikalen) Organisationen bestimmte Welt.

Umso gespannter war ich natürlich auf die Vorgeschichte zu His Dark Materials, die ebenfalls in drei Bänden erzählt wird. „Über den wilden Fluss“ ist der erste Band.

His Dark Materials – 0 – Über den wilden Fluss
– ein Kind, ein Kompass & der Anfang von allem

Malcolm ist eigentlich ein ganz gewöhnlicher Junge, der es liebt mit seinem Kanu La Belle Sauvage über den Fluss zu schippern, der seine Eltern tatkräftig im Gasthaus zur Forelle unterstützt und ansonsten höflich zu Gästen und hilfsbereit zu den Nonnen des nahegelegenen Kloster Godstow ist. Aber eines Tages ändert sich das beschauliche Leben für den 11-Jährigen. Im Kloster landet ein Baby namens Lyra. Sie soll die Tochter von Lord Asriel sein, der sich aufgrund politischer Verwicklungen nicht selbst um seine Tochter kümmern darf.

Eigentlich ist Lyras Aufenthaltsort ein Geheimnis, doch bald weiß der gesamte Ort Bescheid. Die Gerüchteküche brodelt und als Malcolm zufällig in den Besitz einer geheimen Botschaft gelangt, wird er zum Spion für die Geheimorganisation Oakley Street, die sich gegen das alles beherrschende Magisterium verschworen hat. Malcolm ist schlau und er begibt sich ganz bewusst in Gefahr, als er erkennt, dass Lyras Wohlergehen gefährdet ist.

Über den wilden Fluss“ beginnt ganz ruhig in einer heilen Welt, über welche dunkle Wolken ziehen und sich ein Netz aus Intrigen und Machtkämpfen ausbreitet.

Das sagenumwobene Alethiometer

Enge Vertraute von Malcolm ist Dr. Hannah Reif, die am nahegelegenen College heimlich für Oakley Street arbeitet und eines der seltenen Alethiometer untersucht, eine Version jenes goldenen Kompasses, mit welchem Lyra in der späteren Trilogie in Kontakt kommt. Das Alethiometer ist ein Wahrheitsmesser, dessen Ursprung unbekannt und dessen Entschlüsselung bisher nicht vollständig gelungen ist. Keiner weiß, woher die Wahrheitsmesser kommen oder wer sie hergestellt hat. Hannah allerdings ist in der Lage, einfache Fragen mit dem Gerät zu beantworten und so kommt sie mit Malcolm in Kontakt, der eine geheime an sie gerichtete Botschaft gefunden hat.

Das Magisterium und der Bund des Heiligen Alexander

Lyra ist in Gefahr, weil die Zukunft des Mädchens unmittelbar mit dem Alethiometer und der Entschlüsselung des Staubs – für den es in „Über den wilden Fluss“ noch keinen richtigen Namen gibt – zusammenhängt. Das fanatische Magisterium beherrscht die Welt, in der Malcolm und Lyra leben. Diesem gehört auch das furcheinflößende Geistliche Disziplinargericht (GD) an, in dessen Fokus niemand freiwillig geraten will. Zahlreiche Menschen sind bereits spurlos verschwunden oder als Leichen wieder aufgetaucht. Ein Mann mit einem grausam dreinblickenden, dreibeinigen Hyänen-Dæmon taucht im Gasthaus auf und schleicht um das Kloster herum, in welchem sich Lyra befindet.

In Malcolms besinnlichen Heimatort wird die Stimmung immer drückender. Kinder werden in den Bund des Heiligen Alexander aufgenommen und sollen jeden, der sich nicht nach den Regeln des Magisteriums verhält verraten. Lehrer verschwinden oder werden ersetzt, Angst geht um und keiner traut sich mehr seine wahren Gedanken auszusprechen. Kinder verraten ihre Eltern und jeden, der ihnen nicht passt. Das Machtgefüge verschiebt sich, bis es immer enger wird und ein Unwetter alles mit sich zu reißen droht.

His Dark Materials – 0 – Über den wilden Fluss
–  eine düstere Geschichte über Macht und Freundschaft

Mir war von Anfang an klar, dass „Über den wilden Fluss“ für mich nicht an die ursprüngliche Trilogie heranreichen kann. Zu viele wunderbare Erinnerungen an meine Jugend und dieses erste Entdecken einer magischen Welt verbinde ich mit Pullmans His Dark Materials Trilogie. Nichtsdestotrotz konnte mich Philip Pullman mit seiner Vorgeschichte begeistern, denn obwohl man als Leser schon einiges Wissen angesammelt hat, ist der neue Band eine pures Abenteuer. Malcolm ist ein gewitzer und sympathischer Junge, der Dinge schnell versteht und den Mut aufbringt, für das Gute zu kämpfen. Auch auf die Gefahr hin, selbst in die Schusslinie zu geraten.

Macht & Kontrolle

Er lässt sich nicht auf den Bund des Heiligen Alexanders ein, wie viele seiner Klassenkameraden. Dieser Bund zeigt auf faszinierende wie erschreckende Art und Weise, wie sich Machtstrukturen durch die Gesellschaft bohren. Das Magisterium zieht die Fäden und versucht die Menschen auf jede erdenkliche Art zu kontrollieren. Philip Pullman zieht damit u.a. Parallelen zum Dritten Reich sowie zum Stasi-Netzwerk in der ehemaligen DDR. Ein auf nach außen hin auf Sicherheit und Moral ausgerichtetes System durchzieht die Gesellschaft und versucht jeden einzelnen zu kontrollieren oder zum Schweigen zu bringen.

Im Geheimen agiert eine Gruppe, deren Motive nicht ganz entschlüsselt sind: Oakley Street will die Macht der Alethiometer entschlüsseln und zugleich die Vorherrschaft des Magisteriums zerschlagen. Aber die wahren Motive bleiben im Dunkeln. Pullman zieht gekonnt die Fäden zwischen Gut und Böse und dem verschwommenen Dazwischen. Intrigen werden geschmiedet, Pläne ausgeheckt, Morde begangen und neben Verbündeten tauchen überall Feinde auf.

Freundschaft & Mut

Und mitten in diesen gesellschaftlichen Machtkämpfen stehen Malcolm und eine weitere Mitstreiterin, die die unschuldige Lyra verteidigen müssen. Dabei entsteht aus der Not heraus eine wunderbare Freundschaft, denn es ist niemand mehr da, dem sie vertrauen können. Das auftauchende Unwetter hat alle Wege überschwemmt und die Menschen versuchen ihr Hab und Gut sowie ihr Leben zu retten.  Aus dem sonst ruhigen Fluss ist ein wilder Strom geworden, in welchem La Belle Sauvage zu sinken droht. Malcolm ist nicht allein auf sich gestellt in seinem Abenteuer, sondern er hat eine, wenn auch zankige, treue Freundin an seiner Seite.

Zum Abschluss kann ich nur noch sagen, dass die eine oder andere Sagengestalt außen vor hätte gelassen werden können. Das Abenteuer seines Lebens hätten die Leser mit Malcolm auch so erleben können, ohne in eine noch außergewöhnlichere Welt gezogen zu werden. Und kurz gesagt: die doch vorhanden Längen des Buches hätten dadurch deutlich gekürzt werden können. Philip Pullmans Fortsetzung ist eine Geschichte über Mut, seinen eigenen Weg zu finden und zugleich für andere zu kämpfen. Es ist ein Jugendbuch über die Neugierde am Leben und gleichzeitig ein kritisches Werk, das die systematische Unterdrückung und Kontrolle einer Gesellschaft aufzeigt.

Ein bisschen Gänsehaut, ein bisschen jugendliches Abenteuer und ein bisschen Magie – eine gute Mischung für His Dark Materials – Auftritt für Band 0 „Über den wilden Fluss„. Ein Abenteuerroman mit Charme, tiefgründigen Charakteren und der perfekten Mischung zwischen Wahrheitssuche und Geheimniskrämerei.


Und noch ein Schmankerl: Wer will, kann auf meinem Blog nach den ersten Bänden der Trilogie suchen und findet damit ein paar meiner ersten – inzwischen schamvoll beäugten – Rezensionen. ^^

Zuletzt gelesen von Philip Pullman: Die Kurzgeschichten „Once Upon a Time in the North“ und „Lyra’s Oxford“.


Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Philip Pullman | Originaltitel: La Belle Sauvage | übersetzt von: Antoinette Gittinger | Genre: Jugendbuch, Fantasy | Reihe: His Dark Materials | Band innerhalb der Reihe: 0 bzw. 1 (der Vorgeschichte) | Gattung: Roman | Verlag: Carlsen ( 2017 ) | Seiten: 556

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