Rezension | Vom Ende an von Megan Hunter

Vom Ende an von Megan Hunter

Das Wasser steigt. Eine Naturkatastrophe steht bevor, denn das Wasser steigt schneller als erwartet und die Menschen geraten in Panik. Eine Frau ist schwanger und gerade als das Wasser zu steigen beginnt, bringt sie einen Jungen zur Welt: Z. Gemeinsam mit ihrem Mann R flieht sie aus der Stadt auf’s Land zu den Schwiegereltern G und N. Eine Zeit des Wartens beginnt. Die Frau kann es kaum ertragen Nachrichten zu sehen, konzentriert sich stattdessen auf ihren neugeborenen Sohn. Und die Welt bricht auseinander.

Vom Ende an: eine Konstellation mit Lücken

Es ist das Ende der Welt. Die Frau und ihre Familie müssen ihren Wohnort verlassen, denn alles wird überschwemmt. Das Wasser kommt und wie hoch es stiegen wird, ist nicht bekannt. Aus der Perspektive der Frau erzählt Megan Hunter ihren Debütroman „Vom Ende an„. Namenlos bleibt sie, wie auch alle anderen handelnden Figuren. Lediglich mit Buchstaben sind diese versehen, was durchaus ein erster Clou des Buches sein könnte. In einzelnen bruchstückhaften Passagen erzählt die Autorin die Geschichte einer Naturkatastrophe. Die Frau ist der Fokus, ihr Denken erlebt der Leser und ihre Fokussierung ist sehr eng gefasst. Für sie existiert das Kind, ihr Sohn Z, und die restliche Welt versinkt in einen kaum wahrnehmbaren Hintergrund – eine Konstellation mit Lücken.

Passiv steigt sie in die Katastrophe ein. R hat das Ruder in der Hand, entscheidet, was geschehen soll. Sie hingegen vermeidet die Nachrichten im Fernsehen, will die Gewaltausschreitungen und den Verlust der Menschen nicht mit ansehen. Sie sieht nur ihren Sohn Z, wie er die Welt entdeckt, wächst und lebt. Aber auf Noahs Arche befindet sich die Familie nicht. Die Schwiegereltern werden Opfer der Katastrophe, am Rande laufen ihre Schicksale ab und die Familie flieht weiter, denn das Wasser steigt.

Vom Ende an: Bruchstücke aus einer Perspektive

Ein Flüchtlingscamp: Der Rückzug in die angebliche Sicherheit der Regierung. Die Frau will bleiben, denn ihr Sohn wird hier medizinisch versorgt und es gibt andere Mütter mit den gleichen Problemen. Doch R hält die Menschenmenge nicht aus, entwickelt beinahe eine Phobie und geht eines Tages, lässt sie und ihren neugeborenen Sohn zurück. Auf sich allein gestellt, vegetiert die Frau dahin. Das Baby wächst und an seinem Alter erkennt der Leser die voranschreitende Zeit. Die Fokussierung aber bleibt auf der Mutter-Kind-Beziehung. Ihre Perspektive ist in sich gekehrt und nur das nötigste nimmt die junge Frau wahr. Bruchstücke aus der Gegenwart erreichen den Leser, Bruchstücke aus der Vergangenheit, Erinnerungen, kommen hinzu.

Und dazwischen verstrickt Megan Hunter biblisch wirkende Zitate von der Entstehung des Menschen, dem ersten Ansteigen des Wassers nach Gottes Willen: Noahs Arche und dem aus Lehm geschaffenen Menschen; Adam und Eva. Kryptisch formuliert, mit viel Interpretationsgewalt so scheint es auf den ersten Blick. Und doch sind die Bruchstücke, mit welchen Megan Hunter ihren Roman spickt einfach zu gering. Sie erschaffen kein komplettes Bild, leiten zu wenig an den Leser weiter, als dass er dieses bruchstückhafte Puzzle vervollständigen könnte. Es bleibt ein vages Bild.

Eine angeblich literarische Kraft, die sich für mich nicht entfaltet hat. Sprachlich konzentriert die Autorin alles auf die eingeworfenen zitat-ähnlichen Passagen, was den Text eine gewisse Schräglage gibt; ihn aus dem Gleichgewicht bringt. Einerseits konzis gewählte Sätze für ihre Heldin und die Dialoge, andererseits die ausufernden Zitatwolken mit erzwungener Sprengkraft.

Die Perspektive bleibt verengt, die Frau bliebt passiv, fast bis zum Ende und dann im Moment des Aktiv-Seins, ist es für den Leser eher unverständlich, nicht nachvollziehbar. Denn von der Außenwelt, welche Dinge sich ereignen während der Naturkatastrophe bleibt er leider verschont. Am Rande kann er das Ausmaß von Gewalt, Panik und Raub erahnen.

Vom Ende an: die Ignoranz der restlichen, chaotischen Welt

Eine nüchterne Sprache verwendet Megan Hunter in ihrem Debüt. Kein Wort zu viel, eher zu wenig. Was ist geschehen? Warum steigt das Wasser? Welche staatlichen Maßnahmen gibt es? Was passiert mit den Menschen? Darauf gibt es keine oder kaum Antworten. Denn Megan Hunters Hauptfigur ist die einzige Perspektive, die der Leser mitbekommt. Sie ignoriert die immer chaotischer werdende Welt um sich herum und konzentriert sich stattdessen nur auf ihren Sohn. Wahrscheinlich ist es besser diesen Roman einzig mit der Prämisse der Mutter-Kind-Beziehung zu lesen. Vielleicht ist es eine Art Parabel über die Existenz des Menschen in einer Katastrophensituation. (Hm.)

Der Verlag benennt Megan Hunters Roman „Vom Ende an“ als weibliches Gegenstück von Cormac McCarthysDie Straße„. Für mich ein gar erschreckender und falscher Vergleich, denn was McCarthys Roman zu bieten hat, kann Megan Hunters Debüt nicht ansatzweise erreichen. Dafür kratzt sie zu sehr an der Oberfläche. Die Frau bleibt für meinen Geschmack zu passiv, nimmt zu viel hin und ist zu fixiert auf das Kind.

Die Ängste, die man während einer Naturkatastrophe erleben muss, die Zweifel, ob das eigene Kind so lange überhaupt überleben kann, bleiben unerwähnt. Eine nüchterne Sprache ohne viel Schnickschnack kann manchmal notwendig sein. Im Fall von „Vom Ende an“ scheint sie mir aber eher kontraproduktiv, denn im Zusammenspiel mit der Perspektive und den bruchstückhaften Passagen bleibt einfach zu viel im Dunkeln. Die Sprachgewalt, die notwendig gewesen wäre, um dies auszugleichen, konnte ich nicht finden. Aus dem Thema der Klimaflüchtlinge hätte man viel mehr machen können.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Megan Hunter | Originaltitel: The End We Start From | übersetzt von: Karen Nölle | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: C.H. Beck ( 2017 ) | Seiten: 157

Weitere Rezensionen zu „Vom Ende an“:

Die Buchbloggerin

5 Kommentare

  1. Hallo Ramona,

    danke für deine tolle, ausführliche Rezension! Ich habe dieses Buch schon länger im Blick, bin aber noch unsicher, ob ich es lesen möchte. Es ist schade, dass anscheinend einige Fragen offenbleiben, gerade bei solchen Themen, warum das Wasser steigt. Interessieren tut mich das Buch aber immer noch. Ich werde es mal auf der Merkliste behalten. 🙂

    Liebe Grüße
    Nicole
    #litnetzwerk

    1. Liebe Nicole,

      vielleicht lohnt es sich für dich dann noch die Rezension von „Die Buchbloggerin“ zu lesen, die ich unter meiner Rezension verlinkt habe. Friederike war nämlich begeistert vom Buch.

      Viele Grüße
      Ramona

  2. Schöne Rezension 🙂 die Idee mit den Protagonisten ohne Namen find ich spannend, generell sind Dystopie meistens coole Gedankenexperimente.

    Liebe Grüße
    Christina

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