Rezension | Wunder von Raquel J. Palacio (Kurzgeschichten)

Wunder von Raquel J. Palacio (Kurzgeschichten)

Wunder“ von Raquel J. Palacio gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und ich bereue es bis heute, dass ich damals keine Rezension dazu geschrieben habe (weiß der Himmel warum!). Mit den Kurzgeschichten aus dem „Wunder-Universum“ soll es mir aber nicht so ergehen. In „Wunder – Julia, Christopher & Charlotte erzählen“ geht es um die Nebenfiguren aus Palacios Roman „Wunder„, die mit August Pullman zwar in Berührung kamen, aber deren Beweggründe für das Buch keine Rolle gespielt haben.

Warum dies so ist, erklärt die Autorin am Anfang des Buches, was dem Leser am Anfang einen hilfreichen Einblick in ihre Schreibarbeit gibt und aufzeigt, dass Geschichten eben immer nur Ausschnitte aus dem Leben der Figuren sind und Manches ungesagt bleiben muss. Dieses „Manches“ rückt die Autorin nun in drei Kurzgeschichten in den Fokus und tatsächlich wird beim Lesen klar, dass diese Geschichten den eigentlichen Roman „Wunder“ zerfleddert hätten. Der Fokus wäre weggebrochen von August und seinem Leben und hätte vielmehr Rechtfertigungen für das gegeben, was ihm widerfahren ist. Aber manche Handlungen werden auch dadurch nicht in Ordnung, dass sie eine Rechtfertigung hinterhergeschoben bekommen.

Wunder: Julians Geschichte

Julian ist Augusts Widersacher, der sich das „Pest-Spiel“ einfallen lässt und ihm heimlich Zettel mit hässlichen Botschaften in den Schulspind steckt. In „Wie Julian es sah“ beschreibt Palacio die Ereignisse aus der Perspektive von Julian, der an sich nicht von Natur aus ein böser Junge ist, der nur mit seinen Ängsten nicht richtig umgehen kann. Statt diese an der Wurzel zu packen und anzugehen, kanalisiert er sie in ein schreckliches Verhalten und beginnt August zu moppen.

Mich hat die Geschichte um Julian zwiegespalten zurückgelassen. Denn allzu oft werden schlimme und verletzende Taten mit irgendetwas begründet. So ist es auch bei Julian, der mit eigenen Problemen aus seiner frühen Kindheit kämpfen muss, die durch Augusts Aussehen wieder ausgelöst werden: er hat schlimme Alpträume. Seine Mutter ist in dieser Angelegenheit keine große Hilfe, denn sie versucht ihren Sohn vor allem zu schützen und stürzt sich dabei auf August und sein Dasein an der Schule. In Julians Handeln sieht sie keinerlei schuldhaftes Verhalten.

Wunder: Christophers Geschichte

Christopher ist seit seiner Geburt der beste Freund von August. Ihre beiden Mütter sind enge Freundinnen und so wuchs Christopher mit August Krankheit und seinem Aussehen auf. Für ihn war August immer normal. Doch irgendwann bemerkte er, wie andere Kinder erschrocken vor Augusts Aussehen zurückzucken und die Menschen um sie herum auch ihn anstarren; auf der Suche, ob auch mit ihm etwas nicht stimmt.

Christophers Familie ist weggezogen und mit dieser Distanz entwickelt sich in Christopher auch ein arger innerer Streit. Einerseits ist August sein Freund, andererseits sehnt er sich danach nicht angestarrt zu werden, sondern einfach als ganz normaler Junge wahrgenommen zu werden. Er will sich und seine Freundschaft zu August nicht erklären vor seinen neuen Freunden. Er ist wütend auf sich und auch auf August.

Die Geschichte „Christophers Universum“ hat mir am besten gefallen. Denn diesen Zwiespalt zwischen echter Freundschaft und dem wütenden Gefühl auf die Ungerechtigkeit der Welt und der Menschen um einen herum, konnte ich sehr gut nachvollziehen. Christopher ist ein herzensguter Junge, der seinen eigenen Egoismus auslotet.

Wunder: Charlottes Geschichte

Charlotte ist ein ganz normales Mädchen, die sich mit den typischen Zickereien und Ärgernissen an der Schule herumschlagen muss. Sie wäre gerne beliebter als sie es ist und gerade in der Phase als August an ihre Schule kommt, verändern sich ihre Freundschaften zu den anderen Mädchen stark. Charlotte will es sich mit niemandem verscherzen und doch muss sie erfahren, dass man die Perspektive der anderen auf einen selbst nie ganz lenken und bestimmen kann.

Jeder hat seine Geheimnisse und die meistens sind nicht nur schwarz oder weiß, nicht nur gut oder böse, sondern tragen Masken, um sich im Alltag zurechtzufinden.

Die Wunder-Kurzgeschichten – mein Fazit

Wunder“ wird für immer zu einem meiner absoluten Lieblingsbücher zählen. Die Kurzgeschichten, die Raquel J. Palacio um das Wunder-Universum erschafft, muss man aber nicht unbedingt lesen. Sie haben nicht die Magie und diese Großartigkeit, die Augusts Geschichte ausstrahlt.

Vielmehr sind es ganz normale Geschichte vom Heranwachsen und den Fehlern und Gemeinheiten, die man in dieser schwierigen Selbstfindungsphase begeht. Lediglich Julians Geschichte hat bei mir persönlich mehr Probleme bereitet. Da übertreibt Palacio es definitiv mit der Rechtfertigungsgrundlage für sein Verhalten – auch wenn er noch ein Kind ist. Besonders die Geschichte seiner jüdischen Großmutter und ihrer Vergangenheit war dann doch eine Ebene zu viel.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autorin: Raquel J. Palacio | Originaltitel: Auggie & Me: Three Wonder Stories   | übersetzt von: André Mumot | Genre: Kinderbuch, Jugendbuch | Reihe: – | Gattung: Kurzgeschichten | Verlag: Hanser ( 2017 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 349

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