Rezension | Yu Hua: Die sieben letzten Tage

Die sieben letzten Tage

Yang Fei ist 41 Jahre alt und er ist tot. Zumindest wird ihm dies bewusst, als er in seiner Wohnung aufwacht und sein Gesicht komplett verzogen ist. Sein Augapfel hängt über seine Wange hinweg. An seinen Tod kann er sich nicht genau erinnern. Verwirrt verlässt er zuerst das Haus, doch ein alles umgebender Nebel verhindert, das Yang Fei sich orientieren kann. Eine gespenstische Stimmung breitet sich aus in der Stadt, die ihm eigentlich seine Heimat ist.

Zurück in seiner Wohung stellt er nicht nur fest, dass sein Gesicht entstellt ist, sondern auch, dass er ist nicht gesäubert oder zurechtgemacht ist, um den letzten Weg zum Bestattungsinstitut anzutreten. Yang Fei starb und wurde vergessen, denn er hat keine lebenden Verwandten mehr. Doch dann klingelt das Telefon: Der kurz angebundene Bestattungsmitarbeiter erinnert ihn daran, dass er einen Termin hat. Die Einäscherungstermine sind strikt terminiert.

Die sieben letzten Tage: das Leben nach dem Tod – ein Kuriosum

Das stellt auch Yang Fei fest, als er im Bestattungsinstitut ankommt. Schnell hat er sich noch seinen alten aber gepflegten Pyjama übergezogen, denn auch ein Totenkleid fehlt ihm. Im Institut sitzen bereits andere Tote, die darauf warten ihre letzte Reise anzutreten. Strikt getrennt wird dort nach VIPs in bequemen Sesseln und dem Rest der ärmeren Bevölkerung auf billigen Plastikstühlen. Zu letzteren muss sich auch Yang Fei begeben. Doch je mehr er den Unterhaltungen seiner Sitznachbarn zuhört, desto mehr wird ihm bewusst, dass er weder eine Urne noch ein Grab besitzt und somit als unruhiger Geist auf ewig durch die Straßen wandeln muss. Denn eine Einäscherung muss ein Ziel haben: das von der Familie bereit gestellte Grab.

Yang Fei geht und landet bald im Niemandsland, dem Ort, an welchen die Verstorbenen geraten, für die kein Grab bereit stand. Dort tollen halb verweste Tote herum, ähnliche Anzeichen, die er selbst schon an sich entdeckt und ganz viele Skelette, denn am Ende bleibt nur dieses übrig. Aber Yang Fei ist noch nicht bereit, sich im Niemandsland einzunisten. Er ist auf der Suche nach seinem Vater, der ihn vor Jahren verlassen hat, als er schwer erkrankte und einfach verschwand, um nie wieder aufzutauchen.

Die sieben letzten Tage: Auf der Suche nach seinem Leben

Yang Fei begibt sich also auf die Suche nach seinem Vater und gerät dabei in seine Vergangenheit hinein. Er denkt an seine Kindheit, an die Zeit mit seiner Exfrau Li Qing und wie es kam, dass sie sich scheiden ließen. Er überlegt, wann er zum letzten Mal wirklich glücklich war und kommt dabei nicht nur seinem eigenen Tod auf die Schliche, sondern begegnet auch alten Bekannten wieder.

Die sieben letzten Tage“ ist ein faszinierendes und skurriles Buch. Yu Hua konstruiert eine Welt nach dem Tod, die es zu entdecken gilt. Sein Protagonist ist ein Durchschnittsmensch, dessen Leben sich in eine Abwärtsspirale bewegt hat. Seine Frau hat sich scheiden lassen, sein todkranker Vater hat sich von ihm abgewandt, um ihn nicht zu belasten. Denn Yang Fei musste seinen gut bezahlten Job aufgeben, um seinen Vater zu pflegen. Und von diesem Zeitpunkt an lebte er ein zurückgezogenes gänzlich unspektakuläres Leben.

Die sieben letzten Tage: skurril, tiefgründig & anders

Es ist ein seltsamer Einstieg in dieses Buch. Der Tod hat Yang Fei bereits erhascht, die Ursache bleibt noch im Dunkeln. Schnell wird klar, dass der Held der Geschichte sich nicht in einem fremdartigen Land zwischen Leben und Tod befindet, sondern immer noch auf der Welt wandelt, allerdings eben als Toter. Und auch in dieser Welt wird getrennt zwischen reich und arm. Die ärmsten der Bevölkerung haben auch im Nachleben schlechte Karten. Nur das Niemandsland bleibt ihnen, in welchem sie ihre menschliche Gestalt mit der Zeit verlieren, auf groteske Art und Weise: das Fleisch verfault und fällt ab bis nur noch das Skelett übrig ist.

Es ist ein skurriles Nachleben, das der Autor hier entwirft, denn auch dieses Leben nach dem Tod ist vom Leben bestimmt. Und gerade um dieses Leben von Yang Fei geht es vielmehr als um seinen Tod, dem der Leser natürlich auch noch auf die Schliche kommt. Yang Fei lässt sein Leben Revue passieren, gerade deshalb, weil er mit 41 Jahren stirbt, ausgelaugt und müde. Yu Hua lässt seinen Protagonisten auf die Suche nach sich selbst gehen. Als Baby ging er seinen richtigen Eltern verloren und sein Vater nahm, damals Bahn-Streckenwärter, nahm ihn bei sich auf.

Yang Fei beschreitet einen Weg in die Vergangenheit und begegnet dabei ein ums andere Mal Menschen aus seinem Leben, die ebenfalls bereits den Tod gefunden haben. Und dabei werden Geschichten erzählt, die tragisch sind und gleichzeitig voller Wärme menschlicher Beziehungen. Die aber auch im Nachleben die Tragweite menschlichen Handelns beschreiben.

Fehlentscheidungen, Verblendung, Gier, aber auch (Nächsten-)Liebe, Scham und Verlust sind die großen Themen in „Die sieben letzten Tage“.  Wer skurrile Geschichten mag, der wird diesen Roman verschlingen, denn Yang Fei hat ein weit aufregenderes Leben hinter sich, als man am Anfang vermuten würde. Er hat Entscheidungen getroffen, die den Rest seines Lebens bestimmt haben.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Autor: Yu Hua | Originaltitel: Di-qi tian | übersetzt von: Ulrich Kautz | Genre: Gegenwartsliteratur | Reihe: – | Gattung: Roman | Verlag: S. Fischer Verlag ( 2017 ) | Medium: Hardcover | Seiten: 304

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kill monotony | Janetts Meinung

Ein Kommentar

  1. Danke für die Rezension!

    Ich habe bisher nichts von dem Buch gehört oder gelesen, ist also völlig an mir vorübergegangen. Aber wow! – das klingt wirklich außergewöhnlich! Steht jetzt definitiv auf meiner to-read-Liste. 🙂

    Liebe Grüße,
    Nadine

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