Rezension | Unorthodox von Deborah Feldman

Unorthodox von Deborah Feldman

Deborah Feldman ist Jüdin, die in einer chassidischen Gemeinschaft in Williamsburg aufwächst. In „Unorthodox“ berichtet sie von ihrer Kindheit und ihrem jungen Erwachsenenleben in den streng kontrollierten Strukturen, die besonders Frauen eine unterdrückte Rolle zuordnen.

Chassidismus (hebräisch חסידים chassidim ‚die Frommen‘) bezeichnet verschiedene voneinander unabhängige Bewegungen im Judentum.

Gemeinsam ist diesen Bewegungen die strenge Einhaltung religiöser Regeln, der hohe moralische Anspruch sowie eine besondere Empfindung der Gottesnähe, die häufig mystische Ausprägung gefunden hat.

Quelle: Wikipedia

Unorthodox: ein Leben in einer anderen Welt

Deborah wächst bei ihren Großeltern auf. Ihre Mutter hat die Gemeinschaft der Satmarer Chassiden verlassen, ihr Vater ist eher etwas dümmlich, wofür sie sich schämt. Ihre Großmutter Bubby liebt sie inniglich, vor ihrem Großvater Zeidi, einem Kaufmann und Gelehrten, hat sie hohen Respekt. Sie selbst hat allerdings keinen hohen Stellenwert als Mädchen und wird eher mit der Intelligenz ihres Vaters gemessen als mit ihrer eigenen. Dabei ist Deborah Feldman ein aufgewecktes und neugieriges Mädchen, das gerne liest und die Welt entdeckt. Doch leider sind diese Eigenschaften an einer chassidischen Jüdin nicht gern gesehen.

Frauen gehören in die Küche, müssen sich, sobald sie verheiratet sind den Kopf rasieren und eine Perücke tragen; wie es der Rebbe ihrer Gemeinschaft vorschreibt. Ruhe und Unterwürfigkeit gegenüber den männlichen Mitgliedern der Gemeinschaft und später vor allem gegenüber dem Ehemann sind die Tugenden, die zählen. Deborah zeigt schon als Kind zu viel Mitgefühl und hegt verbotene Gedanken; die Bibliothek in der Nähe – in welcher sich zahlreiche englischsprachige Werke sammeln -ist ein Hort des Bösen, den sie eigentlich nicht betreten darf; denn die englische Sprache ist unrein und eine Tür für den Teufel. Allein das Jiddische ist rein. Doch Deborahs Wissensdurst, den die chassidische Schule nicht stillen kann, ist riesig.

Unorthodox: literarisch & schonungslos

Schon nach zwei Kapiteln war ich hin und weg von der kraftvollen und ebenso literarischen Sprache, die Deborah Feldman nutzt, um ihre Vergangenheit zu beschreiben. Sie hat einen scharfsinnigen Blick auf die Welt und zeichnet die sich immer wiederholenden Muster und unterdrückenden Strukturen präzise und lebendig nach. Dabei verfällt sie nicht in eine starre Schwarz-Weiß-Perspektive, sondern lässt auch dem Leser Raum, das Geschriebene zu interpretieren.

Man merkt, wie hin- und hergerissen Deborah Feldman in der Zeit ihres Heranwachsens ist. Die Welt der Satmarer Chassiden ist nicht ihre Welt und doch ist sie die einzige, die sie kennt. Die strengen Regeln sorgen für Angst und Unterwürfigkeit. Doch ihr Geist ist so wach und ihr Mitgefühl sowie ihr Sinn für Gerechtigkeit sind zu groß, um sich 1:1 in diese Gemeinschaft einfügen zu können. Klar formuliert sie feministisches Denken, das sie in jener Zeit kaum aussprechen kann. Denn diese Gedanken kollidieren auf kolossale Art und Weise mit der streng gläubigen Gemeinschaft.

Unorthodox: das Maß aller Dinge

Deborah Feldman erklärt die Welt der Chassiden geradezu bildhaft und verschweigt weder die religiösen Pseudogesetze noch die geheuchelten Rituale, die meist auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden, die noch mehr Arbeit aufgebürdet bekommen. Nicht nur am Beispiel ihrer Großmutter Bubby, die unterwürfig auf jedes Wort ihres Mannes hört, sondern auch am Beispiel ihrer einstigen Freundin Mindy, die ähnlich aufgeweckt wie Deborah war, und dann im Strudel der chassidischen Gemeinschaft unterging; degradiert zur unterwürfigen Ehefrau, Hausfrau und Mutter.

Das Einhalten der religiösen Gesetze in der Öffentlichkeit ist bedeutsamer als der wahre Glaube an die Richtigkeit dieser Gesetze im Privaten. Sie schildert aber ebenso ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Hilfsbereitschaft, die bemerkenswert ist – zumindest an den seltenen Stellen, an denen sie nicht auf Angst und Zwang, sondern auf Ehrlichkeit basiert. Leider wiegt dieses ehrliche Miteinander nicht die Unterdrückung der Mitglieder auf. Zugleich zeigt sich, wie allmächtig die Strukturen der Satmarer Chassiden das Leben des Einzelnen bis Tief ins Mark beherrschen. Deborah FeldmansUnorthodox“ ist beklemmend, erschütternd und macht fassungslos angesichts der rückschrittlichen Ansichten der chassidischen Gemeinschaft.

Unorthodox: der Weg einer starken Frau

Unorthodox“ ist der Weg einer außerordentlich starken Frau, die sich gegen ihre Familie und ihre Religion und für ihren Sohn entschieden hat. Diesem wollte sie eine Freiheit schenken, die sie bisher in ihrem Leben nie gehabt hatte. Es ist ein aufrüttelnder Bericht über eine ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft, der der Schein von Moral und Tugend an höhster Stelle steht.

Deborah Feldman – heute

Deborah Feldman konnte sich mit ihrem Sohn aus der chassidischen Gemeinschaft befreien. Sie lebt heute in Berlin und ist Autorin. Ich durfte sie bereits bei einer Diskussionsrunde zu ihrem neuen Buch „Überbitten“ erleben und war vollkommen beeindruckt von ihrem Auftreten und Selbstbewusstsein. Denn dieses Selbstbewusstsein hat sie sich ganz allein erkämpft.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Deborah Feldman | Originaltitel: Unorthodox – The Scandalous Rejection of My Hasidic Roots | übersetzt von: Christian Ruzicska | Genre: Autobiographie, Erinnerungen | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Secession ( 2016 ) | Seiten: 319

Weitere Rezensionen zu „Unorthodox“:

Die Buchbloggerin | aus.gelesen | Let us read some books

2 Kommentare

  1. Gute Rezension! Ich habe vor kurzem „Befreit“ von Tara Westover gelesen, wo die Autorin von ihrer Kindheit in einer strengen Mormonen Familie erzählt und wie sie daraus ausbrach und das klingt ziemlich ähnlich. Seit ich das Buch gestern auf einem anderen Blog entdeckt habe, möchte ich es unbedingt lesen und deine Meinung hat das noch verstärkt.

    1. Liebe Jacquy,

      danke für den TIpp! „Befreit“ ist diese Woche per Post bei mir eingetroffen und ich bin schon sehr darauf gespannt – solche Geschichten zeigen einem ja auf extreme Art und Weise, wie privilegiert und frei wir aufwachsen und leben dürfen!

      Viele Grüße
      Ramona

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