[Rezension] Uschmann, Oliver: Das Gegenteil von oben

Details:
Genre: Zeitgenössische Literatur
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: script5 ( 2009 )
Seiten: 334

Wie ich zu dem Buch gekommen bin: vorablesen.de-Gewinn

Klappentext: Das Leben ist eine Zumutung. Findet Dennis. Verliebt sein, Sohn sein, einziger Beobachter eines Verbrechens sein – macht sich irgendjemand darüber Gedanken, dass er damit überfordert sein könnte? Aber Dennis lässt sich nicht irremachen und nimmt die Sache in die Hand: Irgendwie wird er das schönste Mädchen der Stadt, seine Mutter und den verdächtigen Kerl von gegenüber in den Griff kriegen. Hoffentlich.

Inhalt: Dennis ist eigentlich ein ganz normaler 15 jähriger Junge. Doch der Schein trügt. Er lebt in einem 14-stöckigen Mehrfamilienwohnhaus am Bahnhof. Seine Lieblingsbeschäftigung ist es den Nachbartum mit dem Fernglas zu beobachten und zu sehen, was die Menschen hinter verschlossenen Fenstern alles so treiben. Aus diesen Beobachtungen hat er ein tägliches Ritual gemacht: Da wären Thomas und Nadine – ein junges Paar, der depressive Herr Hensmann oder die Hausmeisterfamilie Tange. Alle diese Personen gehören unwissentlich zu Dennis Alltag. Bahnen sich bei den Familien Probleme an, so schickt er ihnen anonyme Briefe – Code Yellows – die den Haussegen wieder herstellen sollen.

Zu seinen Verbündeten zählt Ingo, der in der Videothek im Erdgeschoss von Dennis Haus arbeitet. Mit ihm spricht er über die neusten Games und erläutert sogar hoch philosophische Fragen. Ingo steht ihm mit Rat und Tat zur Seite, den Dennis auch benötigt, denn seine Mutter ist alleinerziehend. Über seinen Vater weiß er so gut wie nichts, da seine Mutter ihm alles verschweigt. Dennoch steht jener zwischen den beiden wie ein Schwelbrand, der urplötzlich zu einem ausgewachsenen Feuer wird und die Gemüter erhitzt.

Eines Tages verschwindet Arne, der Sohn des Hausmeisters aus dem Nachbarhaus und stürzt Dennis damit in seelische Nöte. Zuvor gab es einen großen Streit zwischen den Eltern, die für den 15 jährigen Jungen eigentlich eine perfekte Familie darstellen.

Beeinflusst von Videospielen, Nachrichten aus dem Fernsehen, seiner Uroma Mette, die nur von weltweiten Verschwörungstheorien spricht und seiner eigenen Phantasie begibt sich Dennis auf die abenteuerliche Suche nach dem Jungen. Dabei entdeckt er geheimnisvolle Kellerräume, einen Mann, der dort scheinbar grauenvolle Dinge vollbringt und Verwicklungen, die sich durch das ganze Haus ziehen. Immer wieder zweifelt Dennis dabei an sich selbst und glaubt langsam aber sicher verrückt zu werden und nicht nur er argwöhnt an seinem Verstand.

Meine Meinung:

Das Gegenteil von oben ist ein Buch über das Leben wie es ist – und zwar wie es genau jetzt ist. Es zeichnet die Gegenwart in zahlreichen Facetten wider und dem Leser bleibt nichts anderes übrig als sich in vielen Situationen widerzuerkennen. Der junge Dennis wirkt auf Anhieb sympathisch und sein Gefühlschaos, das die Pubertät mit sich bringt, ist verständlich: Liebe, Freundschaft, Familie. Jeder Lebensbereich spielt bei ihm verrückt und der letzte Rettungsanker zur Beruhigung – die perfekte Hausmeisterfamilie Tange – zerbricht.

Die Verwurzelung in der Gegenwart gelingt Oliver Uschmann richtig gut: PC- und Playstationspiele, Comics, Superhelden, aktuelle Themen in den Nachrichten, Musik und vieles mehr führen dem Leser immer wieder vor Augen, dass die Geschichte um Dennis im hier und jetzt spielt, dass sie – theoretisch – jedem von uns passieren könnte. Der Autor trifft genau den Nerv der Zeit einer Generation, die mit diesem Wissensschatz ausgestattet ist, denn wer erinnert sich nicht an den Fall Natascha Kampusch, oder kennt nicht die Band Tokio Hotel?

Dennis wird als typischer 15 Jähriger dargestellt, der verliebt ist, gerne Spiele spielt und sich nicht immer mit seinen Freunden versteht. Für mich scheint er das aber überhaupt nicht zu sein. Er ist ein nachdenklicher Junge, der genug hat von Schreckensnachrichten, Kinderschändern, Morden und Gefangenschaften hinter verschlossenen Türen. Er malt sich solche Szenarien bildlich aus und transportiert sie in seine eigene Wohnwelt hinein. Immer häufiger zweifelt er dann aber an seiner Zurechnungsfähigkeit, genau wie seine Mitschüler und seine Mutter, die sich nicht zu helfen weiß.

Der Leser wird besonders dadurch gefesselt, dass ihm nach und nach klar wird, dass mit Dennis etwas nicht stimmen könnte. Die Betonung liegt auf „könnte“, denn seine Schilderungen erscheinen durchaus logisch und nachvollziehbar – schließlich hört man immer wieder in den Nachrichten von unscheinbaren Nachbarn, die sich als bestialische Monster entpuppen. Der Reiz des Buches liegt aber nicht nur darin aufzudecken, ob Dennis noch „alle Tassen im Schrank“ hat, sondern an den Menschen, die ihm begegnen. Nicht jeder ist wie er zu sein scheint. Die Wirklichkeit ist oftmals durch das verschleiert, was wir vorzugeben zu sein und genau das erfährt Dennis, wodurch sich nicht nur seine Perspektive auf die Realität ändert, sondern auch er selbst zu einem anderen Menschen wird.

Das Ende des Buches empfand ich als etwas zu perfekt. „Perfekt“ deshalb, weil sich alles in einem Schwung auflöst und das weniger das Leben widerspiegelt, wie es ist – mehr wird aber nicht verraten. Daher 4 ½ von 5 möglichen Sternen.

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