[Rezension] Vigneron, Emile: Der große Prinz. Wenn der kleine Prinz erwachsen wird

Details:
Autor: Emile Vigneron | Illustrationen von: Peter Menne | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Modernes Märchen | Verlag: Gütersloher Verlagshaus ( 2014 ) | Seiten: 96

Vor 71 Jahren, nämlich 1943, erschien Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry und wurde damit nicht nur zu einem Weltbestseller sowie in zahlreichen Adaptionen interpretiert, sondern auch die Aussage des Buches Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ ist auch über die Zeilen des Buches hinaus bekannt. Zahlreichen Lesern vermittelt der kleine Prinz bis heute eine Botschaft sein inneres Kind nicht zu verlieren.

Auch der Autor des großen Prinzen ist auf diese Weise mit Antoine de Saint-Exupérys Werk verbunden. So begegnet der Erzähler dem erwachsen gewordenen Prinzen in New York, der inzwischen zum Schäfer einer schier unüberschaubaren Schafherde geworden ist. Und nun, desillusioniert von der Welt der Erwachsenen, berichtet er von seinen Reisen durch die Welt und auf der Suche nach einem Ort für seine Schafe.

Herz vs. Verstand – Kind vs. Erwachsener

Was ist Wahrheit? Vielleicht lediglich Fiktion, ein Konstrukt, das sich jeder nach seinem eigenen Wissen und Gewissen aufbaut und wenn man die Wahrheit der anderen nicht teilen kann, so bleibt man einsam zurück und wartet darauf eines Tages verstanden zu werden – wie der Emile Vignerons Erzähler. Und er begegnet dem großen Prinzen, der seine Gedanken schon vor dem Aussprechen zu wissen scheint.

Wie in der Tradition seines berühmten Vorgängers erzählt nun der erwachsene Prinz von seinen Reisen um die Welt und den Begegnungen mit dein eigentümlichsten Charakteren, aber dieses Mal, sind es immer Gruppen von Menschen – die Romantiker, in deren Mühle Träume und Wünsche zerbarsten, oder den Künstlern, die sich aus ihrer gemeinsamen Individualität in eine blinde Konformität zwängen, oder den Weltverbesserern, die viel Lärm um nichts machen.

Der große Prinz nähert sich dem kleinen Prinzen von einer ganz anderen Seite an – der Vernunft, die auf den ersten Blick die Geheimnisse hinter den Menschen erkennen kann. Das Wesentliche ist sichtbar und nicht unsichtbar. Aber was bedeutet das? Soll der kleine Prinz vergessen werden und an seiner Stelle ein rationaler und vernunftbesessener Prinz treten? Ich glaube nicht – doch das ist von jedem Leser abhängig, der sich durch die metaphorische Sprache Emile Vignerons schlängelt.

Im Erwachsenenalter werden wir von der Vernunft geleitet, die das Herz übertrumpft, da wir nun mit einem Wissen ausgestattet sind, das die Verknüpfungen der Dinge untereinander erkennen lässt. Emile Vigneron lässt den großen Prinzen Menschen treffen, die allesamt mit sich selbst beschäftigt sind, die darüber hinaus alles andere aus den Augen verlieren, die sich für individuell halten, für bewegend und weltverändernd und die letztendlich keines dieser Dinge sind, sondern sich gegenseitig nur Honig um’s Maul schmieren oder sich bekriegen, um derjenige zu sein, der Recht behält. Und je mehr Verstand wir erlangen, desto mehr Träume gehen verloren, werden im rationalen Gedächtnis einfach verdrängt und vergessen. Aber was bedeutet das? Es bedeutet – so lese ich den Text – nicht, dass wir nach dem Kindsein unsere Phantasie vergessen und im gesellschaftlichen Schwall untergehen (nein, das würde dem kleinen Prinzen zu sehr widersprechen), sondern es heißt, dass Dinge, es mögen Geheimnisse sein, nicht so unsichtbar und verschleiert sind, wie man meint. Manchmal reicht ein Blick aus, um zu erkennen, wie verblendet Menschen sind, es reichen die Augen aus, um zu sehen, wie gesellschaftspolitische Strukturen funktionieren. So lese ich einige Lücken, die der metaphernreiche Text uns präsentiert – zahlreiche Lücken bleiben noch zu entdecken.

Die Bilder – Peter Menne

Den Charme des Buches macht nicht nur der Halbleineneinband, sondern auch die Zeichnungen, des Illustratoren Peter Menne aus. Menne studierte u.a. Graphik-Design an der FH Bielefeld und besonders als Karikaturist und westfälischer Milieuzeichner hat er sich einen Namen gemacht. Seine Illustrationen sind genau passend für das Buch, umzeichnen den Text ohne zu kindlich oder romantisierend zu wirken, sind aber auch nicht steif. Die Zeichnungen spiegeln den Text und erzählen gleichzeitig ihre eigene Welt-Geschichte, sodass sich ein zweiter Blick in jedem Fall lohnt.

Und zum Schluss …

Die 96 Seiten des Buches lassen sich rasant lesen, doch nicht gleichermaßen rasant verstehen. Hinter die Metaphern, welche der Autor mit wenigen Worten konzipiert, muss jeder Leser für sich den Kern der Aussage selbst finden – genauso, wie die Wahrheit ein Konstrukt jedes Einzelnen ist – und so muss einen auch nicht jedes Wort des Buches überzeugen, sondern die Lücken sind es, die den eigenen Geist anregen.

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