[Rezension] Valerie Fritsch: Winters Garten

Details:
Autorin: Valerie Fritsch | Genre: Gegenwartsliteratur, Dystopie | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: Suhrkamp ( 2015 ) | Seiten: 154

Winters Garten von Valerie Fritsch

Das Ende der Welt steht bevor. Die Menschheit ist desillusioniert, traumatisiert und sprachlos. Anton Winter lebt mitten unter ihnen in einem Hochhaus in der Stadt. Er ist Vogelzüchter und seine einzigen Gefährten sind die Vögel, um die er sich jeden Tag kümmert, immer nach dem gleichen Schema. Den Zugang zu den Menschen hat er schon lange verloren, wenn er nachts, wie tausende Andere am Fenster steht, vor der grausamen Realität der Träume flieht und einer nicht existenten Zukunft entgegenblickt, in der Dunkelheit der Nacht.

Der Garten und die Stadt

Als Anton noch ein Kind war, hatte er nur eine entfernte Ahnung von der Stadt. Er wuchs mit seinem Bruder Leander und anderen Kindern im Garten auf. Einst eine Gemeinschaft aus Gleichgesinnten, am Ende gerade mal eine Großfamilie. Von seinem Vater entfremdet, der als Geigenbauer nur Sinn für das richtige Holz seiner Musikinstrumente hatte, war seine Großmutter die wichtigste Bezugsperson. Antons Mutter war dagegen mehr eine Mutter für alle. Im Garten verlief die Zeit anders. Erwachsene machten sich auf den Weg in die Stadt zur Arbeit, kamen mit fremden Gerüchen und Meeresluft zurück. Ein kindlicher Mythos vom Unbekannten war geboren. Abgeschottet wuchsen sie zwischen der Natur auf, immer im Angesicht mit Leben und Tod: Die Alten starben und neues Leben wurde geboren, wie ein immerwährender Kreislauf.

Doch mit 42 Jahren hat sich die Welt nicht nur für Anton Winter verändert. Der Garten ist verwahrlost und verlassen. Die Menschen sind keine Hoffnungsträger der Zukunft mehr, sondern Schatten ihrer Selbst. Sie vegetieren im Chaos der Stadt. Die Technik hat versagt, Schiffe fahren schon lange nicht mehr über die Meere und diejenigen, die jeglichem Sinn beraubt wurden, überantworten sich dem Tod. Sprachlosigkeit herrscht in der Stadt und das Ende naht. Der Kreislauf wird enden. Genau dann trifft Anton Winter, der noch nie in seinem Leben verliebt war, auf eine Frau, Frederike, die ihm zeigt, was Liebe ist.

Der Garten Eden der Zukunft

In Valerie Fritschs Sprache schlägt sich eine Zeitlosigkeit nieder. Wenn sie vom Garten und der Stadt erzählt, scheint sie von längst vergangenen Tagen zu sprechen. Die Zeit steht still und die Menschheit ist beinahe vergangen. Vereinzelt tummeln sie sich voller Hoffnungslosigkeit und warten auf das Ende. Die Zeit stagniert und mit ihr die traumatisierten Menschen. Unter ihnen Anton Winter und Frederike, die wortlos eine Beziehung eingehen, in einer Welt, die verlernt hat über Sprache tatsächlich zu kommunizieren. Handlungen sind das einzige, was am Ende noch zählt.

So scheint auch Fritschs Welt aufs Minimum geschrumpft. Das Chaos der Stadt, der Verlust von Menschen und das Warten formuliert sie mit einer ebenso bildgewaltigen wie endgültigen und emotional zurückhaltenden Sprache. Dialoge hält sie so gering wie möglich und greift sie dann doch ganz treffend auf. Die wenigen Figuren, die sie aus der Masse geisternder Menschen herausgreift, treiben sich gegenseitig an, weiterzumachen, das letzte gleißende Licht der Hoffnung nicht zu verlieren. Sie zögern das Unvermeidliche hinaus, zerren an der Gegenwart des anderen, als würden sie an einem Stück Seil hängen, das jeden Moment reißen kann. Sie sinnieren über eine verlorene Zukunft und stecken in einer Gegenwart fest, die mit jeder Minute mehr zerbröselt und erinnern sich an eine Vergangenheit, die einem Idyll glich, das nie mehr wiederkehrt.

Winters Garten ist ein ruhiger Roman über das nahende Ende der Welt und die Menschen, die noch übrig geblieben sind. Überall tummeln sich Leerstellen, die der Leser füllen muss, mit dem, was sich im Text anbahnt, denn vieles bleibt ungesagt. Ungesagt deshalb, weil die Sprache der Menschen sich langsam auflöst zwischen all den traumatisierten Menschen, die ungläubig dem tatsächlichen Ende entgegen sehen. Spürbar berührt der Stillstand jede Seite der Geschichte, allgegenwärtig mischt er sich unter die letzten Handlungen des Aufbegehrens, der Hoffnung. Manche Leerstelle hätte man meiner Ansicht nach noch füllen können, um der inhaltlichen Struktur mehr Konsistenz zu verleihen, dennoch hat mich Valerie Fritschs Roman sprachlich überzeugen können. Die Atmosphäre von Winters Garten gärt auch nach dem Ende in mir weiter und auch wenn er mich nicht traumatisiert zurücklässt, wie die Menschen, von denen er berichtet, so fühle ich beim Durchblättern der Seiten immer noch die Stimmung eines besonderen Buches, das es wert ist, gelesen zu werden.

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