[Rezension] Zeh, Juli: Corpus Delicti

Details:
Originaltitel : Corpus Delicti. Ein Prozess
Autor: Juli Zeh
Genre: Dystopie
Reihe: –
Gattung: Roman
Verlag: Schöffling & Co ( 2009 )
Seiten: 264

Inhalt:

Mia Holl trauert um ihren toten Bruder. Doch Trauer, die sich auf den eigenen Körper und die eigene Gesundheit auswirken, gelten in ihrer Welt als Angriff auf das System. Die METHODE, wie sich das System nennt, leitet sofort Maßnahmen ein, um Mia von ihrem gesundheitsgefährdenden Verhalten abzubringen und als das nicht klappt wird sie vor Gericht gestellt. Die Gesundheit steht an oberster Stelle und ihr zu Gunsten werden den Bürgern freies Handeln und Selbstbestimmung geraubt.

Meinung:

Nach dem Selbstmord ihres Bruders ist das Einzige, was Mia Holl will, trauern zu dürfen. Doch die METHODE, das System, versagt ihr die Trauer, da sie damit ihre eigene Gesundheit gefährdet und somit gegen das System agiert. Denn in der METHODE ist die Gesundheit das höchste Gut. Der Mensch muss sich einer Kontrolle unterziehen, die selbst vor dem privaten Raum des Zuhauses keinen Halt kennt. Sowohl öffentliches als auch privates Recht handeln im Sinne der METHODE, sitzen vor Gericht sogar an einem Tisch, um ihr gemeinsames Ziel zu demonstrieren.

Die Biologin stand mit ihrem Verstand bisher voll hinter der METHODE, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, der für Mord ins Gefängnis kommt. Das System macht keine Fehler und so ist es selbstverständlich, dass jeder Angeklagte gesteht. Nicht so der 27-jährige Moritz Holl. Und auch für Mia steht fest, dass ihr Bruder nicht der Täter war und gerät damit in einen Gewissenskonflikt zwischen ihrem Verstand und ihrem Herzen. Sie gibt Heinrich Kramer die Schuld am Tod ihres Bruders. Er ist eine Berühmtheit aus dem Fernsehen, ein Methodenanhänger und Mitentwickler der Wächterhaus-Initiative, ein Zusammenschluss aus Häusern, in denen die Bewohner methodenfreundlich gestimmt sind und gegenseitig dafür sorgen, dass das auch so bleibt.

Die Gesundheit als höchstes Gut, aus der ein Überwachungsstaat entsteht. Vor dem Gericht steht der Angeklagte nackt und entblößt. Ein Zeichen dafür, dass die Würde des Menschen eingeschränkt wird – für die Gesundheit. Ein Leben ohne Leid und Schmerz, dafür sorgt die Gemeinschaft und im Gegenzug ist jeder Bürger dazu verpflichtet, auf seine Gesundheit zu achten.

Die METHODE überwacht ihre Bürger auf’s Strengste. Rauchen ist verboten. Regelmäßig und gesund essen sowie Sport treiben dafür umso wichtiger. Krankheit dagegen ein ekelerregendes Übel, das unbedingt ausgemerzt werden muss und schon beim kleinsten Anzeichen für einen Verstoß – so gibt es auch Sensoren in jeder Toilette in jedem Haus, welche den Magensäuregehalt kontrollieren, falls sich jemand übergeben sollte – werden sofort gemaßregelt.

In Corpus Delicti erschafft Juli Zeh einen Überwachungsstaat, in dem die Menschen keiner Religion und keinem Markt huldigen, einzig der Gesundheit. Doch das System ist gesundheitsfanatisch und selbst der kleinste Verstoß wird nicht hingenommen. Nach dem Tod von Mias Bruder steht die Protagonistin völlig neben sich. Sie hat Moritz die Angelschnur ins Gefängnis geschmuggelt, mit der er sich erhängt hat. Schuldgefühle plagen die junge Frau. Sie vernachlässigt ihr Äußeres, isst kaum und raucht. Die METHODE sieht dies als Angriff auf ihr System und leitet nach wiederholtem Zurechtweisen ein Verfahren gegen Mia Holl ein.

Ihr Fall schlägt hohe Wellen, denn nicht jeder ist mit dem Gesundheitsfanatismus des Staates und der daraus hervorgehenden universalen Kontrolle zufrieden. Bis vor kurzem war Mia eine treue Anhängerin der METHODE und die schwärmerischen Freiheitsgedanken ihres Bruders konnte sie nicht nachvollziehen. Nach dessen Tod allerdings ändert sich das Schritt für Schritt. Die ideale Geliebte – ein Traumbild ihres Bruders, das er ihr hinterlassen hat – ist der revolutionäre Gedanke, das Gewissen, welches in Mias Kopf arbeitet und ihr frei heraus sagt, was sie denkt. Ganz im Gegensatz zur Wirklichkeit, in der nur methodenfreundliche Aussagen zulässig sind.

Corpus Delicti ist eine wirklich interessante und gut durchdachte Dystopie. Es ist spannend zu erfahren, wie sich der Traum eines Lebens ohne Leid und Schmerz, sprich ohne Krankheit, verändert; wie der Staat sich in das Leben der Menschen einmischt und das freie Handeln jedes Einzelnen einschränkt zu dessen Wohl und, um seine Gesundheit zu erhalten.

Fazit:

Juli Zeh entwirft in Corpus Delicti eine Zukunftsvision, in welcher das System, die METHODE, den Menschen bis ins kleinste Detail im Auftrag der Gesundheit – das höchste Gut des Menschen – kontrolliert. In diesen Sog gerät die Hauptfigur Mia Holl, die eigentlich nur um ihren toten Bruder trauern will. Doch rauchen und wenig Nahrung zu sich nehmen, gelten als Angriff auf die METHODE und werden nicht einfach hingenommen. Die Autorin konstruiert eine wohl durchdachte und interessante Dystopie, die der Leser nicht aus der Hand legen möchte, weil er selbst wissen will, ob das perfekte System wirklich fehlerfrei ist oder nicht.

Daher gibt es von mir 5 von 5 möglichen Sternen.

4 Kommentare

  1. Nur gut, dass das Buch schon subbt. 🙂 Allerdings brauche ich für Juli-Zeh-Bücher immer einen ruhigen Moment, in dem ich mich ganz auf ihre Geschichten einlassen kann. Zum Glück sind bald Semesterferien bzw. es ist vorlesungsfreie Zeit. Das trifft es ja immer besser. 😉
     
    Liebe Grüße, Nina

  2. Danke für die begeisterte Rezi. „Spieltrieb“ hat mir sehr gut gefallen, aber ich wusste lange nicht, welches Buch von Juli Zeh ich danach lesen sollte. Ich schätze, es wird dieses hier werden. :daumen:

  3. @ Nina: Das kenne ich. Vor ein paar Wochen habe ich das Hörbuch zu „Angriff auf die Freiheit“ angefangen, es aber bisher nicht weitergehört, weil ich dazu einfach Zeit und Ruhe brauche.

    @ Myriel: Sehr schön! „Spieltrieb“ interessiert mich auch und werde ich mir nach dem Hörbuch dann wohl vornehmen. 🙂

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