[Rezension] Warga, Jasmine: Mein Herz und andere schwarze Löcher

Details:
Autorin: Jasmine Warga | Originaltitel: My Heart and other Black Holes | übersetzt von Adelheid Zöfel | Genre: Jugendbuch | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: FISCHER Sauerländer ( 2015 ) | Seiten: 380

Mein Herz und andere schwarze Löcher von Jasmine WargaAysel hat ein Ziel: sie will sterben und dafür sucht sie nur noch den passenden Zeitpunkt; und auf der Internetplattform Smooth Passages den richtigen Selbstmordpartner, damit sie nicht im letzten Moment kneift. Dort trifft sie auf Roman, der unter dem Pseudonym FrozenRobot, ebenfalls jemanden sucht, um den letzten Schritt aus dieser Welt zu wagen. Gemeinsam wollen sie in 26 Tagen dem Tod ins Auge blicken …

Zwei, die den Tod suchen

Roman und Aysel sind zwei Teenager, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den Tod suchen. Aysels Vater hat etwas Schreckliches getan; er ist ausgerastet und ein Teenager, ein ehemaliger Schulkamerade von Aysel ist tot. Er sitzt im Gefängnis und Aysel muss bei ihrer Mutter und deren neuen Familie leben. Sie fühlt sich ständig beobachtet und hat Angst, dass in ihr diese gleiche Wut schlummert, die eines Tages einen anderen Menschen das Leben kosten könnte. Roman hingegen gibt sich die Schuld am Tod seiner kleinen Schwester. Am ersten Jahrestag ihres Todes will er deshalb sein Leben beendet, doch unter den Argusaugen seiner Mutter darf er kaum das Haus alleine verlassen. Aysel ist die perfekte Ausrede, um zu entkommen, um nach außen hin zu kommunizieren, dass er wieder Lebensmut gefasst hat.

Obwohl Aysel und Roman sich keineswegs vom ersten Moment an sympathisch sind, finden sie doch zueinander, denn sie brauchen sich, um den letzten Schritt auch tatsächlich wagen zu können. Roman, damit er die Zeit hat seinen Todeswillen durchzusetzen und Aysel, damit sie auch ganz sicher nicht kneift. Das Datum steht fest: der siebte April. 26 Tage bleiben ihnen noch, um sich von der Welt zu verabschieden.

Was dieses Buch besonders lesenswert macht, sind die Dialoge zwischen den beiden Teenagern. Anfangs noch sehr auf Konfrontation getrimmt, vertraut sich Roman Aysel immer mehr an, erzählt ihr von seiner kleinen Schwester und seiner tödlichen Fahrlässigkeit. Aysel lernt unfreiwillig seine liebenswerten Eltern kennen und gerät in einen Kreislauf aus Schuldgedanken, kann sie diesen Menschen wirklich den Sohn rauben? Sie hingegen ist zurückhaltend, behält alles für sich, denn Aysel will nicht, dass Roman sie genauso ansieht wie alle anderen: mitleidig und zugleich mit einer aufmerksamen Vorsicht, die sagt „Ist sie wie ihr Vater?“. Doch Roman entlockt ihr nach und nach die Tatsachen, sie lernen sich kennen und auch lieben, denn wie könnte man den Menschen nicht lieben, der einen als einzigen auf dieser Welt wirklich versteht, ohne zu verurteilen?

In der eigenen Realität gefangen

Was vielleicht auf beide zutrifft, obwohl sie aus so unterschiedlichen Gründen den Tod suchen, ist ihre Gedankenwelt. Besonders Aysel, aus deren Sicht das Buch geschrieben ist, ist in ihrer eigenen Realität gefangen. Alles was sie tut, läuft darauf hinaus andere Menschen von sich wegzustoßen oder diese – wie ihr Mutter und ihre Halbschwester – in Sicherheit zu wiegen, zu sagen, dass alles normal ist. Doch nichts ist normal. Aysels größter Wunsch ist Normalität, doch diese hat ihr Vater ihr geraubt und nun wird sie von der Angst beherrscht so zu werden wie er. Und auch jedes Handeln, jeden Blick von außen interpretiert sie in genau diese Richtung. Zuneigung betrachtet sie als Überwachung, Sorge nicht um ihretwillen, sondern um das, was vielleicht wieder geschehen könnte, mit ihr. Aber auch Roman ist in seiner Realität festgefahren, er kann seine liebevollen Eltern, die ihm nicht den Tod seiner Schwester vorwerfen, nicht annehmen. Er ist gefangen in einer nicht enden wollenden Schleife aus Schuld und Reue.

Mein Herz und andere schwarze Löcher von Jasmine Warga ist ein berührendes Buch, das sich nicht in emotionalen Unzulänglichkeiten verliert, sondern eine Teenagerstory erzählt von Jugendlichen, die nicht nur mit ihrer Pubertät zurechtkommen müssen, sondern beide in einer Krisensituation stecken, die Schlimmes erlebt haben und nicht damit klarkommen. Die Hilfe bekommen könnten, diese Hilfe aber als Schuldzuweisung sehen und nicht annehmen. Sie sind verschlossen und leben in ihrer eigenen Gedankenwelt, die ihnen nur einen Ausweg lässt: den Tod. Der Leser agiert als stiller Beobachter und erkennt schnell, dass die beiden sich nicht wirklich nach dem Tod sehnen, sondern einen Menschen suchen, der sie versteht, der alles weiß und sie dennoch nicht verurteilt. Mein Herz und andere schwarze Löcher ist sprachlich keine Besonderheit, erzählt dafür auf besondere Weise von Liebe und Freundschaft, von Ehrlichkeit und Vertrauen, von dem Moment, wenn man sich selbst vergessen muss, um ein anderes Leben zu retten.

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